Zwei Wochen nach der Entdeckung des Hamsterelefanten begann der Himmel von Hope, sich zu verändern. Die kleinen goldenen Wolken, die sonst wie Segelschiffchen über das Flieder zogen, wurden von Tag zu Tag dicker und dunkler, und die Luft über den Blütenhügeln flirrte, als würde sie auf etwas warten. In der Wetterstation piepte es immer öfter, und eines Morgens verkündete Junas Papa beim Frühstück mit großer Geste: „Die Messgeräte sind sich einig. Zum ersten Mal, seit wir hier gelandet sind, wird es auf Hope – regnen.“
„Regen!“, rief Juna, als hätte er Weihnachten angekündigt. Milo dagegen runzelte die Stirn: „Ist Regen hier nass wie bei uns?“ – „Das“, sagte sein Papa vergnügt, „ist eine ausgezeichnete Forscherfrage. Wir wissen es nicht. Wir kennen den Regen von Hope nur aus Messwerten: Es ist Wasser, es ist sauber, es ist harmlos. Aber wie er aussieht, wie er klingt, wie er sich anfühlt – das erfährt man erst, wenn er fällt.“ Nexus und Xenia schauten sich an. Sie dachten beide an dasselbe: an Xenias Aufnahmegerät und den warmen Sommerregen der Erde, den sie am letzten Abend eingefangen hatten, vor so langer Zeit.
Vor dem großen Regen aber gab es noch viel zu tun, denn Nexus’ Mama wollte unbedingt wissen, was der Regen mit der Blühwiese machen würde. „Wir müssen die Blüten vorher zählen und fotografieren“, erklärte sie, „damit wir sie nachher vergleichen können. Wer hilft mit?“ Acht Kinderhände schossen in die Höhe, und so zog am nächsten Nachmittag eine kleine Expedition zum Osthang: Mama, die vier Kinder, Messgeräte, Kameras – und natürlich die Masken, frisch geprüft, mit vollen Lufttanks, wie immer.
Auf der Wiese war es herrlich. Die Blüten standen in voller Pracht, der goldene Staub glitzerte, und mit etwas Glück sah man hier und da ein moosgrünes Rücken-Hügelchen zwischen den Stängeln verschwinden – die Hamsterelefanten, die sich an den Anblick der vorsichtigen Zweibeiner offenbar zu gewöhnen begannen. Juna zählte Blüten in ihrem Forschungsbuch, Milo durfte die Kamera halten, und Nexus und Xenia spannten Messschnüre, ganz Profi, ganz Schrauben-Team. Der Rechenplan sagte: Der Regen kommt frühestens am Abend. Aber Hope, das sollten an diesem Tag alle lernen, hielt sich nicht immer an Rechenpläne.
Es begann mit einem Schatten. Die goldene Sonne verschwand hinter einer Wolkenwand, die viel schneller herangezogen war, als irgendjemand gedacht hatte, und auf einmal wurde das Licht über der Wiese tief und dunkelgolden, wie in Honig getaucht. Dann rollte ein Grummeln über die Hügel – kein böses, eher ein sehr, sehr großes Räuspern. Mama schaute zum Himmel, dann auf ihr Funkgerät, und ihre Stimme wurde ruhig und klar wie immer, wenn es ernst wurde: „Kinder, Planänderung. Der Regen ist schneller als gedacht. Zur Kuppel schaffen wir es nicht mehr trocken. Wir gehen in die Funkelkammer.“
Die Kinder kannten den Weg genau, denn die Funkelkammer lag nur zwei Hügel weiter. Sie gingen zügig, aber ohne zu rennen – „Ruhig gehen, ruhig atmen“, sagte Mama, und Nexus nahm Milo an die eine Hand, Xenia nahm Juna, obwohl Juna eigentlich fand, dass sie das nicht nötig hatte, es dann aber doch ganz angenehm fand. Unterwegs funkten sie Bo: „Wetterumschwung, alle wohlauf, wir warten in der Funkelkammer.“ – „Verstanden“, kam Bos Stimme zurück, ruhig und warm wie immer. „Ich sage den Eltern Bescheid und schicke den Rover, sobald es aufklart. Regel Nummer drei nicht vergessen!“ – „Trockene Socken!“, riefen vier Kinder im Chor, und trotz des dunklen Himmels mussten alle lachen.
Sie erreichten den Felsspalt genau rechtzeitig. Als die ersten Tropfen fielen – dicke, schwere, weit auseinander, die im Blütenstaub kleine goldene Krönchen aufwarfen –, schlüpften sie nacheinander durch den Spalt in die Höhle. Und dann brach der Himmel auf. Der allererste Regen von Hope rauschte auf die Hügel nieder, ein dichter, silberner Vorhang vor dem Höhleneingang, und das Trommeln und Rauschen war so gewaltig und doch so friedlich, dass die Kinder einfach nur dastanden und lauschten.
Drinnen aber geschah das eigentliche Wunder. Denn der Regen spielte auf der Funkelkammer wie auf einem Instrument. Jeder Windstoß, der über den Felsspalt strich, jeder Guss, der auf den Hügel darüber trommelte, brachte die Kristallwände zum Klingen – erst zart, dann voller, bis die ganze Höhle sang, in tausend feinen Glastönen, die sich mit dem Rauschen draußen mischten. „Die Höhle mag den Regen“, flüsterte Milo. Er hatte sich auf Nexus’ Schoß gekuschelt, Keks fest im Arm, und sein anfängliches Herzklopfen war schon fast verflogen. „Weißt du, was Herzklopfen heißt?“, hatte Nexus ihm zugeflüstert, als es draußen zum ersten Mal grummelte. „Es heißt: Aufgepasst, jetzt bin ich mutig.“ Das hatte Milo sich gemerkt, für immer.
Sie machten es sich gemütlich, so wie man es in einer singenden Kristallhöhle eben gemütlich macht: Mama verteilte die Notration aus ihrem Rucksack, die aus ehrlichen Keksen bestand, die Farbtupfer der Kristalle tanzten im Regenlicht, und Juna schrieb in ihr Forschungsbuch, so schnell ihr Stift konnte: Regen auf Hope – klingt nach Zuhause, nur schöner. Xenia saß ganz vorn am Eingang, hielt ihr Aufnahmegerät in den Regen hinaus und strahlte: „Für die Erinnerungskiste. Jetzt haben wir Erdenregen und Hoperegen. Die ganze Sammlung.“
Und dann bemerkte Nexus den Gast. Ganz hinten, in der tiefsten Nische der Höhle, wo die Kristalle am dichtesten wuchsen, saß ein kleines, moosgrünes Etwas mit einem Rüsselchen und schaute zu ihnen herüber. Ein Hamsterelefant – vielleicht sogar ihrer, der vom Felsen, so genau konnte man das nicht wissen. Er war offenbar vor dem Regen hierher geflüchtet, genau wie sie. „Nicht hingehen“, wisperte Mama, aber auch das musste sie nicht sagen. Die Kinder saßen mucksmäuschenstill und schauten nur. Und der Hamsterelefant schaute zurück, und dann, nach einer langen Weile, hob er seinen Rüssel und summte leise mit den Kristallen mit. Er blieb. Obwohl die Menschen da waren, blieb er. Das war sein erstes Geschenk an sie: sein Bleiben.
So warteten sie zusammen den Regen ab, fünf Menschen und ein Hamsterelefant, in einer Höhle voller Musik, und es war eines dieser Erlebnisse, von denen Nexus wusste: Das erzähle ich mal meinen Enkeln. Draußen wurde das Rauschen allmählich weicher, das Trommeln wurde zum Tröpfeln, und durch den silbernen Vorhang brach das erste goldene Licht. „Es klart auf“, sagte Mama leise. Der Hamsterelefant streckte sich, warf den Menschen noch einen seiner langen, dunklen Blicke zu und schlüpfte durch einen Spalt davon, den vorher niemand bemerkt hatte. Er kannte sein Zuhause eben besser als jeder Gast.
Als sie aus der Höhle traten, verschlug es allen den Atem. Hope glänzte. Jede Blüte trug Tropfen wie Perlen, die Pfützen auf den Graspfaden spiegelten den aufreißenden Fliederhimmel, und über dem Tal stand – ein Regenbogen. Aber nicht irgendeiner: Er hatte einen zarten silbernen Streifen zwischen den Farben, den es auf der Erde nicht gab, als hätte Hope dem alten Erdenregenbogen noch etwas Eigenes hinzugefügt. „Sieben Farben plus eine“, zählte Juna andächtig. „Das schreib ich auf. Das glaubt mir sonst keiner.“
Unten am Hang kam schon der Rover angerollt, mit Papa am Steuer und Bo auf dem Beifahrersitz, der vor Erleichterung in allen Farben blinkte. Auf der Heimfahrt erzählten die Kinder durcheinander vom singenden Regen, vom silbernen Regenbogen und vom Hamsterelefanten, der geblieben war, und Papa fuhr extra langsam, damit die Geschichte bis zur Kuppel reichte. „Wisst ihr, was ihr heute gemacht habt?“, sagte er schließlich. „Ihr habt alles richtig gemacht. Ruhig geblieben, zusammengeblieben, Bescheid gesagt, Schutz gesucht. Aus so einem Tag kommt man größer zurück, als man losgegangen ist.“
Am Abend regnete es noch einmal, diesmal sanft und lange, und die ganze Siedlung tat etwas, das es noch nie gegeben hatte: Sie hörte dem Regen beim Trommeln auf das Kuppelglas zu. Es klang tief und gemütlich, wie tausend weiche Finger, und darunter mischte sich von den Hügeln das Abendlied der Steine, das im Regen voller klang als sonst, als hätte es Verstärkung bekommen. Die vier Kinder lagen quer im Gemeinschaftsraum auf Kissen und schauten nach oben, wo die Tropfen im Licht der Lampen wie Sternschnuppen über das Glas zogen.
„Jetzt hat Hope alles“, murmelte Nexus später, schon im Bett, durch die Klappe zu Xenia hinüber. „Blumen, Regen, Regenbogen und Tiere.“ – „Fast alles“, murmelte Xenia zurück. „Es fehlen noch Äpfel. Und Oma.“ Eine Weile war es still. „Aber weißt du“, flüsterte Nexus dann, „heute in der Höhle, als alle gesungen haben – die Kristalle und der Regen und der Hamsterelefant –, da hat sich Hope zum ersten Mal nicht wie eine neue Welt angefühlt. Sondern einfach wie die Welt.“ Darauf wusste Xenia nichts mehr zu sagen, und das war auch nicht nötig.
Draußen fiel der sanfte Regen auf die Kuppel, auf die Blütenhügel und auf das Moos, unter dem kleine Wesen mit Rüsselchen längst schliefen. Er wusch den goldenen Staub von den Blättern und füllte den silbernen Fluss, und er sang dabei sein neues, altes Lied, das jetzt auch zu Hope gehörte. Und während der erste Regen ihrer Welt sie leise in den Schlaf trommelte, schliefen Nexus und Xenia ein – müde, geborgen und um einen Regenbogen reicher. Schlaf gut, Nexus. Schlaf gut, Xenia. Gute Nacht.
