Zwei Wochen nach dem Hope-Tag hing in der Werkstatt ein neuer Plan an der Wand, und er war der größte, den Xenias Eltern je gezeichnet hatten: Machmaschine Nummer vier. Sie sollte so groß werden wie ein kleines Haus und ganze Wandstücke am Stück bauen können. „Und wofür?“, fragte Juna, die inzwischen neun war und grundsätzlich alles wissen wollte. Xenias Mama tippte auf die Zeichnung. „Für Platz. Auf der Erde warten Schiffe darauf, dass wir Bescheid geben. Bevor wir rufen, müssen hier Häuser stehen.“
Doch bevor gebaut wurde, musste geschaut werden. „Ein Haus setzt man nicht irgendwohin“, erklärte Nexus’ Papa beim Frühstück. „Wir brauchen mehr Wasserproben, mehr Bodenkarten, mehr Wetterdaten – und zwar von weiter draußen, als wir je waren.“ Er breitete eine Karte aus, auf der hinter den bekannten Hügeln nur eine große, leere Fläche war. „Hinter dem Perlmuttgebirge liegen die Ebenen. Dort war noch nie ein Mensch. Wir fahren hin. Drei Tage, mit dem großen Rover.“ Vier Kinder sprangen gleichzeitig auf, und Bo musste dreimal „nicht rennen“ sagen.
Vor der Abfahrt gab es allerdings noch eine Bedingung, und die stellte Nexus’ Mama. „Drei Tage draußen heißt: drei Tage Verantwortung“, sagte sie. „Jeder von euch bekommt eine Aufgabe, die wirklich gebraucht wird.“ Juna wurde Kartenführerin und durfte die Route mitschreiben. Xenia bekam die Geräteliste, weil sie Werkzeug besser kannte als jeder Erwachsene. Nexus war für die Lufttanks zuständig, für alle sieben Personen, zweimal täglich kontrolliert. Und Milo? Milo wurde offiziell zum Ausguck ernannt. „Du bist der Stillste von uns“, erklärte Mama, „und wer still ist, sieht am meisten. Du sagst Bescheid, wenn du etwas entdeckst.“ Milo nickte so ernst, als hätte man ihm ein Raumschiff anvertraut. Wie wichtig dieser Posten war, sollte sich schon am nächsten Tag zeigen.
Der große Rover war ein wunderbares Fahrzeug: sechs dicke Räder, eine gläserne Kanzel und hinten eine kleine Kabine mit Klappbetten, in der man tatsächlich übernachten konnte, ohne die Maske aufzusetzen. Am Morgen der Abfahrt prüfte Bo alles dreimal. „Lufttanks: voll. Ersatztanks: voll. Funk: geprüft. Proviant: reichlich. Und Regel Nummer drei?“ – „Trockene Socken!“, riefen vier Stimmen im Chor. „Korrekt“, sagte Bo zufrieden und rollte auf seine Rampe. Denn diesmal, das hatte er sich fest ausbedungen, kam er mit.
Die ersten Stunden führten durch bekanntes Land: an der Blühwiese vorbei, wo die Herde der Hamsterelefanten gemächlich graste und Schnorchel dem Rover ein Stück weit hinterhertrottete, bis ihm die Sache zu schnell wurde. Dann ging es den langen Hang hinauf, durch einen Pass im Perlmuttgebirge, wo die Felsen zu beiden Seiten schimmerten wie die Innenseite einer Muschel. Und am Nachmittag rollte der Rover über die letzte Kuppe – und alle wurden still.
Vor ihnen lagen die Ebenen. Sie waren so weit, dass man den Horizont nicht als Linie sah, sondern als ein Verschwimmen von Silbergrün in Flieder. Gras, so weit das Auge reichte, und darüber der Wind, der breite, langsame Wellen hineinschrieb. „Das ist größer als alles auf der Erde, was ich kenne“, flüsterte Junas Mama. „Das ist größer als alles“, verbesserte Milo, und keiner widersprach.
Und dann sah Juna sie. Sie saß vorn in der Kanzel, presste plötzlich die Hand ans Glas und sagte nur: „Da. Oben.“ Hoch über der Ebene, dort wo die warme Luft vom Boden aufstieg, schwebte etwas. Es war flach und breit wie ein Drachen, den man an einer Schnur steigen lässt, hellgrau mit silbrigen Rändern, und es bewegte sich nicht. Es segelte einfach, in großen, ruhigen Kreisen, ohne einen einzigen Flügelschlag. Dann noch eins. Und noch eins. Bald zählten sie neun davon, die schweigend über der Ebene ihre Kreise zogen.
Der Rover hielt an, und alle stiegen aus, mit Masken, und legten die Köpfe in den Nacken. Die Wesen segelten so lautlos, dass man das Gras rascheln hörte, aber nichts von ihnen. Durch das Fernglas sah man es genau: Sie hatten keine Federn und keine Schwingen wie Vögel, sondern waren eher wie große, weiche Rochen aus der Luft, mit einem langen, dünnen Schwanz, der wie ein Steuerruder hinter ihnen herflatterte. Und unter ihnen hing ein feines Netz, kaum sichtbar, das sie durch die Luft zogen.
„Sie fischen“, sagte Nexus’ Mama nach langem Schauen, und ihre Stimme war ganz ehrfürchtig. „Seht ihr den goldenen Schimmer in der Luft? Das ist Blütenstaub von den Hügeln, den der Wind hier heraufträgt. Sie fangen ihn mit ihren Netzen. Sie müssen nie landen, solange der Wind weht – sie ernten den Himmel.“ Xenia ließ das Fernglas sinken. „Und ich dachte immer, die Blühzeit ist nur für die Hamsterelefanten da“, sagte sie leise. „Jetzt ist es, als würde alles auf Hope irgendwie zusammenhängen.“
Am Abend, beim Essen im Rover, kam die feierliche Frage. „Sie brauchen einen Namen“, sagte Papa. „Und gefunden hat sie Juna.“ Juna wurde rot bis zu den Ohren. Es war das erste Mal, dass sie etwas auf Hope taufen durfte, und sie nahm es entsprechend ernst. Sie überlegte durch den ganzen Nachtisch hindurch. Dann sagte sie: „Windsegler. Weil sie den Wind nicht bekämpfen. Sie benutzen ihn einfach.“ Bo blinkte anerkennend und trug ein: „Windsegler. Entdeckt und benannt von Juna, neun Jahre.“ Juna schaute den Eintrag ungefähr zwanzigmal an.
Am zweiten Tag folgten sie einem Flussarm, der sich silbern durch die Ebene zog – derselbe Fluss wie zu Hause, nur viel breiter hier. Nexus’ Papa nahm Wasserproben, die Kinder durften bis zu den Knöcheln hineinwaten, und dabei geschah das Zweite. Milo, der sich wie immer ein Stück abseits hingehockt hatte und einfach nur ins Wasser schaute, begann leise sein Keks-Lied zu summen. Und plötzlich rief er: „Es leuchtet!“
Alle kamen gelaufen. Um Milos Stiefel herum glitzerte das Wasser. Es waren winzige Wesen, fingerklein, durchsichtig wie Glas, die in einem großen Schwarm zusammenblieben – und wenn Milo summte, ging durch den Schwarm ein Funkeln, als würde jemand eine Handvoll Sternenstaub ins Wasser werfen. Hörte er auf, wurde es dunkel. Summte er wieder, funkelte es wieder. „Sie antworten ihm“, staunte Juna. „Sie antworten auf den Ton“, sagte Mama vorsichtig, „das Wasser trägt ihn weiter. Aber, Milo – du hast sie gefunden, weil du still warst und gesungen hast. Das können nicht viele.“
„Dann darf ich sie taufen?“, fragte Milo. Er dachte nicht lange nach, denn er dachte in Bildern. „Flussfunken“, sagte er. „Weil sie Funken sind. Im Fluss.“ Das war die kürzeste und beste Begründung des Tages, und Bo trug sie wortwörtlich ins Archiv ein. Den ganzen Nachmittag über kamen die Kinder abwechselnd ans Ufer und summten, jeder sein eigenes Lied, und jedes Mal funkelte der Schwarm im Takt mit. Angefasst wurde nichts. Eingesammelt wurde nichts. „Wir nehmen nichts mit außer dem Staunen“, sagte Papa, und diesen Satz kannten sie inzwischen alle auswendig.
Am dritten Tag ging es zurück. Die Ladeliste des Rovers war voll mit Bodenproben, Wasserproben und Wetterdaten, die Kameras voll mit Bildern, und Junas Forschungsbuch hatte zwei neue Kapitel. Am Pass hielten sie noch einmal an und schauten zurück über die Ebene, wo ganz weit oben immer noch die Windsegler ihre Kreise zogen, geduldig wie seit tausend Jahren. „Weißt du, was ich vorher gedacht habe?“, sagte Nexus zu Xenia. „Ich dachte, wir kennen Hope jetzt. Nach einem ganzen Jahr.“ Xenia lachte. „Und jetzt?“ – „Jetzt haben wir einen einzigen Tagesausflug gemacht und zwei neue Lebewesen gefunden.“
Auf der Rückfahrt schwiegen alle eine Weile, und dann stellte Milo die Frage, an der die Erwachsenen den ganzen restlichen Weg zu knabbern hatten. „Wenn hinter den Bergen Tiere wohnen“, sagte er, „und bei uns im Tal auch, und im Fluss auch – wie viele wohnen dann auf der ganzen Welt?“ Nexus’ Mama drehte sich in der Kanzel zu ihm um. „Milo“, sagte sie langsam, „das ist die beste Frage, die heute jemand gestellt hat. Und die ehrliche Antwort lautet: Wir haben nicht die leiseste Ahnung. Wir haben von Hope ungefähr so viel gesehen, wie du von einem Fußballfeld siehst, wenn du in der Ecke stehst und die Augen zukneifst.“ Milo schaute aus dem Fenster auf das endlose Gras und lächelte zufrieden. Da lag also noch eine Menge herum, das darauf wartete, entdeckt zu werden.
Zu Hause unter der Kuppel war die Aufregung groß. Die Bilder der Windsegler liefen den ganzen Abend über den Bildschirm im Gemeinschaftsraum, und Nexus’ Mama saß bis spät im Labor und schrieb ihren Bericht für die Erde. „Wir dachten, wir landen auf einer stillen Welt“, sagte sie beim Hinausgehen zu den Kindern. „Und jedes Mal, wenn wir genauer hinschauen, ist sie voller.“ Sie schaute durchs Kuppelglas in den violetten Himmel. „Ich glaube, wir sind nicht die ersten Siedler hier. Wir sind nur die Neuesten.“
Und ganz nebenbei, während alle über Windsegler redeten, hatte Machmaschine Nummer drei in der Werkstatt still und fleißig die ersten Bodenplatten für ihre große Schwester gewebt. Xenia nahm eine davon in die Hand, bevor sie ins Bett ging, und wog sie prüfend. „Teil eins von sehr vielen“, murmelte sie zufrieden. Das gefiel ihr an großen Sachen am meisten: dass sie immer mit einem kleinen Stück anfingen, das man in einer Hand halten konnte.
Im Bett war Milo noch lange wach und summte leise vor sich hin, erst für Keks, dann für Schnorchel – und dann, ganz neu, ein drittes Mal, in Richtung der weiten Ebenen und des breiten Flusses. „Für die Flussfunken“, erklärte er seiner Mama, als sie nachschauen kam. „Damit sie wissen, dass ich noch da bin.“
Draußen sangen die Steine ihr Abendlied, in der Werkstatt leuchtete golden die geduldige Maschine, und weit hinter den Perlmuttbergen segelten die Windsegler durch die Nacht und ernteten den Himmel. Hope war größer und lebendiger, als irgendjemand gedacht hatte – und sie hatten gerade erst über den ersten Hügel geschaut. Schlaf gut, Nexus. Schlaf gut, Xenia. Gute Nacht.
