Der Winter von Hope war kein Winter mit Schnee, sondern eine Zeit der kurzen Tage und der langen, klaren Nächte. Die Blüten auf den Hügeln waren verblüht, die Hamsterelefanten gruben sich tiefer ins Moos und kamen nur noch mittags heraus, und die singenden Steine klangen tiefer als im Sommer, weil sie weniger Wärme zu geben hatten. Es war eine gute Zeit zum Drinnenbleiben, zum Bauen und zum Nachdenken.
Und zum Rechnen, denn die Siedlung war an eine Grenze gestoßen. „Wir sind zweiundzwanzig“, sagte Xenias Mama bei einer der Abendversammlungen und zeigte auf den Plan der Kuppel. „Wir haben genau noch Platz für vier Häuser. Danach ist die Kuppel voll. Und auf der Erde stehen weitere Schiffe.“ Sie ließ den Satz einen Moment stehen. „Eine zweite Kuppel daneben wäre möglich. Aber irgendwann ist auch das Tal voll, und jede Kuppel nimmt Hope wieder ein Stück Land weg.“
„Und wenn wir nach unten bauen?“, fragte Nexus. Es wurde still am Tisch. Dann lächelte Papa. „Genau das“, sagte er, „ist der Plan, seit wir von der Erde losgeflogen sind. Unter der Erde ist es warm, geschützt, still. Kein Sturm, keine Strahlung, kein Landverbrauch. Wir könnten dort unten eine ganze Stadt bauen – und oben würde Hope aussehen wie immer.“ Er schaute in die Runde. „Wir wissen nur nicht, wo. Deshalb fange ich morgen an zu horchen.“
Horchen – so nannte Nexus’ Papa seine Arbeit mit dem Bodenscanner, und es war tatsächlich ungefähr das. Ein Gerät setzte ein leises Klopfen in den Boden, und Sensoren fingen auf, wie es zurückkam. Aus den Echos rechnete der Computer ein Bild von dem, was unten lag: Gestein, Sand, Wasser. Drei Wochen lang fuhr er mit dem Rover das Tal ab, Streifen für Streifen, wie jemand, der einen Rasen mäht. Die Kinder durften abwechselnd mit und die Messpunkte markieren.
Am neunzehnten Tag kam Nexus mit. Sie saß neben ihrem Papa in der Kanzel, schaute auf den Bildschirm, auf dem sich das Bodenbild langsam aufbaute wie ein sehr langweiliger Sonnenaufgang – und dann wurde es plötzlich schwarz. Nicht kaputt-schwarz. Leer-schwarz. Ein großer, dunkler Fleck unter dem Tal, der immer größer wurde, je weiter sie fuhren. Papa bremste. Er tippte etwas ein. Er rechnete nach. Dann sagte er sehr ruhig, so ruhig, dass Nexus sofort wusste, dass es etwas Riesiges war: „Da unten ist nichts.“
„Ist das schlimm?“, fragte Nexus. „Das ist das Gegenteil von schlimm“, sagte Papa. „Nichts heißt: Hohlraum. Eine Höhle. Und zwar keine kleine.“ Er drehte den Bildschirm zu ihr. „Siehst du den Umriss? Das ist größer als unsere Kuppel. Das ist größer als drei Kuppeln. Sie liegt hundertachtzig Meter unter uns und zieht sich unter das halbe Tal.“
Die nächsten Tage gehörten den Messgeräten. Das ganze Erwachsenen-Team schwärmte aus, und langsam entstand ein Bild: eine gewaltige Halle aus Naturgestein, entstanden vor unvorstellbar langer Zeit, stabil, trocken – bis auf eine Stelle. Am Grund der Höhle lag Wasser. Ein See, still und tief, und die Geräte meldeten etwas, das niemand erklären konnte: Der See war wärmer als das Gestein um ihn herum. Und er gab Licht ab. Ganz schwach, aber messbar.
„Wir müssen hineinschauen“, sagte Nexus’ Mama, und man hörte an ihrer Stimme, wie sehr sie sich zusammenriss, um nicht sofort loszulaufen. Einen Zugang fanden sie zwei Tage später: einen schmalen, natürlichen Schacht am Hang hinter der Funkelkammer, halb von Moos überwachsen, kaum breiter als ein Mensch. Als sie die erste Sonde hinabließen, meldete sie nach hundertachtzig Metern: Boden erreicht. Luft ruhig. Temperatur angenehm. Keine Gefahr.
Am Tag des Erstblicks standen alle Kinder oben am Schacht, und das war das Äußerste, was erlaubt war. „Ihr bleibt hier“, hatte Papa gesagt, und zwar nicht in seinem lustigen Ton, sondern in dem anderen. „Nicht weil wir euch etwas wegnehmen wollen. Sondern weil noch nie ein Mensch dort unten war. Erst prüfen wir, ob es sicher ist. Und ihr bekommt alles zu sehen.“ Es war schwer. Es war sehr, sehr schwer. Aber Xenia sagte den Satz, der half: „Wir haben ein Jahr auf die Blühzeit gewartet. Dann schaffen wir auch das hier.“
Um die Wartezeit erträglich zu machen, gab Nexus’ Papa den Kindern eine echte Aufgabe: Sie durften aufmalen, wie sie sich die Höhle vorstellten, bevor irgendjemand sie gesehen hatte. Juna zeichnete eine exakte Halle mit Maßstab und Pfeilen. Xenia entwarf sofort eine ganze Stadt hinein, mit Straßen, Lampen und, natürlich, einer Rutsche. Nexus malte Menschen, ganz klein, an einem großen dunklen Wasser. Und Milo malte nur ein einziges großes grünes Licht und darunter, in seiner krakeligen Schrift: „unten wohnt was.“ Die Bilder hingen später alle nebeneinander im Gemeinschaftshaus. Und das von Milo, darüber waren sich hinterher alle einig, kam der Wahrheit am nächsten.
Also standen sie oben im kalten Wind, in Masken, mit dem Bildschirm zwischen sich, und schauten zu, wie zuerst Nexus’ Papa und dann Xenias Mama an den Seilen in den Schacht hinabfuhren, mit Lampen am Helm. Die Kamera zeigte Fels, Fels, Fels, endlos Fels. Und dann hörte der Fels auf.
Die Lampen fanden keine Wand mehr. Sie fanden nur noch Raum. Der Strahl wanderte durch eine Dunkelheit, die so groß war, dass er sich darin verlor, tastete über eine Decke weit, weit oben, über Säulen aus Gestein, die vom Boden bis zur Decke reichten und aussahen wie die Beine eines schlafenden Riesen. Und dann senkte sich der Strahl – und traf Wasser.
Der See lag völlig still. Und er leuchtete. Nicht hell, nicht auf einmal: Es war ein sanftes, ruhiges Glimmen, hellgrün und türkis, das aus der Tiefe kam und in langsamen Schwaden über die Fläche wanderte, wie Atem. Die Höhlendecke darüber fing das Licht auf und warf es zurück, und so lag die ganze gewaltige Halle in einem weichen, lebendigen Schimmer, seit vielleicht einer Million Jahren, ohne dass jemals jemand hingesehen hatte.
Oben am Schacht sagte niemand etwas. Milo hatte beide Hände vor den Mund geschlagen. Juna hielt ihr Forschungsbuch im Arm, ohne es zu öffnen. Und aus dem Lautsprecher kam die Stimme von Nexus’ Papa, ganz leise und ein bisschen brüchig: „Wir sehen … also. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Es ist wunderschön hier unten.“ Nach einer Weile fügte er hinzu: „Und wir sind nicht allein. Im Wasser ist etwas. Ganz winzig, milliardenfach. Das Leuchten kommt von ihm.“
Sie blieben nur zwanzig Minuten. Dann kamen sie herauf, verschlossen den Schacht sorgfältig mit einem Deckel und einem Messgerät, und Nexus’ Mama sagte den Satz, den alle erwartet hatten und der trotzdem gut tat: „Ab jetzt wird erst einmal nur gemessen. Kein Mensch geht wieder hinunter, bis wir wissen, was da lebt und wie wir es nicht stören. Vielleicht bauen wir dort unten einmal eine Stadt. Aber nicht in dem See. Und nicht gegen ihn.“
Am Abend saßen alle im Gemeinschaftshaus, die Bilder liefen in Schleife, und die Namensfrage stand im Raum. Diesmal wollten die Kinder gemeinsam entscheiden, und sie brauchten nicht lange. Milo sagte „Glimmern“, Juna sagte „See“, Nexus setzte es zusammen, Xenia nickte. Glimmersee. Bo trug es ein und las danach wieder die ganze Liste vor, die inzwischen lang geworden war, und irgendwie klang sie wie ein Gedicht: Brumm und Fips. Krümel. Hamsterelefant. Schnorchel. Windsegler. Flussfunken. Nachtleuchter. Leuchtadern. Glimmersee.
Und dann, als schon fast alle gehen wollten, kam Juna mit ihrem Tablet zurück. Sie hatte etwas getan, was ihr keiner aufgetragen hatte: Sie hatte die Karte der Leuchtadern vom Orbit über die Karte des Tals gelegt. „Schaut mal“, sagte sie, und ihre Stimme war ganz dünn. Auf dem Bildschirm lief eine der feinen glimmenden Linien vom Horizont her über die Ebenen, machte einen weiten Bogen um die Perlmuttberge – und endete genau dort, wo der Glimmersee lag.
Niemand sagte etwas. Nexus’ Mama setzte sich langsam wieder hin. „Das kann Zufall sein“, sagte sie schließlich. „Vielleicht.“ Aber sie klang nicht, als glaubte sie es. Bo blinkte langsam und fügte seinem Eintrag eine Zeile hinzu: „Möglicher Zusammenhang mit den Leuchtadern. Bedeutung weiterhin: unbekannt.“
Im Bett, an diesem Abend, war Nexus ganz aufgewühlt und ganz ruhig zugleich. „Xenia?“, flüsterte sie durch die Klappe. „Wir dachten, Hope ist eine leere Welt. Dann waren da Steine, die singen. Dann Tiere. Dann Tiere in der Luft und im Fluss. Und jetzt liegt unter uns ein See, der leuchtet, und quer über den ganzen Planeten laufen Linien, die keiner versteht.“ Sie zog die Decke höher. „Wir wissen ja noch gar nichts.“
„Genau“, murmelte Xenia, schon halb im Schlaf, und es klang vollkommen glücklich. „Ist das nicht toll? Wir haben noch alles vor uns.“ Draußen sangen die tiefen Wintersteine ihr Lied, im Garten stand still die Bank der Freundinnen, hoch oben webte eine kleine alte Maschine an einem Gerüst zwischen den Sternen – und tief unter ihren Betten, hundertachtzig Meter im warmen Dunkeln, atmete ein See sein sanftes grünes Licht in eine Halle, die niemand je gesehen hatte. Bis heute. Schlaf gut, Nexus. Schlaf gut, Xenia. Gute Nacht.
