Der freundliche Zauberer Korbinian war im ganzen Dorf bekannt und beliebt. Mit seinem Zauberstab half er, wo er konnte: Er ließ vertrocknete Felder wieder grünen, zauberte den Kindern Spielzeug und heilte kranke Tiere. Sein Zauberstab war sein wertvollster Besitz, und er trug ihn immer bei sich. „Ohne meinen Zauberstab“, sagte Korbinian, „könnte ich gar nicht zaubern.“
Eines Tages aber geschah ein Unglück. Als Korbinian über eine Brücke ging, rutschte ihm der Zauberstab aus der Hand und fiel in den reißenden Fluss. „Mein Zauberstab!“, rief Korbinian entsetzt und schaute ihm hinterher, wie er in den Wellen verschwand. „Oh nein, jetzt ist er weg. Jetzt kann ich nicht mehr zaubern. Jetzt bin ich kein Zauberer mehr.“
Niedergeschlagen kehrte Korbinian ins Dorf zurück. „Ich kann euch nicht mehr helfen“, sagte er traurig zu den Dorfbewohnern. „Ohne meinen Zauberstab bin ich machtlos.“ Doch da kam ein kleines Mädchen zu ihm gelaufen. „Bitte, Zauberer Korbinian“, rief es. „Mein Kätzchen sitzt im Baum fest und traut sich nicht herunter. Kannst du ihm helfen?“
Korbinian wollte schon sagen, dass er ohne Zauberstab nichts tun könne. Doch das Mädchen schaute ihn so hoffnungsvoll an. „Ich will es wenigstens versuchen“, dachte Korbinian. Er ging zum Baum und überlegte. Ohne Zauber konnte er das Kätzchen nicht herunterschweben lassen. „Aber vielleicht“, dachte er, „gibt es einen anderen Weg.“
Korbinian sprach dem ängstlichen Kätzchen ganz sanft und beruhigend zu. „Komm, kleines Kätzchen“, sagte er mit seiner warmen Stimme. „Hab keine Angst. Ich bin hier und passe auf dich auf. Klettere ganz langsam, Ast für Ast.“ Und tatsächlich – durch seine ruhige, freundliche Art fasste das Kätzchen Mut und kletterte langsam und sicher den Baum hinunter, direkt in die Arme des Mädchens.
„Du hast ihm geholfen!“, jubelte das Mädchen. „Ganz ohne Zauberstab!“ Korbinian staunte. Er hatte dem Kätzchen geholfen – nur mit seiner ruhigen, freundlichen Art. Da wurde ihm etwas klar. „Vielleicht“, dachte er, „steckt meine wahre Kraft gar nicht im Zauberstab, sondern in mir selbst – in meiner Freundlichkeit und meinem Wunsch zu helfen.“
Von da an half Korbinian den Menschen auch ohne Zauberstab. Er tröstete die Traurigen mit guten Worten, half den Bauern mit klugen Ratschlägen und brachte die Kinder mit lustigen Geschichten zum Lachen. Und er merkte: Vieles, was er früher gezaubert hatte, konnte er auch mit Herz, Verstand und Hilfsbereitschaft erreichen. „Die schönste Magie“, sagte er, „kommt aus dem Herzen.“
Eines Tages brachte ein Fischer ihm sogar seinen Zauberstab zurück, den er im Fluss gefunden hatte. Korbinian freute sich. Doch er hatte gelernt, dass der Zauberstab nicht das Wichtigste war. „Schön, dich wiederzuhaben“, sagte er zu seinem Stab. „Aber jetzt weiß ich: Meine wahre Kraft trage ich in mir.“
Am Abend, zufrieden und um eine wichtige Erkenntnis reicher, kuschelte sich Korbinian in sein Bett. „Meine wahre Kraft steckt in mir selbst“, dachte er glücklich. Der Mond schien durchs Fenster, der Zauberstab ruhte auf dem Tisch, und mit einem warmen, weisen Herzen schlief der Zauberer Korbinian zufrieden ein. Schlaf gut, Korbinian. Gute Nacht.
