Lotte hatte ein wunderschönes neues Fahrrad bekommen, leuchtend grün mit einer silbernen Klingel. Sie wünschte sich nichts mehr, als damit über den Hof zu sausen wie die großen Kinder. Doch das Fahrradfahren wollte einfach nicht klappen. Immer wieder kam Lotte aus dem Gleichgewicht und musste den Fuß auf den Boden setzen.
„Ich kann das nicht!“, rief Lotte frustriert, als sie schon wieder fast umgekippt wäre. „Alle anderen können Fahrrad fahren, nur ich nicht.“ Am liebsten hätte sie das Rad in die Ecke gestellt und aufgegeben. Eine kleine Träne der Enttäuschung kullerte über ihre Wange.
Ihr Papa kam zu ihr und hockte sich neben sie. „Hey, Lotte“, sagte er sanft. „Niemand kann Fahrrad fahren beim ersten Versuch. Auch ich bin als Kind ganz oft hingefallen. Das gehört dazu. Wichtig ist nur, dass man wieder aufsteigt und es noch einmal probiert. Komm, ich halte dich am Sattel fest.“
Lotte wischte sich die Träne ab und setzte sich wieder aufs Rad. Papa hielt den Sattel und lief neben ihr her. „Tritt in die Pedale und schau nach vorn“, sagte er. „Nicht auf den Boden, sondern dorthin, wo du hinwillst.“ Lotte trat in die Pedale, und Papa hielt sie sicher. Langsam rollte sie über den Hof.
„Schau nach vorn, immer schön geradeaus“, sagte Papa und lief mit. Lotte konzentrierte sich, trat gleichmäßig und hielt das Lenkrad ruhig. Es lief schon viel besser! „Du machst das super, Lotte!“, rief Papa. Was Lotte nicht bemerkte: Papa hatte den Sattel längst losgelassen und lief nur noch nebenher.
„Lotte“, rief Papa fröhlich, „schau mal – du fährst ganz allein!“ Lotte erschrak kurz, doch dann merkte sie: Es stimmte! Sie hielt das Gleichgewicht ganz von selbst und rollte frei über den Hof. „Ich fahre!“, jubelte sie. „Ich fahre wirklich Fahrrad!“ Vor lauter Freude klingelte sie mit der silbernen Klingel.
Den ganzen Nachmittag übte Lotte weiter. Mal wackelte sie noch, mal musste sie kurz absteigen, doch jedes Mal stieg sie wieder auf und probierte es erneut. Und mit jeder Runde wurde sie sicherer und schneller. Bald sauste sie lachend über den ganzen Hof, den Wind in den Haaren. Ihre Enttäuschung von vorhin war längst vergessen.
Am Abend, müde und überglücklich, kuschelte sich Lotte ins Bett. Ihr grünes Fahrrad stand stolz im Flur. „Ich bin so oft hingefallen“, dachte sie zufrieden, „aber ich bin immer wieder aufgestiegen, und jetzt kann ich es!“ Mit einem stolzen Lächeln schlief Lotte ein und träumte davon, wie sie durch den Sommer radelte. Gute Nacht, kleine Lotte.
