Zwei Wochen waren seit dem großen Kuppelfest vergangen, und das Leben unter der glitzernden Kuppel hatte seinen eigenen, gemütlichen Rhythmus gefunden. Morgens gab es Schule bei Nexus’ Mama, mittags halfen die Mädchen im Garten, wo die Sonnenblumen ihnen inzwischen bis zur Nasenspitze reichten, und abends saßen oft alle zusammen auf den Stufen vor den Häusern und hörten den singenden Steinen zu. „Weißt du, was komisch ist?“, sagte Nexus eines Abends zu Xenia. „Ich habe gar nicht gemerkt, wann Hope aufgehört hat, sich neu anzufühlen.“
An einem dieser Tage zerbrach Nexus beim Gießen ihre Lieblingsgießkanne. Sie war ihr aus der Hand gerutscht und in drei Teile gesprungen. „Ohje“, sagte Nexus traurig. Aber ihr Papa lächelte geheimnisvoll. „Ich glaube“, sagte er, „es ist Zeit, dass ihr zwei die wichtigste Maschine auf ganz Hope richtig kennenlernt. Ihr habt sie schon hundertmal gesehen – aber ich wette, ihr wisst noch nicht, was wirklich in ihr steckt.“ Und er führte sie hinüber zur Werkstatt.
Dort, in der Ecke, stand ein Kasten, ungefähr so groß wie eine Waschmaschine, mit einem runden Fenster und vielen kleinen Lichtern. Die Mädchen kannten ihn gut: Während des Kuppelbaus hatte er Tag und Nacht leise gebrummt und dabei Schraube um Schraube, Träger um Träger ausgespuckt. „Das ist unser Konverter“, sagte Papa und klopfte liebevoll auf das Gehäuse. „Die fleißigste Maschine zwischen hier und der Erde. Und heute verrate ich euch ihr Geheimnis.“
Er nahm die zerbrochene Gießkanne und hielt sie hoch. „Woraus besteht die?“, fragte er. „Aus Plastik?“, riet Nexus. „Und woraus besteht Plastik?“ Da mussten die Mädchen passen. „Alles auf der Welt“, erklärte Papa, „ist aus winzig kleinen Bausteinen zusammengesetzt. Sie sind so klein, dass man sie nicht sehen kann, viel kleiner als ein Staubkorn, kleiner als alles, was ihr euch vorstellen könnt. Eine Gießkanne ist aus Milliarden solcher Bausteine gebaut. Ein Stein auch. Ein Pfannkuchen auch. Sogar ihr beide.“
„Wir auch?“, staunte Xenia und betrachtete ihre Hand. „Ihr auch“, nickte Papa. „Und jetzt kommt das Geheimnis: Der Konverter kennt diese Bausteine. Man füllt ihn mit Grundstoff – das ist wie eine große Kiste voller gemischter Bauklötzchen – und sagt ihm, was er bauen soll. Dann sortiert er die Bausteine und setzt sie zusammen, Klötzchen für Klötzchen, so schnell und so fein, dass am Ende genau das Ding herauskommt, das man sich gewünscht hat.“ Er legte die Scherben der Gießkanne in eine Klappe. „Und das Beste: Kaputte Dinge sind für ihn nur Bausteine in falscher Ordnung.“
Der Konverter summte los. Hinter dem runden Fenster begann es sanft zu leuchten, golden und warm, und feine Lichtfäden webten hin und her wie ein unsichtbarer Strickzeug. Die Mädchen pressten die Nasen ans Glas. Und dann, nach einer Weile, machte es leise pling – und in der Ausgabeklappe lag eine Gießkanne. Dieselbe Form, dieselbe Größe, nur ganz neu und heil, und auf Wunsch von Papa sogar mit einem kleinen aufgedruckten Stoffdrachen, der verdächtig nach Funke aussah. Nexus war sprachlos. „Das ist“, flüsterte sie schließlich, „die beste Machmaschine der Welt.“ Und so hieß der Konverter von diesem Tag an bei allen nur noch: die Machmaschine.
Natürlich wollten die Mädchen jetzt tausend Dinge auf einmal machen lassen: ein Klettergerüst! Ein Bett für Funke! Ein echtes Fahrrad! Aber Papa hob die Hände. „Langsam, langsam. Unsere Machmaschine hat zwei Haken. Erstens ist sie klein. Im Raumschiff war einfach nicht genug Platz für eine große, deshalb konnten wir nur diese hier mitnehmen. Sie schafft nur kleine Teile – eine Gießkanne geht gerade so, eine Schraube sowieso. Aber ein Fahrrad müsste sie in vielen kleinen Stücken bauen, die man hinterher mühsam zusammensetzt. Genau so haben wir die Kuppel gebaut: aus tausenden kleinen Trägern und Schrauben.“
„Deshalb war das Schrauben-Team so wichtig!“, rief Xenia, und Papa lachte. „Genau deshalb. Und der zweite Haken ist noch wichtiger: Der Grundstoff. Die Bausteinkisten, die wir von der Erde mitgebracht haben, werden eines Tages leer sein. Dann brauchen wir Nachschub.“ Nexus zeigte aus dem Werkstattfenster auf die Hügel. „Aber draußen liegt doch überall Zeug herum! Steine und Sand und –“ Papa schüttelte sanft den Kopf. „Das könnten wir nehmen. Aber wir tun es nicht.“
Er setzte sich auf die Werkbank und sah die Mädchen ernst und freundlich an. „Als wir zur Erde Abschied gesagt haben, haben alle Siedler ein Versprechen gegeben. Es heißt: Wir sind Gäste. Hope hat uns eine ganze Welt geschenkt – die Luft, die wir bald atmen werden, das Wasser, das Gras, die singenden Steine. Deshalb graben wir keine Löcher in seine Hügel und holzen nichts ab und räumen nicht auf, was uns nicht gehört. Alles, was wir brauchen, holen wir uns von dort oben.“ Er zeigte durch das Kuppelglas in den violetten Himmel. „Im Weltall treiben unzählige Brocken herum, Asteroiden, herrenlose Steine, die zu keiner Welt gehören und auf denen nichts lebt und nichts singt. Die dürfen wir uns nehmen. Eines Tages fangen wir sie ein und zerlegen sie in Bausteine für die Machmaschine.“
„Und wie kommen die dann hier runter?“, fragte Xenia sofort, denn so etwas wollte sie immer ganz genau wissen. „Gute Frage“, sagte Papa vergnügt. „Daran werden wir noch lange tüfteln. Erst brauchen wir Schiffe, die die Brocken einsammeln. Dann Maschinen, die sie zerlegen. Und irgendwann einen richtigen Weg vom Himmel bis zum Boden. Aber weißt du, wie man ein Riesenprojekt baut?“ Xenia grinste, denn das wusste sie von ihrer Mama: „Ein kleines Teil nach dem anderen.“
„Und damit“, sagte Papa und breitete feierlich einen großen Plan auf der Werkbank aus, „sind wir beim nächsten Riesenprojekt. Darf ich vorstellen: Machmaschine Nummer zwei.“ Auf dem Plan war ein Konverter zu sehen, doppelt so groß wie der alte, mit einem viel größeren Bauraum. „Unsere kleine Maschine wird die Teile für eine größere Maschine bauen. Und die größere baut später Teile für eine noch größere. Und die dann irgendwann für eine, die ein ganzes Auto am Stück machen kann. Oder Wände. Oder wer weiß – eines fernen Tages vielleicht sogar ein Raumschiff.“
„Eine Maschine baut eine Maschine baut eine Maschine“, sagte Nexus langsam, und der Satz gefiel ihr so gut, dass sie ihn gleich noch einmal sagte. Bo, der in der Tür gelauscht hatte, rollte herein und blinkte eifrig. „Ich habe nachgerechnet“, verkündete er. „Für Machmaschine Nummer zwei brauchen wir ungefähr dreitausendzweihundert Einzelteile. Das bedeutet …“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause. „… sehr viel Arbeit für ein gewisses Schrauben-Team.“ Die Mädchen strahlten sich an. Das war das schönste Kompliment, das Bo je gemacht hatte.
Noch am selben Nachmittag begann die Machmaschine mit dem ersten Teil für ihre große Schwester: einer glänzenden Bodenplatte, kaum größer als ein Frühstücksbrett. Xenia trug sie so vorsichtig durch die Werkstatt, als wäre sie aus Zucker, und legte sie auf den leeren Arbeitstisch, auf dem in den nächsten Wochen Stück für Stück eine neue Maschine wachsen würde. „Teil eins von dreitausendzweihundert“, sagte sie zufrieden. „Dann sind es ja nur noch dreitausendeinhundertneunundneunzig“, rechnete Nexus, und irgendwie klang das schon viel weniger.
Beim Abendessen erzählten die Mädchen den Mamas alles, was sie gelernt hatten, und zwar so schnell und durcheinander, dass Bo hinterher eine „geordnete Zusammenfassung“ anbot, die aber niemand brauchte. „Wisst ihr, was mir am besten gefällt?“, sagte Nexus’ Mama, als es ruhiger wurde. „Dass die Machmaschine nichts verschwendet. Jeder Baustein wird gebraucht. Kaputtes wird wieder ganz. Das ist eine gute Art, eine neue Welt zu beginnen.“ Draußen hinter dem Kuppelglas ging langsam die goldene Sonne unter, und die singenden Steine stimmten ihr Abendlied an.
Vor dem Schlafengehen liefen Nexus und Xenia noch einmal kurz in die Werkstatt, um der Machmaschine gute Nacht zu sagen. Das machte man mit Maschinen normalerweise nicht, aber diese hier hatte es verdient. Sie summte leise vor sich hin und baute im warmen goldenen Licht schon am nächsten kleinen Teil. „Sie arbeitet sogar nachts für ihre große Schwester“, flüsterte Nexus. „Dann wollen wir sie nicht stören“, flüsterte Xenia zurück, und auf Zehenspitzen schlichen sie wieder hinaus.
In ihren Zimmern, Wand an Wand, kuschelten sich die Mädchen in ihre Betten. Die kleine Klappe zwischen den Zimmern stand einen Spalt offen. „Nexus?“, kam es leise hindurch. „Stell dir vor, wir sind mal so alt wie unsere Eltern. Dann gibt es hier vielleicht Maschinen, so groß wie Häuser.“ – „Und wir erzählen unseren Kindern, dass alles mit einer Maschine angefangen hat, die so klein war wie eine Waschmaschine“, murmelte Nexus. „Und mit einer Gießkanne“, kicherte Xenia. „Und mit einer Gießkanne“, lächelte Nexus in ihr Kissen.
Draußen sangen die Steine, drinnen summte ganz leise die fleißige kleine Machmaschine, und zwischen diesen beiden friedlichen Geräuschen schliefen die zwei besten Freundinnen von Hope tief und zufrieden ein. Aus winzigen Bausteinen entsteht eben alles Große – Gießkannen, Maschinen und manchmal sogar eine ganze neue Welt. Schlaf gut, Nexus. Schlaf gut, Xenia. Gute Nacht.
