Der Herbst – oder das, was auf Hope dem Herbst am nächsten kam – brachte Regen. Nicht mehr das große erste Gewitter von damals, sondern lange, sanfte Regennächte, nach denen morgens alles glänzte und die Luft nach Honig und nassem Moos roch. Und er brachte Arbeit: Machmaschine Nummer vier wuchs in der Werkstatt heran, Woche für Woche, und das Schrauben-Team war inzwischen auf vier Kinder angewachsen, von denen zwei ziemlich klein waren, aber sehr ernsthaft.
Milo, der seit dem Sommer sechs war, hatte dabei eine eigene Spezialaufgabe gefunden: Er sortierte die Schrauben. Er konnte stundenlang am Tisch sitzen und sie nach Größe in die Fächer legen, und niemand machte das so genau wie er. „Jeder hat sein Talent“, sagte Xenias Papa. „Manche Menschen bauen große Maschinen. Manche sorgen dafür, dass die Großen die richtige Schraube finden. Ohne die Zweiten gibt es die Ersten nicht.“
Nummer vier war ohnehin ein Ungetüm. Sie füllte die halbe Werkstatt aus, ihr Tor war so groß wie eine Garageneinfahrt, und wenn sie lief, brummte sie so tief, dass man es in den Fußsohlen spürte. Xenia hatte anfangs Respekt vor ihr, fast schon zu viel. „Sie ist so groß“, sagte sie einmal. „Was, wenn ich einen Fehler mache?“ Da nahm ihre Mama sie mit nach vorn ans Bedienpult und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Weißt du, wer diese Maschine gebaut hat? Vier Kinder, drei Konstrukteure, zwei Forscher und ein Roboter. Und weißt du, wer die Schrauben Nummer eins bis dreitausendzweihundert in ihre Vorgängerin gedreht hat?“ Xenia grinste schief. „Wir.“ – „Dann“, sagte ihre Mama, „ist sie auch ein bisschen deine. Und vor dem eigenen Werkzeug muss man keine Angst haben. Nur Achtung.“
An einem dieser Regenmorgen kam Nexus’ Mama vom Kontrollgang zurück, und sie hatte einen Ausdruck im Gesicht, den die Kinder inzwischen gut kannten – den Ich-habe-etwas-gesehen-Blick. „Kommt mit zur Blühwiese“, sagte sie nur. „Und bringt eure Geduld mit.“ Draußen tropfte es noch von den Hügeln. Am Wiesenrand, dort wo das Moos besonders dick wuchs, kniete sie sich hin und zeigte. Zwischen den Moospolstern saßen kleine Knospen, aber keine Pflanzenknospen: Sie waren durchscheinend, weich, ungefähr so groß wie eine Walnuss, und es waren Hunderte.
„Die waren gestern noch nicht da“, sagte Juna sofort, denn sie führte Buch über alles. „Doch“, sagte Mama. „Sie waren da. Aber sie waren geschlossen und braun und sahen aus wie Moos. Der Regen hat sie geweckt.“ Sie nahm ihr Messgerät und lauschte. „Da drin ist etwas. Und es bewegt sich.“ Vier Kinder legten sich sofort bäuchlings ins nasse Gras, was sich aus verschiedenen Gründen sehr lohnte.
Den ganzen Tag über passierte: nichts. Die Kinder kamen dreimal, schauten, warteten und gingen wieder. „Geduld ist das Wichtigste beim Forschen“, sagte Mama zum vierten Mal, und zum vierten Mal seufzte Juna. Doch als am Abend die goldene Sonne hinter die Perlmuttberge sank und die Steine ihr Lied begannen, ging ein Zittern durch das Moospolster. Und dann öffnete sich die erste Knospe.
Was herauskam, entfaltete sich langsam wie ein nasses Blatt Papier, das trocken wird: zwei breite, weiche Flügel, ein winziger Körper, zwei Fühler wie feine Härchen. Das Wesen saß da, ganz still, während seine Flügel trockneten – und dann begann es zu leuchten. Erst schwach, wie ein Glühwürmchen. Dann heller. Ein tiefes, sanftes Türkis, das von den Flügeladern ausging und sich über die ganze Fläche verteilte, bis das kleine Ding in der Dämmerung schwebte wie eine winzige Laterne.
Und dann öffneten sich die anderen. Zu Hunderten, fast gleichzeitig, als hätten sie sich abgesprochen. Innerhalb weniger Minuten war die ganze Wiese voller schwebender türkiser Lichter, die aufstiegen, sich sammelten, in großen langsamen Schleifen über das Moos zogen und wieder herabsanken. Es war so still dabei, dass man das Abendlied der Steine dahinter hörte, und die Lichter bewegten sich, als würden sie dazu tanzen. Niemand sagte ein Wort. Milo hatte den Mund offen. Juna hatte ihr Forschungsbuch in der Hand und schrieb nichts hinein.
„Wie lange dauert das?“, flüsterte Nexus schließlich. Ihre Mama schaute lange hin, bevor sie antwortete. „Ich weiß es nicht sicher“, sagte sie leise. „Aber so etwas kennen wir von der Erde. Tiere, die als Larve lange im Boden leben – Jahre manchmal – und dann eine einzige Nacht lang fliegen. Sie tanzen, sie finden einander, sie legen ihre Eier ins Moos. Und am Morgen ist es vorbei.“ Xenia schluckte. „Nur eine Nacht? Das ist doch traurig.“
Ihre Mama, die Konstrukteurin, legte ihr den Arm um die Schultern. „Ich habe lange gebraucht, um das anders zu sehen“, sagte sie. „Aber schau sie dir an. Sie warten nicht auf morgen. Sie haben keine Angst vor übermorgen. Sie haben diese eine Nacht, und sie machen aus ihr das Hellste, was Hope zu bieten hat.“ Sie zeigte auf das schwebende Meer aus Licht. „Das ist nicht traurig. Das ist alles auf einmal.“ Nexus merkte, wie ihr die Kehle eng wurde, aber es war ein warmes Eng.
Sie durften lange bleiben, viel länger als sonst. Irgendwann setzten sich alle ins Gras, und die Lichter zogen um sie herum, manchmal so nah, dass ein Flügel fast eine Maske streifte. Ein einzelnes Wesen ließ sich auf Junas Handschuh nieder, blieb drei Atemzüge sitzen und stieg wieder auf. Juna rührte sich die ganze Zeit nicht und flüsterte hinterher nur: „Ich habe es nicht angefasst. Es hat mich angefasst.“ Milo nickte weise. Er kannte das.
Auf dem Rückweg war klar, dass diese Nacht einen Namen brauchte, und diesmal waren Nexus und Xenia an der Reihe. Sie berieten sich flüsternd, wie immer. „Mondfalter?“, schlug Nexus vor. „Zu erdig“, fand Xenia. „Sie kommen nachts, sie leuchten, und sie sind nur eine Nacht da.“ Nexus blieb stehen. „Nachtleuchter“, sagte sie. Und Xenia nickte sofort, denn manchmal ist ein Wort einfach fertig, sobald man es hört.
Bo trug es feierlich ein und las anschließend die ganze Liste vor, wie er es seit Neuestem bei jedem Eintrag tat: „Brumm und Fips. Krümel. Hamsterelefant. Schnorchel. Windsegler. Flussfunken. Nachtleuchter.“ Er machte eine Pause. „Sieben Namen. Alle von Kindern vergeben. Ich möchte festhalten, dass diese Welt sprachlich von unter Zehnjährigen erschlossen wurde.“ – „Und das ist gut so“, sagte Nexus’ Papa. „Erwachsene hätten sie Typ-4-Gleitorganismus genannt.“
In den Nächten danach kamen die Nachtleuchter immer wieder, jeden Abend neue, jeder nur für eine Nacht. Die Erwachsenen richteten eine zweite Lauschbude am Moosfeld ein, und Nexus’ Mama saß dort oft bis spät und schrieb mit, wie viele schlüpften und wohin sie flogen. Einmal durften die Kinder mitkommen und bis Mitternacht bleiben. Sie lagen nebeneinander auf einer Decke, sahen den Lichtern zu und sagten kaum etwas. Irgendwann flüsterte Juna: „Ich schreibe morgen in mein Buch, dass ich die Nachtleuchter gezählt habe. Aber das stimmt gar nicht. Ich habe nur geguckt.“ – „Schreib genau das hinein“, sagte Mama aus dem Dunkeln. „Das ist auch Forschung. Manchmal die wichtigste Sorte.“
Zwei Wochen später war es dann so weit, und es hatte gar nichts mit Leuchten und Tanzen zu tun, sondern mit Schrauben, Wänden und sehr viel Arbeit: Machmaschine Nummer vier lief. Sie war so groß wie ein kleines Haus, und ihr erstes Werkstück war ein komplettes Wandmodul – eine ganze Hauswand, am Stück, mit Fensteröffnung. Es dauerte danach nur noch wenige Wochen, bis am Rand der Kuppel vier neue Häuser standen, leer und wartend, mit Betten, Tischen und Fenstern zum Garten.
Und an dem Abend, an dem das letzte Fenster eingesetzt war, rief Nexus’ Papa alle in die Funkzentrale. Er hatte den Sender vorbereitet, den Kanal zur Erde offen, und dann tat er etwas, womit niemand gerechnet hatte: Er stand vom Stuhl auf und machte ihn frei. „Vor einem Jahr“, sagte er, „haben wir von der Erde ein Signal bekommen, auf das wir gewartet haben. Heute senden wir eines. Und ich finde, das sollen die machen, die hier das meiste gebaut haben – gemessen in Schrauben.“
So drückten sie den Knopf zu viert. Nexus’ Hand unten, Xenias darüber, dann Junas, und ganz obenauf Milos kleine Hand. Und Nexus sprach die Worte, die sie sich gemeinsam überlegt hatten: „Hier ist Hope. Die Häuser stehen. Die Betten sind gemacht. Kommt nach Hause.“ Bo blinkte in einem Orange, das niemand vorher an ihm gesehen hatte, und meldete: „Signal gesendet. Laufzeit zur Erde: neun Tage.“
Später lagen die Kinder in ihren Betten, und durch die Kuppel drang von weit her noch ein letztes türkises Schimmern von der Wiese – die zweite Nacht der Nachtleuchter hatte begonnen, dort schlüpften jetzt die nächsten. „Neun Tage“, murmelte Xenia durch die Klappe. „Und dann dauert es Monate, bis sie hier sind.“ – „Macht nichts“, murmelte Nexus. „Wir haben ja was zu tun.“
Draußen sangen die Steine, über dem Moos schwebten Lichter, die nur diese eine Nacht hatten und sie voll ausnutzten, und irgendwo im Dunkeln zwischen den Sternen war eine kleine Funkwelle unterwegs zur Erde, mit vier Kinderhänden darauf. Schlaf gut, Nexus. Schlaf gut, Xenia. Gute Nacht.
