Wer in diesen Wochen die Werkstatt unter der Kuppel betrat, hörte zuerst das Summen der kleinen Machmaschine – und dann das eifrige Klicken und Rasseln des Schrauben-Teams. Tag für Tag baute die kleine Maschine Teile für ihre große Schwester, und Tag für Tag setzten Nexus und Xenia sie zusammen mit Xenias Eltern zusammen: Platten, Streben, Rädchen, Leitungen, und Schrauben, so viele Schrauben, dass Nexus ihren Zauberspruch – „Halt gut fest, kleine Schraube“ – inzwischen sogar im Schlaf murmelte, wie Xenia durch die Klappe zwischen ihren Zimmern deutlich hören konnte.
Mitten in diese fleißige Zeit fiel ein besonderer Tag: Nexus wurde sieben. Es war ihr erster Geburtstag auf einer neuen Welt, und er begann damit, dass alle vor ihrer Tür standen und so schön und so schief sangen, dass man es bestimmt bis zur Funkelkammer hörte. Es gab Pfannkuchentorte mit Erdbeeren, und aus der Machmaschine kamen als Geschenk – in vier Teilen zum Zusammenbauen, versteht sich – nagelneue Stiefel, denn Nexus’ alte waren ihr zu klein geworden. „Du wächst schneller als die Sonnenblumen“, staunte Mama. „Sieben ist auch ein gutes Alter zum Wachsen“, sagte Nexus würdevoll und schraubte sich ihre Stiefel selbst zusammen.
Machmaschine Nummer zwei wuchs derweil auf dem großen Arbeitstisch heran wie ein seltsames, glänzendes Tier. Erst war sie nur ein Rahmen. Dann bekam sie Wände. Dann ein Innenleben aus tausend feinen Teilen, bei dem sogar Xenia manchmal dreimal auf den Plan schauen musste. Bo rollte mit seiner Zählliste auf und ab und meldete jeden Abend den Stand: „Zweitausendeinhundert Teile verbaut. Zweitausendsechshundert. Zweitausendneunhundert!“ Und jedes Mal klang seine Stimme ein bisschen feierlicher.
Doch dann kam der Tag, an dem es hakte. Das Herzstück der neuen Maschine war ein fingerlanger Kristall, in dem später das goldene Bau-Licht entstehen sollte – das feinste und schwierigste Teil von allen. Die kleine Machmaschine brauchte einen ganzen Tag, um ihn zu weben. Als die Klappe aufging, hielt Xenias Mama ihn gegen das Licht, betrachtete ihn lange und schüttelte den Kopf. „Ein Riss. Winzig, aber er ist da. So einer darf nicht ins Herz der Maschine.“ Und der schöne Kristall wanderte zurück in die Bausteinklappe.
Auch der zweite Versuch misslang. Wieder ein Tag Arbeit, wieder ein feiner Riss, wieder alles zurück in die Klappe. Nexus stampfte vor Enttäuschung mit ihrem neuen Stiefel auf. „Das ist unfair! Sie gibt sich doch solche Mühe!“ Da hockte sich Xenias Mama zu den Mädchen. „Wisst ihr, was das Gute ist? Der Maschine ist nichts verloren gegangen. Aus den Bausteinen des kaputten Kristalls webt sie den neuen. Sie fängt nicht bei null an – sie hat nur noch einmal Anlauf genommen.“ Sie zwinkerte. „So wie ihr beim Weitspringen. Wer nochmal anläuft, ist nicht gescheitert. Der springt gleich weiter.“
Beim dritten Mal ließen sie sich besonders viel Zeit. Die Maschine webte zwei volle Tage, ganz langsam, und die Mädchen schlichen auf Zehenspitzen durch die Werkstatt und sprachen nur im Flüsterton, um sie ja nicht zu stören – was, wie Papa ihnen versicherte, technisch nicht nötig, aber bestimmt trotzdem hilfreich war. Und dann, an einem stillen Nachmittag: pling. Xenias Mama hob den Kristall ins Licht, drehte ihn, drehte ihn noch einmal – und lächelte ihr breitestes Konstrukteurinnen-Lächeln. „Makellos. Der ist es.“ Die Werkstatt jubelte so laut, dass draußen im Garten die Sonnenblumen wackelten.
Und dann kam der Moment, auf den Bo seit Wochen hingezählt hatte: Teil dreitausendzweihundert. Das allerletzte Stück war – wie könnte es anders sein – eine Schraube. Aber nicht irgendeine: Die kleine Machmaschine hatte sie auf ganz besonderen Wunsch des Schrauben-Teams golden schimmernd gebaut. Alle versammelten sich in der Werkstatt, und Nexus durfte sie eindrehen, ganz langsam und mit ihrem besten Zauberspruch: „Halt gut fest, kleine Schraube. Du bist die letzte, also pass auf alle anderen mit auf.“ Als sie saß, trommelte das ganze Werkstatt-Publikum Applaus auf die Werkbänke, und Bo verkündete mit Überschlag in der Stimme: „Dreitausendzweihundert von dreitausendzweihundert. Das Schrauben-Team hat fertig!“
Eine Woche später war es so weit. Machmaschine Nummer zwei stand fertig da, doppelt so groß wie die alte, mit einem Bauraum, in den Nexus bequem hineingepasst hätte, was sie zur Sicherheit heimlich ausprobiert hatte. Alle versammelten sich zur Einweihung. Die Ehre, den Startknopf zu drücken, bekam – nach einem sehr gerechten Knobelspiel – Xenia. Sie drückte. Die neue Maschine erwachte mit einem tiefen, warmen Summen, das goldene Licht flutete den großen Bauraum, und die kleine Machmaschine daneben summte ein bisschen höher, als würde sie ihrer großen Schwester zujubeln.
„Und was baut sie als Erstes?“, fragte Nexus aufgeregt. Xenias Mama zog geheimnisvoll ein abgegriffenes kleines Notizbuch hervor, und Xenia wurde ganz rot vor Freude, denn sie erkannte es sofort: ihr eigenes. Die Seite mit der Zeichnung vom Erkundungstag war aufgeschlagen – Fluss, Hügel, Kuppel und ein geschwungener Strich. „Ihr erinnert euch an die Liste“, sagte Mama feierlich. „Erster Auftrag für Machmaschine Nummer zwei: eine Rutsche. Vom Gartenhügel bis zu den Sonnenblumen.“
Die neue Maschine baute die Rutsche in sieben großen, geschwungenen Bahnen – Teile, so groß, dass die alte Maschine Wochen dafür gebraucht hätte. Das Schrauben-Team setzte sie an einem einzigen Wochenende zusammen, und dann stand sie da, glänzend und herrlich geschwungen. Die allererste Fahrt machten Nexus und Xenia gemeinsam, hintereinander, mit Funke ganz vorn. Sie sausten den Hügel hinab, quietschten vor Vergnügen und landeten weich im Gras zwischen den Sonnenblumen. „Angenommen!“, rief Xenia von unten. „Die Rutsche ist offiziell angenommen!“
Von da an baute Nummer zwei jeden Tag: größere Fensterrahmen, ganze Tischplatten, Regale am Stück, neue Rohre für das Gewächshaus. Und nachts – das war das Schönste – webte sie bereits an den ersten Teilen für Machmaschine Nummer drei, die noch einmal viel größer werden sollte. „Eine Maschine baut eine Maschine baut eine Maschine“, sagte Nexus zufrieden, wenn sie abends durchs Werkstattfenster das doppelte goldene Leuchten sah. Der Satz war so etwas wie ihr Lieblingslied geworden.
Und dann, an einem ganz gewöhnlichen Dienstag, kam die Nachricht. Bo empfing sie am Funkgerät, und er rollte damit so aufgeregt durch die Kuppel, dass er zweimal beinahe die Bank der Freundinnen umkurvte. „Funkspruch von der Erde! Priorität: freudig!“, rief er. „Die Zuversicht ist gestartet! Ich wiederhole: Die Zuversicht ist gestartet!“ Alle liefen zusammen. Die Zuversicht – das war das zweite große Siedlerschiff. Es war losgeflogen, mit drei Familien an Bord, mit Vorräten, mit Bauteilen. „Und“, Bo machte seine allerbedeutungsvollste Pause, „mit Kindern. Zwei Kindern.“
„Kinder!“, schrie Nexus und machte einen Luftsprung, der ihr in der sanften Schwerkraft von Hope besonders gut gelang. Andere Kinder! Zum ersten Mal, seit sie die Erde verlassen hatten, würde es noch jemanden zum Spielen geben, zum Rutschen, zum Sternbilder-Erfinden! Die Mädchen fassten sich an den Händen und tanzten einmal rund um Bo herum, der höflich mitblinkte und dabei die Reisedaten herunterratterte: Die Zuversicht würde viele Wochen unterwegs sein, so wie damals die Morgenstern.
Erst später am Abend, als die Aufregung sich gelegt hatte, wurde Nexus auf der Bank der Freundinnen plötzlich still. „Xenia?“, fragte sie leise. „Was ist, wenn die neuen Kinder uns nicht mögen?“ Xenia dachte gründlich nach, so wie sie es bei schwierigen Konstruktionen tat. „Weißt du noch, wie fremd uns Hope am Anfang war?“, sagte sie dann. „Und jetzt ist es Zuhause. Für die Neuen wird alles fremd sein – der Himmel, die Steine, sogar das Hüpfen. Aber wir zwei, wir kennen uns hier aus. Wir können ihnen alles zeigen. Und wer einem das Zuhause zeigt, den mag man eigentlich immer.“ Das klang so vernünftig, dass Nexus’ Sorge ganz klein wurde und sich irgendwo zwischen den Sonnenblumen verkrümelte.
In den Tagen danach begannen unter der Kuppel die schönsten Vorbereitungen: Es wurden Pläne für neue Häuser gezeichnet, die Nummer zwei bauen sollte, und die Mädchen durften mitbestimmen, wo die Kinderzimmer hinkamen. Xenia trug in ihr Notizbuch eine neue Liste ein, Überschrift: „Was wir den Neuen als Erstes zeigen“. Ganz oben stand die Rutsche. Dann die singenden Steine. Dann Bo, „aber vorsichtig, damit er nicht angibt“. Bo, der das natürlich las, speicherte es unter „berechtigte Sorge“ ab.
Abends im Bett rechneten die Mädchen durch die Klappe hindurch aus, wie oft sie noch schlafen mussten, bis die Zuversicht ankäme. Es war eine große Zahl, aber große Zahlen schreckten auf Hope niemanden mehr. „Weißt du“, murmelte Xenia, „eigentlich ist es wie mit den Maschinen. Erst kamen wir Kleinen. Wir bauen alles auf. Und dann kommen immer mehr, und alles wird größer und größer.“ – „Eine Familie baut eine Familie baut eine Familie“, murmelte Nexus zurück, und beide mussten so lachen, dass Papa von unten „Schlafenszeit!“ rief, aber man hörte genau, dass er selber lachte.
Dann wurde es still in den beiden Zimmern. Draußen sangen die Steine, in der Werkstatt webten zwei Maschinen im goldenen Licht an der Zukunft, und irgendwo weit draußen im Sternenmeer flog die Zuversicht durch die Nacht, mit zwei schlafenden Kindern an Bord, die noch gar nicht ahnten, was für ein Zuhause auf sie wartete. Und mit jedem Wimpernschlag kamen sie ein Stückchen näher. Schlaf gut, Nexus. Schlaf gut, Xenia. Gute Nacht.
