Eines Morgens weckte Bo die Mädchen nicht mit leiser Musik, sondern mit den aufregendsten Worten der ganzen Reise: „Aufwachen, Sternenreisende! Heute ist Landetag!“ Nexus und Xenia schossen aus ihren Kojen wie zwei Raketen. Vor dem großen Sternenfenster hing nicht länger nur schwarzes, funkelndes Weltall. Dort schwebte ein Planet. Er war türkis und golden, mit weichen weißen Wolkenwirbeln, und um ihn herum standen zwei kleine Monde wie zwei treue Wächter. „Hope“, flüsterte Xenia. „Da bist du ja endlich.“
Bevor die Morgenstern landen konnte, zog sie erst noch ein paar ruhige Runden um den Planeten, wie ein Vogel, der ein neues Nest von allen Seiten betrachtet. Die Mädchen klebten am Fenster und schauten hinunter. Da waren weite Ebenen aus silbergrünem Gras, gewundene Flüsse, die im Sonnenlicht blitzten, große stille Seen und Gebirge, deren Gipfel schimmerten wie die Innenseite von Muscheln. „Dort“, sagte Papa schließlich und zeigte auf ein geschütztes Tal mit einem Fluss, „dort ist unser Platz. Die Messgeräte sagen: mildes Wetter, gutes Wasser, fester Boden.“ Nexus presste die Nase ans Glas. Ihr neues Zuhause war also schon da – es wusste es nur noch nicht.
Beim Frühstück konnte vor Aufregung kaum jemand etwas essen, nicht einmal Bo, und der aß sowieso nie etwas. Die Eltern gingen noch einmal alle Listen durch: Atemgeräte, Messgeräte, Werkzeuge, Proviant. Denn eines wussten alle an Bord: Die Luft auf Hope war nicht wie die Luft auf der Erde. Man konnte sie ein kleines bisschen probieren, aber nicht dauerhaft atmen. Deshalb hatte jeder ein eigenes Atemgerät – eine weiche, durchsichtige Maske mit einem kleinen silbernen Tornister. „Eure Masken sind eure besten Freunde da draußen“, erklärte Nexus’ Mama. „Nach Xenia natürlich“, verbesserte sich Nexus’ Mama lächelnd, als sie Nexus’ Blick sah.
Dann schnallten sich alle fest, und die Landung begann. Die Morgenstern tauchte in die Wolken von Hope ein, und das Schiff ruckelte und schaukelte sanft wie ein Boot auf Wellen. Nexus hielt Funke fest, Xenia hielt Nexus fest. Draußen am Fenster zogen goldene Wolkenschleier vorbei, dann kam Land in Sicht: sanfte Hügel in Türkis und Silbergrün, ein glitzerndes Flusstal und dahinter Berge, die im Morgenlicht schimmerten wie Perlmutt. Mit einem weichen, tiefen Seufzer setzte das große Schiff im Tal auf. Dann war es still. Sie waren angekommen.
„Willkommen zu Hause“, sagte Xenias Papa leise, und seine Stimme zitterte ein winziges bisschen, obwohl er ein großer, starker Konstrukteur war. Alle saßen noch einen Moment ganz still und schauten hinaus. Vor dem Fenster wiegte sich silbergrünes Gras im Wind. Ein Wind, den noch nie ein Mensch gespürt hatte. „Wer zuerst hinausgeht, darf sich etwas wünschen“, flüsterte Nexus. „Dann gehen wir alle zusammen“, entschied ihre Mama. „Ein Wunsch für alle.“
Die Vorbereitung dauerte lange, denn alles musste genau stimmen. Die Eltern prüften die Luft, den Boden, das Wetter. Dann halfen sie den Mädchen in ihre Atemmasken. Die Maske schmiegte sich weich um Nexus’ Gesicht, und der kleine Tornister summte freundlich los und schickte ihr frische Luft zum Atmen. „Alles gut?“, fragte Papa und hob den Daumen. „Alles gut!“, riefen beide Mädchen, und ihre Stimmen klangen durch die Masken ein bisschen wie aus einer Blechdose, worüber sie sehr kichern mussten.
Die große Luke öffnete sich langsam, und goldenes Licht fiel herein. Hand in Hand stiegen Nexus und Xenia die Rampe hinunter – die ersten Kinder auf einer neuen Welt. Als ihre Stiefel das weiche Gras berührten, blieben beide ganz still stehen. Der Himmel über ihnen war nicht blau wie auf der Erde, sondern zart violett, wie Flieder. Die Sonne von Hope schien golden und warm. Und die beiden Monde standen blass am Taghimmel, als wollten sie zuschauen. „Hallo, Hope“, sagte Nexus feierlich. „Wir sind die Neuen.“
Das Laufen auf Hope war übrigens ein Erlebnis für sich, denn die Schwerkraft war hier ein winziges bisschen sanfter als auf der Erde. Jeder Schritt federte, und wenn man richtig Anlauf nahm und hüpfte, flog man ein herrliches Stückchen weiter als zu Hause. Natürlich musste das sofort ausprobiert werden. „Ich springe wie ein Känguru!“, jauchzte Nexus. „Ich springe wie ein Känguru mit Raketenantrieb!“, rief Xenia. Sogar die Erwachsenen machten mit, und für einen Moment hüpfte die ganze erste Menschheit von Hope lachend durch das weiche Gras, während Bo vom Schiff aus zusah und in sein Logbuch schrieb: „Die Menschen sind gut gelandet. Sie hüpfen.“
Der erste Tag war voller Staunen. Das Gras war weich wie Moos und federte bei jedem Schritt, sodass man ein kleines bisschen hüpfen musste, ob man wollte oder nicht. Der Fluss im Tal glitzerte silbern, und Nexus’ Papa untersuchte das Wasser mit seinen Geräten und strahlte: „Sauber und klar! Das ist ein größerer Schatz als Gold.“ Xenia fand Steine, die rund und glatt waren und in allen Farben schimmerten – rosa, türkis, lavendel. Einen besonders schönen steckte sie ein. „Für die Erinnerungskiste“, sagte sie. „Ab heute sammeln wir auch Hope-Erinnerungen.“
Die Eltern arbeiteten den ganzen Tag: Sie stellten Messstationen auf, spannten Sonnensegel und markierten den Platz, an dem bald die große Kuppel gebaut werden sollte. Nexus und Xenia halfen, wo sie konnten. Sie trugen kleine Fähnchen, hielten Schnüre gerade und brachten allen zu trinken. „Ihr seid die besten Assistentinnen zwischen hier und der Erde“, lobte Xenias Mama. „Wir sind die einzigen Assistentinnen zwischen hier und der Erde“, sagte Xenia stolz, „aber trotzdem danke.“
Als die goldene Sonne tiefer sank, färbte sich der Fliederhimmel rosa und dann tief pflaumenblau. Und dann geschah etwas Wunderbares. Von den Hügeln her erklang auf einmal ein leiser, warmer Ton. Dann noch einer, ein bisschen höher. Und noch einer. Es klang wie Summen, wie Gläserklingen, wie ein sehr sanftes Schlaflied. „Was ist das?“, flüsterte Nexus. Ihre Mama lauschte mit ihrem Messgerät und begann zu lächeln. „Das sind die Steine“, sagte sie leise. „Die runden Steine auf den Hügeln. Tagsüber sammeln sie die Wärme der Sonne, und wenn es abends kühl wird, geben sie sie wieder ab. Dabei schwingen sie ganz sacht – und singen.“
„Singende Steine“, wiederholte Xenia andächtig und holte ihren gesammelten Stein aus der Tasche. Tatsächlich: Auch er summte ganz leise in ihrer Hand, warm und freundlich, wie ein winziges schnurrendes Kätzchen. „Jeden Abend, wenn die Sonne untergeht, singt Hope also ein Gute-Nacht-Lied“, staunte Nexus. „Für wen denn nur, all die Jahre, als noch niemand hier war?“ Ihre Mama legte den Arm um sie. „Vielleicht hat Hope geübt“, sagte sie, „für euch.“
Den ersten Sonnenuntergang auf der neuen Welt schauten sie sich alle zusammen an, auf Decken vor dem Schiff, mit warmem Kakao aus der Bordküche in den Trinkbeuteln. Die goldene Sonne sank langsam hinter die Perlmuttberge, und der Himmel verwandelte sich in Farben, für die es auf der Erde gar keine Namen gab – irgendwo zwischen Flieder und Rosé und flüssigem Gold. „Auf der Erde würde ich sagen: Morgen wird das Wetter schön“, murmelte Papa. „Hier sage ich einfach: Morgen wird alles neu.“ Niemand sprach mehr viel. Manchmal ist Staunen das schönste Gespräch.
Zum Abendessen saßen alle zusammen in der Morgenstern, müde und glücklich, und durch das Fenster sahen sie zu, wie die beiden Monde heller wurden. Der eine war rund und silbern, der andere klein und golden. „Sie brauchen Namen“, fand Xenia. Die Mädchen berieten sich flüsternd. „Der große heißt Brumm“, verkündete Nexus dann, „weil er aussieht wie ein freundlicher dicker Bär. Und der kleine heißt Fips.“ Die Eltern lachten, und Bo speicherte die Namen sofort feierlich ab: „Brumm und Fips. Offiziell. Für immer.“
Einer allerdings war an diesem Tag noch gar nicht draußen gewesen: Bo. Also öffneten die Eltern nach dem Essen noch einmal die Luke, und Bo rollte langsam und sehr feierlich die Rampe hinunter, bis seine Rollen das silbergrüne Gras berührten. Er drehte eine kleine Runde vor dem Schiff und zog dabei zwei feine Spuren in den weichen Boden. „Sieh mal“, rief Xenia, „du hast die allererste Straße von Hope gebaut!“ Bo blinkte so stolz, wie ein Roboter nur blinken kann, und speicherte den Moment gleich dreifach ab. „Straße Nummer eins“, sagte er andächtig. „Führt einmal rund ums Zuhause. Mehr Straße braucht es heute noch nicht.“
Dann war Schlafenszeit, die erste Schlafenszeit auf der neuen Welt. Die Mädchen kuschelten sich in ihre Kojen, und Bo öffnete extra die kleinen runden Fensterblenden, damit sie hinaussehen konnten. Draußen sangen die Steine ihr leises Abendlied, das durch die Schiffswand ganz zart zu hören war. Brumm und Fips leuchteten am violetten Nachthimmel, und das silbergrüne Gras wiegte sich im Wind. „Xenia?“, flüsterte Nexus. „Unser Wunsch von vorhin – ich habe mir gewünscht, dass wir hier glücklich werden.“ Xenia lächelte mit geschlossenen Augen. „Ich glaube“, murmelte sie, „der Wunsch hat schon angefangen.“
Und während die singenden Steine ihr Lied summten, leiser und leiser, und die zwei Monde über das Tal wachten, schliefen Nexus und Xenia tief und geborgen ein – ihre erste Nacht auf Hope, der Welt, die nun ihr Zuhause war. Schlaf gut, Nexus. Schlaf gut, Xenia. Und gute Nacht, Hope.
