Die Antwort von der Erde kam nach achtzehn Tagen, und sie war kurz: „Signal erhalten. Die Heimat startet in sechs Tagen. Haltet die Betten warm.“ Danach begann eine Zeit, die Bo offiziell als „Wartephase mit erhöhter Betriebsamkeit“ führte und die alle anderen einfach die schönste Ungeduld nannten. Denn die Heimat war kein kleines Schiff wie die Zuversicht. Sie brachte vier Familien mit – zehn Erwachsene. Aus zwölf Menschen auf Hope würden zweiundzwanzig werden.
In den Monaten des Flugs wurde die Kuppel umgekrempelt. Machmaschine Nummer vier baute Wandmodule, Dächer und Treppen, das Schrauben-Team setzte zusammen, bis allen die Finger wehtaten, und am Gemeinschaftshaus wurde ein zweiter Raum angebaut, weil zweiundzwanzig Menschen nicht mehr an einen Tisch passten. Im Gewächshaus wurden neue Beete angelegt. Und im Garten pflanzten Nexus und Xenia eine zweite Reihe Sonnenblumen – Kinder von Kindern von Omas Kernen.
Eines Abends dann, beim Funkkontakt, gab es eine Nachricht, die alles veränderte. Die Kinder saßen wie immer dabei, als die Stimme der Kapitänin aus dem Lautsprecher kam, und sie klang ein bisschen anders als sonst, etwas heiser und sehr glücklich. „Hope, wir haben hier eine Meldung besonderer Art. Heute Morgen, um 04:12 Bordzeit, hat unsere Ärztin Lene ein Mädchen bekommen. Mutter und Kind geht es wunderbar. Sie heißt Stella. Und sie ist“, die Stimme machte eine Pause, „der erste Mensch, der zwischen den Sternen geboren wurde.“
In der Funkzentrale von Hope brach Jubel aus, wie ihn die Kuppel noch nicht gehört hatte. Bo drehte drei Runden. Nexus’ Mama weinte und lachte gleichzeitig. Und Juna, die immer alles genau wissen wollte, stellte die Frage, die danach wochenlang durch die Siedlung geisterte: „Moment mal. Wenn sie im Weltall geboren ist – wo ist sie dann zu Hause?“
Darüber redeten sie an diesem Abend lange. „Wir anderen“, sagte Xenias Papa, „sind alle Erdenmenschen, die nach Hope gezogen sind. Wir haben Äpfel gegessen und im Regen gestanden und kennen den Geruch von Sommer. Stella nicht. Für sie wird Hope nicht die neue Welt sein. Für sie wird Hope einfach die Welt sein.“ Nexus dachte lange darüber nach. Sie fand den Gedanken schwindelerregend und wunderschön zugleich: Ein Mensch, der den violetten Himmel für den normalen Himmel halten würde. Der die singenden Steine für selbstverständlich nahm.
„Dann müssen wir ihr ganz besonders viel zeigen“, beschloss Milo. „Sonst weiß sie ja nichts.“ Und so entstand die letzte und wichtigste Liste der Wartezeit, geschrieben von Juna, ergänzt von allen: „Was Stella als Erstes sehen muss.“ Ganz oben stand nicht die Rutsche, sondern das Abendlied. Dann die Sonnenblumen. Dann Schnorchel, „aber aus der Ferne, sie ist ja noch klein“. Und ganz unten hatte Milo mit Buntstift dazugeschrieben: „Kekse (später).“
Die Wartezeit brachte noch eine Überraschung mit sich, die niemand geplant hatte: Schule für Erwachsene. Denn die Neuen würden ankommen und nichts wissen – nichts über Atemmasken im Alltag, nichts über die Regeln an der Lauschbude, nichts über das Abendlied. Und wer wusste das alles am besten? „Ihr“, sagte Nexus’ Mama zu den Kindern und meinte es ernst. „Ihr lebt hier seit über einem Jahr. Ihr seid die Fachleute.“ Also bereiteten die vier eine richtige Einführung vor, mit Zetteln und allem. Juna übernahm die Tiere, Xenia die Maschinen, Nexus die Kuppel und den Garten. Milo bekam den Teil, den er als Einziger halten konnte: wie man sich verhält, wenn man einem Hamsterelefanten begegnet. Sein ganzer Vortrag bestand aus einem Satz: „Still sein und warten.“ Es war der beste des Abends.
Die Landung der Heimat war der größte Tag seit dem Hope-Tag. Das Schiff war doppelt so groß wie die Zuversicht, und als es über das Tal zog, warf es einen Schatten über die ganze Kuppel. Es setzte auf der Ostwiese auf, und dann dauerte es endlos lange, bis die Rampe ausfuhr – jedenfalls kam es vier Kindern so vor, die in Masken und Winterjacken im Gras standen und von einem Fuß auf den anderen traten.
Dann kamen sie. Zehn Erwachsene, wackelig, staunend, mit Tränen in den Augen hinter den Masken. Und als Letzte, langsam und vorsichtig, eine junge Frau mit einem Bündel im Arm. Lene, die Ärztin. Sie blieb oben auf der Rampe stehen, schaute über das Tal, über das silbergrüne Gras und den violetten Himmel und die glitzernde Kuppel. Dann drehte sie das Bündel ein Stück, damit es hinausschauen konnte, und sagte leise, aber alle hörten es durch die Funkgeräte: „Schau, Stella. Das ist zu Hause.“
Stella war winzig. Sie hatte einen eigenen kleinen Transportinkubator, eine durchsichtige Kuppel für eine Kuppelbewohnerin, und darin lag sie in einem gelben Strampler und schlief seelenruhig durch ihre eigene historische Ankunft. Die Kinder standen um sie herum und trauten sich kaum zu atmen. „Sie ist so klein“, flüsterte Juna. „Du warst auch mal so klein“, sagte ihre Mama. „Nein“, sagte Juna überzeugt. „Niemals.“
Drinnen in der Kuppel, wo die Masken abgenommen wurden, durfte dann jeder einmal ganz vorsichtig schauen. Und als die Reihe an Milo kam, passierte das, was danach in jeder Erzählung dieses Tages vorkam: Stella wachte auf, machte die Augen auf – große, dunkle, verschlafene Augen – und schaute Milo direkt an. Milo schaute zurück. Dann sagte er, ganz sachlich: „Hallo. Ich bin Milo. Ich bin hier der Kleinste gewesen.“ Er überlegte kurz. „Jetzt du.“
Die Tage danach waren voller Trubel. Vier Familien zogen in vier Häuser, überall wurden Kisten ausgepackt, und in der Schule saßen plötzlich Erwachsene mit auf den Bänken, weil sie über Hope lernen mussten, was die Kinder längst wussten. Nexus und Xenia führten Gruppen über das Gelände, erklärten Atemmasken und die Regeln der Lauschbude und zeigten stolz die Bank der Freundinnen. „Ihr seid die Alteingesessenen“, sagte einer der Neuen zu ihnen, und die beiden mussten furchtbar lachen. Alteingesessen. Mit acht.
Am schwierigsten war für die Neuen die Maske. Nexus erkannte es sofort wieder – dieses kurze Zögern, bevor man zum ersten Mal hinausgeht, und den Schreck, wenn das Piepen vom Tankwechsel kommt. Sie stand deshalb jeden Morgen an der Schleuse und half. „Fest an die Wangen drücken, dann atmen. Nicht andersrum“, sagte sie und klang dabei genau wie ihr Papa. Eine der neuen Frauen lachte hinterher: „Ich bin vierzig und lasse mir von einer Achtjährigen das Atmen erklären.“ – „Sie hat aber recht“, sagte Lene. „Auf dieser Welt sind wir die Anfänger.“ Nexus wurde rot und war den ganzen Tag über zwei Zentimeter größer.
Am fünften Abend war es dann so weit für den wichtigsten Punkt der Liste. Lene trug Stella hinaus, gut eingepackt, mit ihrer kleinen Atemhaube, und die ganze Siedlung – zweiundzwanzig Menschen und ein Roboter – stand im Gras vor der Kuppel. Die goldene Sonne sank hinter die Perlmuttberge. Der Himmel wurde rosa und dann pflaumenblau. Und dann begannen die Steine zu singen.
Stella hörte auf zu zappeln. Ihre kleinen Hände öffneten sich, ihr Kopf drehte sich langsam in Richtung der Hügel, und sie lag völlig still in Lenes Armen und lauschte dem Lied ihrer Welt. Niemand sprach. Nexus merkte, wie Xenia neben ihr nach ihrer Hand griff, so wie damals bei der Landung. „Sie wird nie wissen, dass das besonders ist“, flüsterte Xenia. „Doch“, flüsterte Nexus zurück. „Wir erzählen es ihr. Immer wieder. Bis sie es selber merkt.“
Später an diesem Abend standen die Kinder noch einmal am Kuppelfenster und schauten hinaus, und Juna rechnete laut. „Also. Stella ist jetzt vier Monate alt. In einem Jahr kann sie laufen. In zwei Jahren kann sie reden. Und dann“, sie zählte an den Fingern, „ist sie ungefähr so alt, wie Milo war, als er ankam.“ Milo nickte ernst. „Dann zeige ich ihr die Rutsche“, sagte er. „Und wie man still ist. Das ist das Wichtigste, wegen Schnorchel.“
Bo hatte unterdessen ein neues Lieblingsprojekt. Er hatte begonnen, für Stella ein Archiv anzulegen – Bilder, Aufnahmen, Messwerte, jeden Tag ein Eintrag. „Sie wird eines Tages wissen wollen, wie es war, als sie ankam“, erklärte er. „Und sie wird die Einzige sein, die sich an nichts davon erinnert.“ Die Kinder fanden das so gut, dass sie sofort mitmachten. Xenia nahm das Abendlied auf, in bester Qualität, für später. Juna schrieb eine Liste aller Lebewesen, die es auf Hope gab, „damit sie nicht denkt, das war schon immer bekannt“. Nexus legte ein paar Sonnenblumenkerne dazu. Und Milo steuerte eine Zeichnung bei, auf der Stella ungefähr so groß war wie die Kuppel.
In dieser Nacht schliefen zum ersten Mal fünf Kinder unter der Kuppel von Hope, und das jüngste davon kannte keine andere Welt. In der Werkstatt stand still die große Machmaschine Nummer vier, im Orbit zog Krümel treu seine Bahn, und auf dem Wiesenrand lag die Lauschbude im Mondlicht von Brumm und Fips und wartete auf morgen.
„Weißt du, was das Verrückteste ist?“, murmelte Nexus durch die Klappe. „Als wir angekommen sind, war hier niemand. Gar niemand. Und jetzt ist jemand geboren, für den das hier von Anfang an Heimat ist.“ Xenia gähnte zufrieden. „Dann haben wir es geschafft, oder? Genau das war doch der Plan.“ Draußen sangen die Steine ihr Lied zu Ende, und die beiden besten Freundinnen von Hope schliefen ein – in einer Welt, die gerade aufgehört hatte, neu zu sein. Schlaf gut, Nexus. Schlaf gut, Xenia. Und schlaf gut, kleine Stella. Gute Nacht.
