Ein guter Monat war vergangen, seit die Zuversicht gelandet war, und wer die Kuppel von Hope jetzt besuchte, hätte kaum geglaubt, dass hier vor Kurzem nur sechs Menschen gelebt hatten. Überall wurde gewerkelt und gelacht, im Gewächshaus drängten sich die Beete, und durch den Garten sauste meist irgendwo ein Kind – oder gleich vier. Juna gehörte längst fest zur Bande, und Milo folgte den großen Mädchen überallhin, mit Keks unterm Arm und immer genau einen halben Schritt hinterher.
In der Werkstatt aber stand inzwischen ein neues Wunderding: Machmaschine Nummer drei war fertig geworden, gebaut aus den Teilen von Nummer zwei und den schweren Spezialbauteilen der Zuversicht. Sie war so groß wie ein kleines Zimmer, ihr Bauraum hatte ein Tor statt einer Klappe, und bei ihrer Einweihung hatte sie als erstes Stück eine komplette Tür am Stück gebaut – mit Rahmen, Klinke und allem. Die Erwachsenen hatten applaudiert, als wäre es ein Zaubertrick. Und eigentlich, fand Nexus, war es das ja auch.
Doch mit der großen neuen Maschine gab es auch eine große neue Sorge, und die Mädchen bekamen sie eines Morgens in der Werkstatt mit. Xenias Mama stand vor dem Vorratsregal und zählte die Grundstoff-Kartuschen, und ihre Stirn lag in Falten. „Nummer drei ist hungrig“, sagte sie. „Sie baut groß, also frisst sie viel. Die Vorräte von der Zuversicht reichen noch eine Weile – aber nicht ewig.“ Xenia schaute die Reihe der Kartuschen entlang, von denen einige schon leer und ordentlich gestapelt waren. „Und dann?“, fragte sie. „Dann“, sagte ihre Mama und lächelte auf einmal, „ist es Zeit für die Biene.“
Am selben Abend gab es eine große Versammlung, und Junas Papa, der Pilot, breitete eine Sternkarte aus. „Hoch über Hope, viel weiter draußen als Brumm und Fips, ziehen Asteroiden ihre Bahnen“, erklärte er. „Herrenlose Brocken, manche klein wie ein Haus, manche groß wie ein Berg. Auf ihnen lebt nichts, wächst nichts, singt nichts – es sind einfach Steine, die seit Ewigkeiten im Kreis fliegen.“ Er tippte auf die Karte. „Dieser hier kommt uns in den nächsten Tagen am nächsten. Klein, brav und aus genau dem Zeug, das unsere Maschinen brauchen. Die Biene fliegt hin und holt ihn.“
„Den ganzen Asteroiden?“, staunte Nexus. „Den ganzen“, nickte Junas Papa. „Sie schubst ihn behutsam in eine Bahn um Hope, so wie man ein Boot an den Steg zieht. Dort oben knabbert ihn dann die Trennmaschine Stück für Stück auseinander – die haben wir mit Nummer drei schon gebaut, sie fliegt im Bauch der Biene mit. Sie zerlegt das Gestein bis in seine winzigsten Bausteine und füllt damit Kartuschen. Und die Kartuschen …“ Er machte eine Pause und schmunzelte in die Runde der Kinder. „… schicken wir euch als Päckchen herunter.“
„Als Päckchen? Vom Himmel?“, fragte Milo mit ganz großen Augen. „An Fallschirmen“, bestätigte Junas Papa. „Weiße Kapseln, jede so groß wie eine Badewanne. Sie schweben herab wie Pusteblumensamen, ganz langsam und sanft, und landen drüben auf der Ostwiese.“ Milo dachte gründlich nach. „Dann regnet es bei uns Steine“, sagte er schließlich, „aber in nett.“ Und das war so treffend, dass „Steinregen in nett“ noch wochenlang das Lieblingswort der ganzen Kuppel blieb.
Mitten in die Vorbereitungen fiel Xenias achter Geburtstag, und er wurde der schönste, den sie je gehabt hatte. Es gab Pfannkuchentorte, natürlich, und ein Ständchen von inzwischen vier Kinderstimmen und einer Roboterstimme. Von ihren Eltern bekam sie ein Geschenk, bei dem sie erst gar nichts sagen konnte: einen echten Werkzeugkoffer, gebaut von Nummer drei in einem einzigen Stück, mit Schraubenschlüsseln in genau ihrer Größe und einem Namensschild aus schimmerndem Metall. „Für die beste Konstrukteurin ihres Jahrgangs“, sagte ihr Papa feierlich. „Ich bin die einzige Konstrukteurin meines Jahrgangs“, sagte Xenia mit glänzenden Augen, „aber trotzdem danke.“ Es war ihr Lieblingssatz für solche Momente.
Und dann kam der Tag des Bienenflugs. Alle standen mit Masken draußen auf der Wiese, als das kleine gelb-schwarze Schiff seine Triebwerke anwarf, kerzengerade in den Fliederhimmel stieg und kleiner und kleiner wurde, bis es zwischen den Wolken verschwand. Junas Papa steuerte es nicht von innen, sondern aus der Funkzentrale, mit ruhiger Hand und einer Tasse Tee neben sich, und die Kinder durften zuschauen. Auf den Bildschirmen sah man, was die Biene sah: erst den Himmel, dann die Schwärze des Alls, dann – nach vielen Stunden – einen dunklen, knubbeligen Brocken, der einsam durchs Nichts trudelte.
„Da ist er“, sagte Junas Papa leise. „Na komm, du Ausreißer.“ Die Biene umkreiste den Asteroiden, streckte ihre Greifarme aus und legte sich so behutsam an ihn wie eine Hand an eine Türklinke. Dann schoben ihre Triebwerke sanft und geduldig, Stunde um Stunde, und der große Stein ließ sich schieben, erst widerwillig, dann folgsam, bis er in einer ruhigen, sicheren Bahn hoch über Hope schwamm. In der Funkzentrale brandete Jubel auf. „Der erste Himmelsstein von Hope ist vor Anker“, verkündete Junas Papa. „Fehlt nur noch eines: ein Name.“
Die Wahl fiel den Kindern nicht schwer. Der Asteroid sah auf den Bildern aus wie ein angeknabberter Keks – rund, mit Buckeln und Dellen. „Krümel“, sagte Milo schüchtern, und alle wussten sofort: Genau so hieß er. Bo trug den Namen mit größter Sorgfalt in alle Karten ein. „Asteroid Krümel“, wiederholte er andächtig. „Erster Baustofflieferant der Siedlung Hope. Entdeckt von allen, benannt von Milo.“ Milo wurde rot vor Stolz und musste Keks ganz fest drücken.
Von diesem Tag an hatte die Kuppel ein neues Abendritual. Kurz nach dem Lied der singenden Steine zog Krümel als winziger, flinker Lichtpunkt über den Nachthimmel, viel tiefer und schneller als Brumm und Fips, und Bo rechnete jeden Tag auf die Minute genau aus, wann es so weit war. Dann standen die vier Kinder am großen Kuppelfenster, und wenn der Punkt über sie hinwegzog, winkten sie. „Gute Arbeit, Krümel!“, rief Juna. „Danke für die Bausteine!“, rief Nexus. Milo winkte nur, aber dafür mit beiden Armen und mit Keks. Es war vielleicht das erste Mal überhaupt, dass ein Asteroid jeden Abend Besuch am Fenster hatte – aber ganz sicher nicht das letzte.
Hoch oben machte sich nun die Trennmaschine an die Arbeit. Tag für Tag knabberte sie an Krümel, zerlegte das Gestein in seine winzigen Bausteine und füllte Kartusche um Kartusche. Und eine Woche später hieß es dann zum ersten Mal: „Kapseln kommen!“ Alle liefen zur Ostwiese und suchten den Himmel ab. Erst war da nur Flieder und Wolkengold. Dann entdeckte Juna den ersten weißen Punkt. Dann noch einen. Drei Kapseln schwebten herab, an großen runden Fallschirmen, langsam und friedlich wie Pusteblumensamen, genau wie versprochen, und setzten nacheinander mit einem weichen Wumms ins Gras.
Die Kinder durften mithelfen, die erste Kapsel zu öffnen. Innen lagen die Kartuschen in Reih und Glied, silbern schimmernd und schwer, gefüllt mit den Bausteinen eines Steins, der eben noch einsam durchs Weltall geflogen war. Nexus hob eine mit beiden Händen und trug sie zur Ladefläche des kleinen Wagens. „Komisch“, sagte sie nachdenklich. „Vor ein paar Wochen war das ein Stück Krümel. Und bald ist es vielleicht … eine Wand. Oder eine Badewanne. Oder ein Schaukelpferd für Milo.“ – „Das ist nicht komisch“, sagte Xenia, „das ist das Schönste am ganzen Bauen: Alles war schon mal etwas anderes.“
Am Abend wurden die neuen Kartuschen in der Werkstatt ins Regal geräumt, das nun wieder voll war, voller als je zuvor. Xenias Mama strich mit der Hand über die Reihe und atmete tief durch, und man sah, wie die Falte auf ihrer Stirn Feierabend machte. „Jetzt haben wir alles, was wir brauchen“, sagte sie zu den Kindern, die auf der Werkbank saßen und Kakao tranken. „Nachschub vom Himmel, Maschinen, die bauen, und genug Hände, die anpacken. Wisst ihr, was das bedeutet? Ab jetzt können wir richtig groß denken.“ Die Kinder schauten sich an. Richtig groß denken – das klang nach den allerbesten nächsten Kapiteln.
Draußen versank die goldene Sonne, und die singenden Steine von Hope begannen ihr Abendlied. Nexus lauschte und musste auf einmal an Krümel denken, der hoch oben still seine Runden zog. „Glaubst du, Krümel ist es recht?“, fragte sie leise. „Dass wir ihn zerlegen?“ Ihre Mama setzte sich zu ihr. „Ich glaube“, sagte sie, „wenn Steine sich etwas wünschen könnten, dann wäre es das hier: nicht für immer allein im Dunkeln zu kreisen, sondern ein Garten zu werden. Ein Haus. Ein Zuhause, in dem Kinder lachen.“ Nexus nickte langsam. Das war ein guter Gedanke zum Einschlafen.
Und so endete der Tag, an dem es zum ersten Mal Steine vom Himmel geregnet hatte – in nett. Milo schlief mit Keks ein und träumte von einem Schaukelpferd, das früher ein Asteroid gewesen war. Juna hatte sich vorgenommen, morgen alles über Fallschirme zu lernen, und schlief mitten im ersten Fallschirmgedanken ein. Und Nexus und Xenia flüsterten durch ihre Klappe noch ein letztes „Gute Nacht, Krümel“ in Richtung Himmel, wo zwischen Brumm und Fips jetzt ein kleiner, tapferer Baustofflieferant seine Bahn zog. Schlaf gut, Nexus. Schlaf gut, Xenia. Gute Nacht.
