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Nexus & Xenia – Kapitel 15: Der Hope-Tag

Dankbarkeit · Freundschaftab 7 7 Min.
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Der Hope-Tag begann, wie alle besten Tage beginnen: viel zu früh und mit viel zu viel Freude, um noch liegen zu bleiben. Noch vor dem Frühstück stand die halbe Siedlung im geschmückten Garten, wo Girlanden aus Sternkarten und getrockneten Sonnenblumenblättern zwischen den Häusern hingen, und Bo fuhr mit einem Festtagswimpel an der Antenne Ehrenrunden um die Rutsche. „Vor genau einem Hope-Jahr“, verkündete er, und seine Stimme knisterte feierlich, „um neun Uhr siebzehn Ortszeit, setzte die Morgenstern in diesem Tal auf. Ich schlage vor, wir feiern exakt … den ganzen Tag.“

Und das taten sie. Es gab ein Festfrühstück mit Pfannkuchentorte, es gab das große Wett-Rutschen, bei dem Milo in der Kategorie „mit Kuscheltier“ unbesiegt blieb, es gab eine Blühwiesen-Wanderung, bei der die Herde der Hamsterelefanten aus höflicher Entfernung zusah, und es gab so viel Gelächter, dass Xenias Mama irgendwann sagte, ihr Wunsch vom ersten Stahlträger – Gelächter in allen Räumen – sei hiermit übererfüllt. Zwischendrin saßen immer wieder Grüppchen zusammen und erzählten sich Geschichten, die alle mit „Weißt du noch …“ begannen. So ein Tag war das: einer zum Zurückschauen.

Am Nachmittag wurde das Zurückschauen dann feierlich. Alle versammelten sich im Gemeinschaftsraum zur großen Chronik des Jahres, und die Erwachsenen erzählten der Reihe nach, wie alles gewesen war – für die Kinder, die vieles selbst erlebt hatten, und ganz besonders für Juna und Milo, die den Anfang nur aus Erzählungen kannten. Nexus’ Papa begann mit dem Abschied von der Erde und dem Säckchen Sonnenblumenkerne. Mama erzählte von der Landung, vom ersten Schritt ins federnde Gras und von der ersten Nacht, in der die Steine sangen. Und bei der Stelle mit dem piepsenden Atemgerät nahm Xenia ganz selbstverständlich Nexus’ Hand, so wie damals.

Dann kam der Teil, auf den Juna schon lange gewartet hatte, denn eine Frage stand seit Wochen in ihrem Forschungsbuch, dick unterstrichen. „Was ich nie verstanden habe“, sagte sie und hob die Hand wie in der Schule, „wir sind doch nur ein Jahr nach euch gelandet. Die Morgenstern ist monatelang geflogen, unsere Zuversicht auch. Wie konnte unser Schiff denn so schnell fertig sein, nachdem ihr gefunkt habt, dass alles gut ist? Schiffe baut man doch nicht in ein paar Wochen!“ Die Erwachsenen schauten sich an und lächelten, und Junas Papa stand auf. „Das“, sagte er, „ist die schönste Geschichte des ganzen Jahres. Und heute ist genau der Tag, sie zu erzählen.“

„Als die Morgenstern von der Erde startete“, begann er, „stand unsere Zuversicht schon neben ihrer Startrampe. Halb fertig gebaut. Den Rest haben wir in denselben Monaten fertiggebaut, in denen eure Familien geflogen sind. Denn der Plan war von Anfang an ein Staffellauf: Die Morgenstern fliegt vor und richtet das Zuhause ein. Und die Zuversicht steht bereit und wartet – nicht auf einen Befehl, sondern auf ein einziges Wort.“ Er machte eine Pause. „Funksprüche brauchen ja nur Tage, nicht Monate. Wir saßen also auf der Erde, das Schiff war startklar, die Koffer waren gepackt – und wir warteten auf euer Zeichen. Wochenlang. Und dann, eines Morgens, kam er: euer Funkspruch. Drei Worte.“ Er schaute zu Nexus’ Papa hinüber, und beide sagten es gleichzeitig: „Die Kuppel steht.“

„Zwei Wochen später saßen wir in der Zuversicht“, fuhr Junas Papa leise fort. „Und als die Triebwerke zündeten, habe ich zu Juna gesagt: Merk dir diesen Tag. Wir fliegen nicht ins Ungewisse, so wie die Ersten. Wir fliegen zu Freunden, die uns ein Zuhause gebaut haben.“ Im Gemeinschaftsraum war es ganz still geworden. Juna schrieb nichts auf, zum allerersten Mal bei einer neuen Information, sie schaute nur ihren Papa an und dann Nexus und Xenia. „Ihr habt gebaut, und wir standen bereit“, sagte sie langsam. „Wie bei einem Staffellauf. Einer läuft, der Nächste wartet schon auf den Stab.“ – „Genau so“, nickte ihr Papa. „Und irgendwo auf der Erde stehen jetzt die nächsten Schiffe und warten auf ihr Wort.“

Nach der Chronik kam der Moment, den Bo seit dem Morgen mit einer Sekundenanzeige begleitete: der Festfunkspruch von der Erde. Er war vor Tagen losgeschickt worden, damit er genau heute ankam, und als Bo ihn abspielte, füllte Omas Stimme den Raum, warm wie Zimt, so wie immer. „Meine Lieben auf Hope“, sagte Oma, „hier ist die Erde, und hier ist alles gut. Der Apfelbaum trägt dieses Jahr so viele Äpfel, dass sich die Äste biegen – ich glaube, er strengt sich extra an, damit ihr stolz auf ihn seid. Und stellt euch vor: In den Nachrichten haben sie gesagt, dass heute überall auf der Welt Hope-Feste gefeiert werden. Ihr seid nicht sechs und auch nicht zwölf. Ihr seid Milliarden, die mitfeiern.“ Und dann, nach einer kleinen Pause: „Nexus, mein Herz. Blühen die Sonnenblumen?“

Da mussten viele gleichzeitig lachen und schlucken, denn die Antwort stand ja draußen im Garten: die zweite Generation Sonnenblumen, gewachsen aus Kernen, die auf Hope selbst gereift waren – Omas Erdenkerne waren längst Hope-Kerne geworden, und sie blühten höher und goldener als je. Nexus rannte hinaus und hielt die Kamera auf die Blüten, und Bo schickte das Bild noch in derselben Stunde zur Erde, mit drei Worten als Antwort, die sich die Mädchen gemeinsam ausgedacht hatten: „Sie blühen, Oma.“ Der Funkspruch würde Tage unterwegs sein. Aber er würde ankommen. Das taten sie ja immer.

Langsam wurde es Abend, und je tiefer die goldene Sonne sank, desto zappeliger wurden vier Kinder und ein Roboter. Als das Licht über den Hügeln honigfarben wurde, nickte Xenia den anderen zu, und die Bande verschwand unauffällig in Richtung Garten – so unauffällig, dass sämtliche Erwachsenen es bemerkten und taktvoll so taten, als bemerkten sie nichts. Unter der Bank der Freundinnen wartete das Bündel. Mit klopfenden Herzen trugen sie es zur Mitte des Gartens, wo Bo „rein zufällig“ schon eine Halterung am großen Lichtmast montiert hatte, „bei der Wartung übrig geblieben, äußerst präzise“.

„Liebe Mamas, liebe Papas“, begann Juna und las von ihrer Karte ab, obwohl sie die Rede längst auswendig konnte. „Ihr habt uns eine Welt geschenkt. Ein Schiff, eine Kuppel, einen Garten, ein Zuhause. Wir haben lange überlegt, was man Leuten schenkt, die schon eine ganze Welt verschenkt haben. Und dann wussten wir es: das Einzige, was euch hier drinnen noch fehlt.“ Sie nickte Milo zu, der an der Decke des Bündels zupfen durfte. „Das Abendlied. Für drinnen.“ Die Decke fiel, und im letzten Sonnenlicht hing da das Windspiel: sieben gravierte Röhren an Wunderfäden, ein ganzes Jahr zum Anhören.

Bo hängte es an den Mast, hoch und frei, und dann geschah alles genau so, wie es geplant war, nur schöner. Draußen auf den Hügeln begannen die singenden Steine ihr Abendlied. Und drinnen strich der Lüftungswind – von einem gewissen Roboter äußerst präzise geregelt – durch die sieben Röhren, und das Windspiel antwortete: dieselben Töne, dasselbe Lied, warm und glasklar mitten im Garten. Draußen und drinnen sangen zusammen. Die Erwachsenen standen da wie vom Blitz getroffen, und dann sah man in der Dämmerung ziemlich viele glitzernde Augen. Xenias Mama fand als Erste die Sprache wieder. „Ihr habt …“, sie schluckte. „Ihr habt das Abendlied in die Kuppel geholt.“

„Es sind sieben Röhren“, erklärte Nexus und zeigte hinauf. „Raumschiff, Kuppel, Sonnenblume, Stern, Regentropfen, Krümel – und Hamsterelefant. Das ganze Jahr.“ – „Und es war Milos Idee“, sagte Xenia laut und deutlich, damit es alle hörten. Milo wurde rot bis unter die Haare und flüsterte: „Aber gebaut haben wir es zusammen. Geheimhaltungsstufe Keks.“ Worauf sämtliche Erwachsene sehr verwirrt schauten und sämtliche Kinder sowie ein Roboter sich sehr, sehr wissend anlächelten. Manche Geheimnisse erklärt man nicht. Man behält sie als Bandenschatz.

Sie blieben noch lange draußen sitzen an diesem Abend, alle zwölf, zwischen Sonnenblumen und Windspielklang. Irgendwann kletterte Nexus zu ihrem Papa auf die Bank. „Papa? Weißt du noch, am ersten Abend im Raumschiff hab ich mir gewünscht, dass Hope sich mal nicht mehr neu anfühlt, sondern wie Zuhause.“ – „Ich weiß“, sagte Papa. „Und? Wie lange hat es gedauert?“ Nexus lauschte: auf das Windspiel, auf die Steine dahinter, auf Milos Kichern und das leise ferne Summen einer Herde am Hang. „Ich glaube, es war fertig, bevor ich es gemerkt habe“, sagte sie. „So wie die guten Sachen immer.“

Als die Kinder endlich in ihren Betten lagen, klang die Kuppel noch nach: Das Windspiel spielte sein Lied jetzt jede Nacht, ganz von selbst, mal lauter, mal wie von weit her, und es würde nie wieder ganz still sein unter dem großen Glas. Nexus und Xenia flüsterten ein letztes Mal durch ihre Klappe. „Ein Jahr Hope“, sagte Xenia. „Was glaubst du, was im zweiten Jahr passiert?“ Nexus dachte an alles gleichzeitig – an Nummer vier, an den Faden, an neue Schiffe, die auf der Erde auf drei Worte warteten, an Schnorchel und an Räume tief unter der Erde, von denen die Erwachsenen manchmal träumten. „Alles“, sagte sie schließlich zufrieden. „Aber schön langsam. Wie immer.“

Draußen zogen Brumm und Fips über die glitzernde Kuppel, dazwischen blinkte treu der kleine Krümel vorbei, und auf den dunklen Hügeln summte Hope sein ewiges Lied, das jetzt zwei Stimmen hatte – eine draußen, eine drinnen. Ein ganzes Jahr war vergangen, seit zwei kleine Mädchen Hand in Hand eine Rampe hinuntergestiegen waren, hinein in eine fremde Welt. Jetzt schliefen in dieser Welt vier Kinder, und sie war kein bisschen fremd mehr. Schlaf gut, Nexus. Schlaf gut, Xenia. Schlaft gut, Juna und Milo. Und danke, Hope, für das erste Jahr – gute Nacht.