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🚀 Serie · Kapitel 13 von 15

Nexus & Xenia – Kapitel 13: Der Hamsterelefant fasst Vertrauen

Freundschaft · Gefühle (Wut/Angst)ab 7 7 Min.
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Nach dem ersten Regen war die Blühwiese schöner als je zuvor, und sie hatte ein Geheimnis weniger und dafür ein viel größeres: Die Hamsterelefanten waren keine Einzelgänger. An einem klaren Morgen zählte Juna vom Felsen aus erst zwei, dann drei, dann fünf der moosgrünen Rücken zwischen den Blüten – eine ganze kleine Herde, die dort seit jeher gelebt haben musste, gut versteckt im hohen Gras, das jetzt zur Blühzeit ihre Tafel war. „Fünf!“, flüsterte sie und schrieb so aufgeregt in ihr Forschungsbuch, dass der Stift quietschte. „Wir haben Nachbarn. Wir hatten schon immer Nachbarn!“

Weil aber vier Kinder und diverse Erwachsene, die stundenlang auf einem Felsen hocken, auf Dauer weder für die Menschen noch für die Nachbarn gemütlich sind, hatte Xenia eine Idee, und sie kam, wie ihre besten Ideen, aus dem Notizbuch. „Wir bauen eine Lauschbude“, verkündete sie und hielt eine Zeichnung hoch: ein kleines Häuschen am Rand der Wiese, mit einem breiten Fensterschlitz, Bänken und einem Dach gegen Sonne und Regen. „Man sitzt drin, ist fast unsichtbar, stört niemanden – und kann alles sehen und alles hören.“ Nexus’ Mama war begeistert: „Ein Beobachtungsstand! So machen es die besten Forscher.“

Machmaschine Nummer drei baute die Teile an einem einzigen Tag – Wände, Bänke, Dach, alles aus Krümels Bausteinen, versteht sich, kein Hälmchen von Hope –, und das Schrauben-Team, das inzwischen aus vier geübten Kindern bestand, setzte die Lauschbude am folgenden Wochenende zusammen. Sie stand mit Bedacht am unteren Wiesenrand, wo der Wind meistens von der Herde zu den Menschen wehte und nicht umgekehrt. „Damit sie uns nicht dauernd riechen müssen“, erklärte Mama. „Besuch, der rücksichtsvoll ist, darf öfter wiederkommen.“

Und dann begann die schönste Forschungszeit, die man sich denken kann. Jeden Tag nach der Schule saßen die Kinder eine Stunde in der Lauschbude, mucksmäuschenstill, mit dem Fernglas und dem Forschungsbuch, und lernten die Herde kennen. Da war der Große Graue, der immer als Erster den Kopf hob, wenn der Wind drehte – der Wächter. Da waren die Zwillinge, die sich ununterbrochen um dieselbe Blüte zankten, obwohl die Wiese voller Blüten stand. Da war die Rundliche, die beim Abendlied am lautesten summte und dabei die Augen schloss wie eine Opernsängerin.

Und da war Schnorchel. Schnorchel war der Kleinste der Herde, halb so groß wie die anderen, und sein Rüsselchen hatte einen kleinen Knick nach links, als hätte er sich beim Wachsen kurz verdacht. Den Namen hatte Milo ihm gegeben, wer sonst, und Schnorchel war vom ersten Tag an anders als die anderen: Während die Herde die Lauschbude nach Wächter-Art höflich ignorierte, kam Schnorchel immer wieder ein Stückchen näher. Erst zwanzig Schritte. Am nächsten Tag fünfzehn. Dann zwölf. Er tat dabei so, als würde er nur zufällig in diese Richtung grasen, aber sein Blick wanderte immer wieder zum Fensterschlitz, hinter dem vier Kinder saßen und vor Anstrengung, still zu sein, fast platzten.

„Er ist neugierig auf uns“, flüsterte Juna und schrieb: Tag zwölf. Schnorchel: 12 Schritte. Wir: keine Bewegung. Spannung: riesig. „Warum ausgerechnet er?“, wisperte Nexus. Mama, die an diesem Tag mit in der Bude saß, lächelte. „In jeder Herde gibt es einen, der zuerst wissen will, was hinter dem Hügel ist. Auf der Erde war das genau so. Vielleicht ist Schnorchel der Entdecker seiner Familie.“ Xenia grinste breit unter ihrem Fernglas. „Dann sind wir sozusagen sein Hope.“

Die Regeln in der Lauschbude waren streng, und die Kinder hielten sie besser ein als jede Regel zuvor in ihrem Leben: nicht locken, nicht füttern, nicht hinterherlaufen. „Vertrauen ist wie der Wunderfaden“, hatte Mama gesagt. „Es wird ganz langsam gewebt, und wenn man dran zieht, reißt es.“ Also zog niemand. Sie saßen einfach da, Tag für Tag, verlässlich wie das Abendlied, und wurden ein Teil der Wiese wie der Felsen und der Wind. Und genau das, so stellte sich heraus, war die ganze Kunst.

Eines Nachmittags nämlich, es war windstill und golden, saß Milo als Letzter noch auf der Bank, während die Großen draußen hinter der Bude schon die Sachen packten. Milo saß gern als Letzter. Er war der Stillste von allen, das war er immer gewesen, und während die anderen still sein mussten, konnte er es einfach. Er summte leise vor sich hin, das Schlaflied, das er abends immer für Keks summte, ohne sich etwas dabei zu denken. Und da hörte er das Geräusch: ein feines Rascheln, ganz nah, direkt vor dem Fensterschlitz.

Milo hob langsam den Kopf. Auf der anderen Seite des Schlitzes, keine zwei Handbreit entfernt, stand Schnorchel. Aus der Nähe war er noch viel schöner: Man sah die silbernen Spitzen in seinem Moosfell glitzern und die winzigen Blütenstaub-Krümel auf seinem Rüsselchen. Milo vergaß zu atmen, aber er vergaß nicht das Wichtigste: Er blieb still. Nur sein Summen ließ er weiterlaufen, ganz leise, das Keks-Lied, und vielleicht war es genau das, was den Ausschlag gab. Denn Schnorchel legte den Kopf schief, lauschte – und summte dann mit. Ein Junge und ein Hamsterelefant, die sich durch einen Fensterschlitz ansangen: So etwas hatte das Universum vermutlich noch nicht oft gesehen.

Und dann geschah es. Schnorchel hob seinen kleinen Rüssel mit dem Knick, streckte ihn durch den Schlitz und legte ihn, einen Herzschlag lang, ganz sacht auf Milos Stiefelspitze. Es war die leichteste Berührung der Welt, nicht schwerer als ein fallendes Blütenblatt. Dann zog er den Rüssel zurück, machte einen gemütlichen Hüpfer rückwärts und trollte sich durch die Blüten zu seiner Herde, als wäre nichts gewesen. Milo saß da wie versteinert, mit einem Lächeln, das nicht mehr von seinem Gesicht wollte, und einer Stiefelspitze, die er am liebsten nie wieder geputzt hätte.

„ER HAT MICH ANGEFASST!“, platzte es aus ihm heraus, als er zu den anderen gestolpert kam, und dann, sofort, mit erschrockener Stimme: „Ich hab aber nicht! Ich hab mich nicht bewegt! Er hat angefangen!“ Nexus’ Mama hockte sich zu ihm und nahm ihn bei den Schultern, und ihre Augen leuchteten. „Milo. Du hast alles richtig gemacht. Genau darum ging es die ganze Zeit: Er durfte entscheiden. Und weißt du, was er entschieden hat?“ Milo schüttelte stumm den Kopf. „Dass ihr Menschen in Ordnung seid. Du warst heute der Botschafter von uns allen.“

An diesem Abend war Milo der Held der Kuppel, und er trug es mit der Würde eines Fünfjährigen, das heißt: Er erzählte die Geschichte beim Abendessen viermal, und sie wurde jedes Mal um eine Winzigkeit schöner. Juna zeichnete für ihr Forschungsbuch eine Karte mit dem Titel „Der historische Stiefel“, Bo legte im Archiv einen Eintrag an – Erster freundschaftlicher Kontakt zwischen Mensch und Hamsterelefant. Vermittler: Milo (5) und ein Schlaflied –, und Papa hob feierlich sein Glas mit Erdbeersaft: „Auf Schnorchel. Und auf die Stillen, die die größten Brücken bauen.“

Nur eines änderte sich nicht, und darauf achteten alle: Schnorchel blieb wild und frei. Er bekam kein Halsband, keinen Stall, kein Zuhause bei den Menschen – er hatte ja eins, das beste der Welt, mitten in der Blühwiese bei seiner Herde. Aber fast jeden Tag kam er nun an der Lauschbude vorbei, mal auf zwölf Schritte, mal auf zwei, ganz wie er wollte, und wenn Milo summte, summte er zurück. „Er ist nicht unser Haustier“, erklärte Milo jedem, der es hören wollte, mit ernster Miene. „Er ist mein Freund. Das ist viel mehr.“

Ganz nebenbei ging das Leben unter der Kuppel seinen guten Gang: Machmaschine Nummer drei hatte inzwischen den zweiten Kilometer Wunderfaden fertig gewebt und auf die Ehrenrolle gewickelt, und an der Werkstattwand hing seit Neuestem ein erster Plan für Nummer vier, über den die Erwachsenen abends die Köpfe zusammensteckten. Aber wenn man die Kinder gefragt hätte, was in diesen Wochen das Wichtigste war, hätten alle vier dasselbe gesagt: ein kleiner Rüssel mit einem Knick nach links, ein Schlaflied und eine Stiefelspitze.

Abends im Bett summte Milo sein Keks-Lied jetzt immer zweimal – einmal für Keks und einmal, in Richtung Fenster, für Schnorchel da draußen im Moos. Und in den Zimmern nebenan flüsterten Nexus und Xenia durch ihre Klappe. „Weißt du, was ich glaube?“, sagte Nexus. „Hope hat uns die ganze Zeit beobachtet. Erst hat es uns die Steine singen lassen, dann die Blüten gezeigt, dann den Regen. Und jetzt, wo es sicher war, dass wir gut aufpassen, hat es uns seine Tiere anvertraut.“ Xenia dachte lange darüber nach. „Dann war der Rüssel auf Milos Stiefel“, murmelte sie schließlich, „so etwas wie ein Zeugnis. Beste Note.“

Draußen graste die kleine Herde im Mondlicht der zwei Monde, mittendrin ein Entdecker mit einem Knick im Rüssel, und von den Hügeln summten die Steine ihr ewiges Lied dazu. Die Lauschbude stand still und geduldig am Wiesenrand und wartete auf morgen. Und hinter dem Kuppelglas schliefen vier Kinder ein, die in diesen Wochen etwas Kostbareres gelernt hatten als alle Maschinen zusammen: dass man Vertrauen nicht machen kann, nicht mal mit der besten Machmaschine – man kann es nur verdienen, still und Tag für Tag. Schlaf gut, Nexus. Schlaf gut, Xenia. Und träum was Schönes, Milo – Schnorchel tut es bestimmt auch gerade. Gute Nacht.