Es war ein heißer Sommertag im Freibad, und Tomma hatte sich etwas ganz Großes vorgenommen: Heute wollte sie zum ersten Mal vom hohen Sprungbrett springen. Vom kleinen Brett war sie schon oft gesprungen, doch das große, das war eine andere Sache. Es ragte hoch in den blauen Himmel, und allein der Anblick ließ ihren Bauch kribbeln.
„Du musst das nicht machen“, sagte ihr großer Bruder Jan. „Aber wenn du willst, schaffst du es bestimmt.“ Tomma reckte das Kinn. „Ich will“, sagte sie entschlossen, auch wenn ihre Stimme ein klein wenig zitterte. Sie ging zur Leiter und begann zu klettern, Sprosse um Sprosse, immer höher hinauf.
Oben angekommen, schaute Tomma über die Kante – und schluckte. Wie tief das war! Das Wasser glitzerte weit, weit unten, und die Menschen sahen aus wie kleine Spielfiguren. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. „Vielleicht ist es doch zu hoch“, dachte sie und machte einen Schritt zurück.
Hinter ihr warteten schon andere Kinder. „Trau dich!“, rief eines freundlich. Doch Tomma stand wie angewurzelt. Die Angst saß ihr in den Beinen. Sie schaute noch einmal hinunter, und das Wasser schien noch weiter weg als zuvor. Tränen stiegen ihr in die Augen. „Ich kann das nicht“, flüsterte sie.
Da fiel ihr ein, was ihre Mama immer sagte: „Mut heißt nicht, keine Angst zu haben. Mut heißt, es trotz der Angst zu versuchen.“ Tomma atmete tief durch. Sie musste ja nicht perfekt springen. Sie musste es nur versuchen. Langsam trat sie wieder an die Kante.
„Ich zähle bis drei“, sagte sie sich leise. „Eins …“ Sie spannte ihre Zehen an. „Zwei …“ Sie breitete die Arme aus. „Drei!“ Und dann – sprang sie. Für einen winzigen Moment flog Tomma durch die Luft, der Wind sauste ihr um die Ohren, und ihr Bauch machte einen riesigen Hüpfer.
Platsch! Tomma tauchte ins kühle, blaue Wasser ein. Es umfing sie sanft, und schon kam sie wieder an die Oberfläche, prustend und mit weit aufgerissenen Augen. „Ich hab’s geschafft!“, jubelte sie und schlug mit den Armen aufs Wasser. „Ich bin gesprungen!“
Am Beckenrand wartete Jan und zog sie heraus. „Das war großartig!“, lachte er und gab ihr ein High five. Tomma strahlte über das ganze Gesicht. Sie hatte solche Angst gehabt – und genau deshalb war sie jetzt so unglaublich stolz. Am liebsten wäre sie gleich noch einmal hinaufgeklettert.
Und das tat sie auch: Den ganzen Nachmittag sprang Tomma vom großen Brett, wieder und wieder, jedes Mal mit einem fröhlichen Juchzer. Abends, müde und glücklich und mit ganz zerknitterten Fingern vom vielen Schwimmen, fiel sie ins Bett. „Heute habe ich mich getraut“, dachte sie zufrieden. „Und morgen traue ich mich vielleicht noch etwas Neues.“ Mit diesem stolzen Gedanken schlief Tomma tief und fest ein. Gute Nacht, mutige Tomma.
