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Der Riese und der Zwerg

Freundschaft · Mut machenab 5 5 Min.
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In einem weiten Land lebte ein Riese namens Gor. Gor war so groß, dass seine Schultern fast die Wolken berührten und seine Schritte ganze Täler überspannten. Doch obwohl Gor riesig und stark war, war er sanft und gutmütig – und sehr einsam. Denn alle Leute liefen vor ihm davon, sobald sie seinen gewaltigen Schatten sahen. „Niemand traut sich, mich kennenzulernen“, seufzte Gor und setzte sich traurig auf einen Hügel, der unter ihm wie ein kleiner Stein wirkte.

In demselben Land, tief unten zwischen den Wurzeln eines Baumes, lebte ein winziger Zwerg namens Pim. Pim war so klein, dass eine Eichel für ihn wie ein Felsbrocken war und ein Gänseblümchen wie ein Baum. Auch Pim war oft allein, denn die meisten Wesen übersahen ihn schlicht, so winzig war er. „Niemand bemerkt mich überhaupt“, seufzte Pim und kletterte auf einen Grashalm, um besser sehen zu können.

Eines Tages wäre Gor beinahe auf den kleinen Pim getreten, denn er hatte ihn natürlich nicht gesehen. „Halt, halt!“, rief Pim mit seinem winzigen Stimmchen, so laut er konnte. Gor hielt erstaunt mitten im Schritt inne und beugte sich ganz tief hinunter. Und da, im Gras, entdeckte er das kleinste Wesen, das er je gesehen hatte. „Oh!“, sagte Gor. „Entschuldige bitte, kleiner Freund. Ich hätte dich fast übersehen.“

Pim schaute hinauf, immer weiter hinauf, bis zu Gors gewaltigem Gesicht. „Du bist ja riesig!“, rief er. „Und du bist winzig“, staunte Gor. Einen Moment lang schauten sich die beiden an – der größte Riese und der kleinste Zwerg des Landes. Dann mussten beide lachen. „Wir sind wohl die zwei verschiedensten Wesen der Welt“, sagte Pim. „Vielleicht“, sagte Gor lächelnd, „aber wir sind beide gleich allein. Wollen wir nicht Freunde sein?“

Und so wurden der Riese und der Zwerg Freunde. Und bald merkten sie, wie wunderbar sie sich ergänzten. Wenn Pim etwas in der Ferne sehen wollte, setzte Gor ihn einfach auf seine Schulter, hoch über die Baumwipfel – von dort oben konnte der kleine Zwerg weiter blicken als je ein Zwerg zuvor. „Ich sehe das ganze Land!“, rief Pim begeistert. „Die Berge, die Flüsse, das Meer am Horizont!“

Pim wiederum konnte Dinge tun, die für den großen Gor unmöglich waren. Als sich Gor einmal einen winzigen Dorn tief in den Finger gezogen hatte und ihn mit seinen riesigen Händen unmöglich fassen konnte, kletterte der kleine Pim einfach hin und zog den Dorn mühelos heraus. „Danke!“, sagte Gor erleichtert. „So eine winzige Sache, und doch hätte ich es allein nie geschafft.“ „Dafür sind kleine Freunde da“, lachte Pim.

Sie erlebten viele Abenteuer zusammen. Gor trug Pim über reißende Flüsse und hohe Berge, die der Zwerg sonst nie überquert hätte. Und Pim schlüpfte für Gor durch winzige Spalten und Höhlen, in die der Riese niemals gepasst hätte, um Verschüttetes zu bergen oder verirrte Tierchen zu befreien. Wo der eine zu groß war, war der andere genau richtig – und umgekehrt.

Eines Tages aber geriet das Dorf am Fuß des Berges in Not. Nach heftigen Regenfällen hatte sich ein großer Felsbrocken gelöst und drohte, einen Bach zu stauen und das ganze Dorf zu überfluten. Die Menschen waren verzweifelt – der Felsen war viel zu schwer, um ihn zu bewegen. „Gor!“, rief Pim. „Hier kann nur einer helfen: du!“ Gor stapfte herbei, packte den gewaltigen Felsen und hob ihn beiseite, als wäre er ein Kieselstein.

Doch dann zeigte sich, dass der Bach selbst durch herabgefallenes Geröll verstopft war, an einer engen, tiefen Stelle, in die Gors riesige Hände unmöglich hineingriffen. „Diesmal bin ich dran“, rief Pim. Flink kletterte der winzige Zwerg in die enge Spalte und räumte Steinchen für Steinchen beiseite, bis das Wasser endlich wieder frei fließen konnte. Das Dorf war gerettet – durch die Kraft des Riesen und die Geschicklichkeit des Zwergs.

Die Dorfbewohner, die Gor früher gefürchtet hatten, jubelten den beiden zu. „Der große Riese und der kleine Zwerg haben uns gemeinsam gerettet!“, riefen sie. Von da an hatte Gor keine Angst mehr machenden Schatten mehr, sondern war ein gern gesehener Freund, und der kleine Pim wurde nie wieder übersehen. „Siehst du?“, sagte Pim zu Gor. „Zusammen sind wir genau richtig – egal, wie verschieden wir sind.“

Am Abend setzte sich Gor auf seinen Lieblingshügel, und der kleine Pim machte es sich in der warmen Mulde von Gors großer Hand gemütlich, weich und sicher wie in einem riesigen Bett. Über ihnen erschienen die Sterne, und Gor zeigte hinauf. „Von hier oben, auf meiner Hand, bist du den Sternen näher als jeder andere Zwerg“, sagte er. Pim staunte über das Funkeln. „Und von hier unten“, sagte er, „kann ich dir die kleinsten Glühwürmchen im Gras zeigen, die du sonst nie sehen würdest.“

„Gute Nacht, kleiner Pim“, sagte Gor mit seiner tiefen, sanften Stimme. „Gute Nacht, großer Gor“, gähnte Pim glücklich. Und während die Sterne über dem weiten Land funkelten und ein lauer Wind über den Hügel strich, schliefen der größte Riese und der kleinste Zwerg friedlich beieinander ein – zwei ungleiche Freunde, die zusammen Großes vollbracht hatten. Schlaf gut, Gor. Schlaf gut, Pim. Gute Nacht.