Zwei Wochen nach dem ersten Kapselregen gab es unter der Kuppel von Hope ein neues Lieblingsgesprächsthema, und es begann, wie so oft, mit einem Problem. Die Erwachsenen saßen abends um den großen Tisch und rechneten. „Drei Kapseln pro Woche“, sagte Xenias Mama und malte Zahlen auf ihre Tafel. „Das reicht für jetzt. Aber wenn wir eines Tages die Stadt unter der Erde bauen wollen – mit Straßen und Plätzen und tausend Lichtern –, dann brauchen wir hundertmal mehr. Und Kapseln an Fallschirmen sind wie Teelöffel: wunderbar für eine Tasse, aber schlecht für einen ganzen See.“
Die Kinder saßen am Rand und hörten zu, denn Zuhören bei Erwachsenengesprächen war neuerdings erlaubt, solange man dabei Kakao trank und nicht dazwischenrief. Aber Xenia konnte nicht anders. Sie kramte ihr Notizbuch hervor, blätterte ganz nach hinten und rief dann doch dazwischen: „Dann bauen wir doch einfach einen Aufzug!“ Es wurde still am Tisch. „Einen Aufzug?“, fragte Junas Papa. „Na klar“, sagte Xenia und hielt ihre Zeichnung hoch: ein Strich von der Erde bis in den Himmel, mit einem Kästchen daran. „Von hier unten bis zu Krümel. Rauf fahren, Kartuschen einladen, runter fahren. Ohne Raketen, ohne Fallschirme. Wie bei einem Hochhaus, nur höher.“
Nexus wartete darauf, dass die Erwachsenen lachen würden, so wie Erwachsene manchmal lachen, wenn Kinder etwas Großes sagen. Aber niemand lachte. Stattdessen schauten sich die Großen über den Tisch hinweg an, und in ihren Augen funkelte etwas. „Zeig mal her“, sagte Xenias Mama leise und nahm das Notizbuch. Sie betrachtete die Zeichnung lange. „Weißt du, Xenia“, sagte sie dann, „das, was du da gemalt hast, hat einen Namen. Man nennt es einen Weltraumaufzug. Und es ist kein Hirngespinst. Es ist ein alter, großer Traum der Menschen – und wir haben immer gehofft, dass wir ihn eines Tages auf Hope bauen können.“
„Stellt es euch vor“, sagte Junas Papa und breitete die Arme aus. „Hoch über uns, viel höher als Krümel, hängt eine Station im Himmel – sie fliegt genauso schnell um Hope herum, wie Hope sich dreht, deshalb steht sie von hier aus gesehen immer am selben Fleck, wie ein Stern, der angenagelt ist. Und von dieser Station hängt ein Seil herab, immer weiter, bis hier zu uns auf den Boden. Daran klettern Kabinen rauf und runter, Tag und Nacht, wie Perlen auf einer Schnur. Oben laden sie Weltraumsteine ein, unten laden sie aus. Leise, sanft und ohne dass auch nur ein Grashalm verbogen wird.“
„Und warum bauen wir ihn nicht einfach?“, fragte Juna, die grundsätzlich alles sofort bauen wollte. „Aus zwei Gründen“, sagte Xenias Mama und hob den ersten Finger. „Erstens: Das Seil. Ein Seil, so lang, dass es bis ins Weltall reicht, muss leichter sein als eine Feder und stärker als hundert Ankerketten. So einen Faden konnte auf der Erde noch niemand weben.“ Sie hob den zweiten Finger. „Zweitens: die Station. Die ist so groß, dass unsere Maschinen dafür noch viel zu klein sind. Wir bräuchten Machmaschinen im Orbit, Nummer sieben oder acht vielleicht, die dort oben schweben und bauen.“ Sie lächelte in die lange Gesichterreihe der Kinder. „Aber wisst ihr was? Genau so bauen wir ja sowieso. Eine Maschine baut eine Maschine baut eine Maschine. Wir sind schon längst unterwegs zum Aufzug – wir haben es nur noch nie laut gesagt.“
Von diesem Abend an hatte die Siedlung ein neues großes Ziel, und es fühlte sich an, als wäre ein Fenster aufgegangen. Überall wurde gerechnet und skizziert. Bo legte einen eigenen Ordner an, den er „Projekt Himmelsfaden“ nannte und mit drei Passwörtern sicherte, die er dann allen verriet. Und in der Werkstatt begann Machmaschine Nummer drei mit etwas, das es auf Hope noch nie gegeben hatte: Sie versuchte, den Wunderfaden zu weben. Einen Faden aus winzigen Bausteinen, in ganz besonderer Ordnung, dünner als Spinnenseide und stärker als Stahl.
Die ersten Versuche gingen gründlich schief, und das war diesmal keine Überraschung, sondern eingeplant. Faden Nummer eins riss, als Xenia nur daran zupfte. Faden Nummer zwei riss beim Aufwickeln. Faden Nummer sieben hielt schon ein ganzes Werkzeugregal, riss dann aber doch, und zwar mit einem so vornehmen Pling, dass Bo es aufnahm und als Klingelton verwendete. „Anlauf nehmen“, sagten die Kinder bei jedem Riss im Chor, denn das hatten sie vom Kristall gelernt: Wer nochmal anläuft, ist nicht gescheitert. Der springt gleich weiter.
Und Faden Nummer zwölf – der hielt. Er war so dünn, dass man ihn nur sah, wenn das Licht darauf fiel, dann schimmerte er wie der Faden einer Spinne im Morgentau. Aber als Xenias Papa ihn zur Probe an den schweren Werkstattkran hängte und der Kran daran zog, mit aller Kraft, spannte sich der Faden nur still und hielt und hielt und hielt. Die ganze Werkstatt hielt den Atem an. „Kinder“, sagte Xenias Mama schließlich feierlich in die Stille, „ihr habt gerade gesehen, wie das erste Stück Weltraumaufzug geboren wurde.“
Natürlich war ein Faden von ein paar Metern noch lange kein Seil bis ins All. „Für den echten Aufzug“, rechnete Bo vor, „brauchen wir davon ungefähr … sehr, sehr, sehr viel.“ Genauer wollte er es nicht sagen, damit niemand den Mut verlor. Aber ein erster Test, ein richtiger, mit Himmel und allem – der musste sein. Das fanden ausnahmsweise Erwachsene und Kinder ganz genau gleich stark. Und so wurde der Plan für den Faden-Tag geschmiedet: Nummer drei sollte einen ganzen Kilometer Wunderfaden weben, und den würde man in den Himmel steigen lassen.
Der Faden-Tag wurde ein Fest. Draußen auf der Ostwiese, dort, wo sonst die Kapseln landeten, füllten die Erwachsenen einen großen silbernen Ballon, der aussah wie ein freundlicher runder Mond. An ihm wurde das Ende des Wunderfadens befestigt, unten hielt eine schwere Winde die Rolle. Alle Familien standen mit Masken im Gras, Milo saß auf den Schultern seines Papas, und Xenia durfte – wer sonst – die Winde bedienen. „Fertig?“, rief Junas Papa. „Fertig!“, riefen alle. „Dann: Leinen los für Projekt Himmelsfaden!“
Der Ballon stieg. Erst langsam, dann stetig, höher und höher in den Fliederhimmel, und hinter ihm her stieg der Faden, surrend lief die Rolle, hundert Meter, dreihundert, sechshundert. Bald war der Ballon nur noch ein silberner Punkt, und der Faden war längst unsichtbar – aber er war da. Xenia spürte ihn in der Winde, gespannt und lebendig, ein haardünnes Band zwischen dem Boden und dem Himmel. „Ein Kilometer“, meldete Bo andächtig. „Der Faden steht.“ Und dann sagte eine Weile niemand etwas. Alle schauten nur nach oben, wo ein winziger silberner Mond an einem unsichtbaren Faden stand, kerzengerade über der Wiese, wie der allererste Wegweiser einer Straße, die eines Tages bis zu den Sternen führen würde.
Nexus stand neben Xenia und legte den Kopf in den Nacken, bis ihre Maske beschlug. „Da müssen wir noch ein ganzes Stück weiterweben“, sagte sie. „Ein paar Jahre bestimmt“, nickte Xenia. „Vielleicht sind wir schon groß, wenn er fertig ist.“ – „Macht nichts“, sagte Nexus. „Dann fahren wir eben als große Leute mit dem Aufzug nach oben. Hauptsache, wir fahren zusammen.“ Sie spuckten in die Handschuhe ihrer Raumanzüge, was nicht richtig funktionierte, aber sehr feierlich aussah, und besiegelten damit die Abmachung: erste Fahrt, gemeinsam, für immer versprochen.
Als die Sonne sank, wurde der Ballon langsam wieder eingeholt, denn auch Wunderfäden brauchen nachts ihre Ruhe, sagte Papa, und in Wahrheit wollten die Erwachsenen ihn heil zurück, um jeden Meter zu untersuchen. Der Faden kam makellos herunter, kein Riss, kein Knick, und wurde in der Werkstatt auf eine Ehrenrolle gewickelt, auf die Bo ein Schild klebte: „Faden Nummer zwölf. Der Erste, der den Himmel berührt hat.“ Die singenden Steine begannen ihr Abendlied, und es klang an diesem Abend, fand Nexus, ein kleines bisschen stolzer als sonst.
Beim Zubettgehen war die Kuppel voller müder, glücklicher Menschen. In den Häusern gingen die Lichter aus, eins nach dem anderen, wie umgekehrter Sternenhimmel. Nexus und Xenia lagen in ihren Betten, und durch die Klappe zwischen den Zimmern wanderte noch ein letztes Gespräch. „Weißt du, was ich mir gerade vorstelle?“, flüsterte Nexus. „Wenn der Aufzug mal fertig ist und die Stadt unter der Erde gebaut wird – dann kommen die Bausteine von ganz oben und wandern bis ganz nach unten. Vom Himmel bis unter die Erde. Einmal durch unser ganzes Zuhause.“
„Und mittendrin“, murmelte Xenia schläfrig, „steht eine Kuppel mit einem Garten und einer Rutsche und einer Bank. Und da wohnen wir.“ Draußen zogen Brumm und Fips ihre stille Bahn, irgendwo dazwischen kreiste treu der kleine Krümel, und hoch darüber, noch unsichtbar, wartete der Platz, an dem eines Tages eine Station im Himmel stehen würde, angenagelt wie ein Stern. Es gab noch so viel zu bauen, so viel zu weben, so viel zu träumen. Aber das war das Schöne an Hope: Für alles Große gab es hier Zeit, und für jeden Abend gab es ein Lied der Steine.
Und während das Lied leiser wurde und die Nacht sich weich über die Kuppel legte, schliefen die beiden besten Freundinnen von Hope ein – zwei Weberinnen einer Straße zu den Sternen, sieben und acht Jahre alt und den Sternen schon so viel näher als je zwei Kinder zuvor. Schlaf gut, Nexus. Schlaf gut, Xenia. Gute Nacht – und träumt vom Faden zum Himmel.
