Drei Wochen nach dem großen Faden-Tag begann Hope, sich zu verwandeln, und zwar so leise und heimlich, wie Hope eben alles machte. Zuerst bemerkte es niemand außer Milo, der eines Morgens beim Frühstück verkündete: „Die Hügel haben Punkte.“ Alle schauten durch das Kuppelglas – und tatsächlich: Über das silbergrüne Gras der Hügel zogen sich winzige helle Tupfen, tausende, zehntausende, als hätte jemand in der Nacht mit einem sehr feinen Pinsel geübt. „Knospen“, flüsterte Nexus’ Mama und stellte ihre Tasse so schnell ab, dass es schwappte. „Das sind Knospen. Hope will blühen.“
In der Schule fiel an diesem Tag fast alles andere aus, denn es gab nur noch ein Thema. „Wir sind jetzt seit fast einem Jahr hier“, erklärte Nexus’ Mama und malte einen großen Kreis an die Tafel, „aber ein Jahr auf Hope ist länger als ein Erdenjahr. Wir haben also noch längst nicht alles gesehen, was dieser Planet kann. Und jetzt zeigt er uns zum ersten Mal seine Blühzeit.“ Juna schoss der Finger in die Höhe: „Und was kommt da raus, aus den Knospen?“ Die Lehrerin lächelte. „Keine Ahnung. Ist das nicht wunderbar? Es weiß einfach noch niemand auf der ganzen Welt.“
Sie mussten nicht lange warten. Drei Tage später gingen die Knospen auf, alle zusammen, an einem einzigen Morgen – und die Hügel von Hope waren nicht mehr silbergrün, sondern über und über bunt. Rosa Blüten, lavendelfarbene, goldene, dazwischen welche in einem Türkis, das aussah, als hätte der Fluss persönlich Farbe gespendet. Der Wind strich darüber, und dann liefen Wellen durch das Blütenmeer, so wie früher durch das Gras, nur dass jede Welle jetzt glitzerte. Die ganze Siedlung stand am Kuppelglas und staunte, und Bo machte so viele Fotos, dass er zwischendurch aufräumen musste, um Platz für weitere Fotos zu haben.
Natürlich gab es sofort einen Ausflug. Mit Masken und Messgeräten zog die halbe Siedlung hinaus zur großen Blühwiese am Osthang, und die Kinder durften vorsichtig zwischen den Blüten hindurchgehen, auf den freien Grasstreifen, die sich wie schmale Pfade durch das Bunte zogen. Aus der Nähe sah man: Die Blüten waren klein wie Fingernägel, aber sie standen zu Hunderten an feinen Stängeln, und wenn man ganz still war, hörte man sie leise knistern, als würden sie sich strecken. „Nicht pflücken“, erinnerte Mama, aber das musste sie eigentlich gar nicht sagen. Auf Hope pflückte man nichts. Man war ja Gast.
Das Schönste an den Blüten war ihr Staub. Bei jedem Windstoß stieg feiner, goldener Blütenstaub auf und schwebte in kleinen glitzernden Wolken über den Hang, ehe er sich wieder legte. Mama fing etwas davon in einem Probenröhrchen ein, und am Abend im Labor durfte dann jeder einmal daran schnuppern, durch die Schleuse ganz offiziell hereingeholt und für unbedenklich erklärt. Hope roch – nach Honig. Nach Honig und ein kleines bisschen nach Regen. „Ich dachte immer, Hope riecht nach gar nichts“, staunte Xenia. „Hope hatte nur noch nichts zu erzählen“, sagte Mama. „Jetzt fängt es an.“
In den nächsten Tagen zog es Nexus und Xenia jeden freien Nachmittag hinaus. Sie hatten sich am Rand der Blühwiese einen Lieblingsplatz gesucht, einen flachen, warmen Felsen, von dem aus man den ganzen bunten Hang überblicken konnte, und dort saßen sie und schauten einfach. Das war neuerdings ihre liebste Beschäftigung, und die Erwachsenen ließen sie, denn der Felsen war von der Kuppel aus zu sehen, die Funkgeräte waren an, und Regel Nummer eins galt sowieso: immer zu zweit. „Beste Freundinnen“, verbesserte Nexus jedes Mal, und jedes Mal grinste ihr Papa.
Und genau dort, auf dem warmen Felsen, geschah es. Es war früher Abend, die goldene Sonne stand schon tief, und die singenden Steine begannen gerade mit den allerersten Tönen ihres Abendlieds, als Xenia plötzlich ganz steif wurde und Nexus ans Handgelenk fasste. „Nicht bewegen“, hauchte sie. „Da. Beim Moosbüschel.“ Nexus drehte ganz, ganz langsam den Kopf. Zehn Schritte entfernt, zwischen zwei Blütenstängeln, saß etwas. Etwas Kleines, Rundes, Weiches. Und es war eindeutig, unbestreitbar, hundertprozentig – lebendig.
Es war ungefähr so groß wie ein Meerschweinchen und sah aus, als wäre es aus dem Hügel selbst gemacht: Sein Fell war moosgrün mit silbernen Spitzen, die im Abendlicht schimmerten wie das Gras nach dem Wind. Es hatte große, dunkle Augen, runde Löffelöhrchen – und mitten im Gesicht, und das war das Allerbeste, einen winzigen Rüssel, kaum länger als ein Finger, der sich neugierig hierhin und dorthin bog. Gerade tastete er behutsam eine Blüte ab, so zart, dass sich nicht ein Blütenblatt bewegte. Dann pflückte das Tierchen die Blüte mit einem leisen Plopp und steckte sie sich gemütlich in den Mund.
Nexus und Xenia wagten nicht zu atmen. Ihre Herzen klopften bis zum Hals, aber sie saßen still wie zwei Steine – und vielleicht war genau das der Grund, warum das Wunder weiterging. Denn als das Abendlied der Steine lauter wurde, setzte sich das Tierchen aufrecht hin, hob seinen kleinen Rüssel in die Luft … und summte mit. Es war ein feines, warmes Brummeln, genau im Ton der Steine, als wäre das Tierchen ein winziges Instrument im großen Abendorchester von Hope. Nexus liefen vor Staunen die Tränen einfach so aus den Augen, ohne dass sie traurig war. So etwas Schönes hatte sie noch nie gesehen.
Wie lange sie so saßen, wussten sie hinterher nicht. Irgendwann verklang das Lied, das Tierchen ließ sich auf alle Viere plumpsen, warf den beiden Mädchen einen langen, dunklen Blick zu – keinen erschrockenen, eher einen wie: euch merke ich mir – und verschwand dann gemächlich zwischen den Blüten, als hätte es alle Zeit der Welt. Erst als es weg war, trauten sich Nexus und Xenia wieder zu flüstern. „Hast du das gesehen?“, wisperte Nexus. „Ich sehe es immer noch“, wisperte Xenia zurück und starrte auf die Stelle, als könnte sie das Bild dort festhalten.
Der Rückweg zur Kuppel war der aufgeregteste ihres Lebens, und sie platzten in das Abendessen wie zwei Raketen. „Ein Tier! Auf der Wiese! Es hat einen Rüssel! Es hat mit den Steinen gesungen! Es hat uns angeschaut!“ Die Erwachsenen ließen Messer und Gabeln sinken. Nexus’ Mama wurde ganz blass und dann ganz rot, und ihre Stimme zitterte, als sie fragte: „Erzählt das noch einmal. Langsam. Jedes Wort.“ Denn was die Mädchen da gefunden hatten, war die größte Entdeckung, seit Menschen auf Hope lebten: Sie waren nicht allein. Auf dieser Welt lebte jemand.
„Wie sah es denn genau aus?“, wollte Juna wissen und hatte ihr Forschungsbuch schon aufgeschlagen. Die Mädchen beschrieben es um die Wette: rund wie ein Hamster, weich wie Moos, Öhrchen, Kulleraugen – „und ein Rüssel!“, riefen beide gleichzeitig. Milo, der mit offenem Mund zugehört hatte, sprach dann aus, was alle dachten: „Das ist ja wie ein Hamster und ein Elefant zusammen. Ein … Hamsterelefant.“ Einen Augenblick war es still. Dann nickte die ganze Tafelrunde feierlich, und Bo trug den Namen in seine Kartei ein, in seiner allerschönsten Schrift: Hamsterelefant. Entdeckt von Nexus und Xenia. Benannt von Milo.
Später am Abend saß Nexus’ Mama noch lange mit den Kindern zusammen, und sie war so aufgeregt wie ein Kind vor dem Geburtstag, aber sie sprach ganz ruhig. „Hört zu, ihr vier. Dass es den Hamsterelefanten gibt, ändert alles – und es macht eine Sache wichtiger als je zuvor: unser Versprechen. Wir sind Gäste. Jetzt wissen wir sogar, bei wem.“ Sie schaute in die Runde. „Ab morgen gelten Forscherregeln: Wir schauen nur aus der Ferne. Wir füttern nicht. Wir fassen nichts an. Die Wiese gehört ihm, nicht uns. Wenn er uns kennenlernen will, entscheidet er das selbst – in seinem Tempo.“ Die Kinder nickten ernst. Das waren gute Regeln. Genau solche, die man sich für sich selber auch wünschen würde.
„Und wisst ihr, was mir heute Abend durch den Kopf geht?“, sagte Papa leise und schaute durchs Kuppelglas zu den dunklen Hügeln hinüber. „Wie froh ich bin, dass wir nie auch nur eine Schaufel in diese Hügel gesteckt haben. All die Monate dachten wir, wir schonen bloß Gras und Steine.“ Er lächelte. „Dabei haben wir die ganze Zeit das Zuhause von jemandem heil gelassen.“ Am Vorratsregal in der Werkstatt glänzten die Kartuschen vom Himmelsstein Krümel, und nie war so deutlich gewesen, wofür sie gut waren: damit hier unten alles bleiben durfte, wie es war.
Im Bett konnten Nexus und Xenia noch lange nicht einschlafen, und ausnahmsweise war das völlig in Ordnung. Durch die Klappe zwischen ihren Zimmern wanderten die Gedanken hin und her. „Ob er eine Familie hat?“, flüsterte Nexus. „Bestimmt“, flüsterte Xenia. „Vielleicht sitzen sie jetzt alle im Moos und er erzählt: Stellt euch vor, heute waren zwei Menschenkinder ganz still.“ Nexus kicherte in ihr Kissen. „Dann war das heute für beide Seiten der aufregendste Tag.“
Draußen lag das Blütenmeer still unter den zwei Monden, irgendwo darin schliefen kleine, moosweiche Wesen mit winzigen Rüsseln, und in der Werkstatt webte Machmaschine Nummer drei leise ihren Faden für den großen Traum – aber das hatte Zeit, alles hatte Zeit. Hope hatte an diesem Tag sein schönstes Geheimnis verraten, und es würde noch viele Abende dauern, es ganz zu verstehen. Die beiden Entdeckerinnen atmeten tief und langsam, und irgendwann, zwischen einem Gedanken an Rüssel und einem an Blütenstaub, schliefen sie lächelnd ein. Schlaf gut, Nexus. Schlaf gut, Xenia. Und schlaf gut, kleiner Hamsterelefant, wo immer du gerade träumst. Gute Nacht.
