Der kleinste Kobold im ganzen Wald hieß Knirps, und er war auch der schüchternste. Während die anderen Kobolde mutig durch den Wald sausten und allerlei Abenteuer erlebten, blieb Knirps lieber in seiner sicheren Höhle. „Ich bin doch viel zu klein und ängstlich“, dachte er. „Mich braucht sowieso niemand.“ So blieb Knirps meistens für sich.
Eines Abends aber geschah etwas. Ein heftiger Sturm war über den Wald gezogen und hatte einen großen Ast auf den Eingang der Mäusehöhle geweht. Die kleine Mäusefamilie saß darin gefangen und konnte nicht heraus. „Hilfe!“, riefen die Mäuse. „Wir kommen nicht raus! Der Ast ist zu schwer!“ Die anderen Kobolde waren weit weg, und nur Knirps war in der Nähe.
Knirps hörte die Hilferufe und bekam Herzklopfen. „Ich müsste helfen“, dachte er. „Aber ich bin doch so klein. Was, wenn ich es nicht schaffe? Was, wenn etwas passiert?“ Einen Moment lang wollte er sich einfach in seiner Höhle verstecken. Doch dann hörte er die verängstigten kleinen Mäuse, und etwas in seinem Herzen sagte: „Du musst es wenigstens versuchen.“
Knirps lief zur Mäusehöhle. Der Ast war wirklich groß und schwer, viel größer als der kleine Kobold. „Den kann ich niemals allein wegheben“, dachte Knirps verzagt. Doch dann überlegte er. „Wegheben kann ich ihn nicht. Aber vielleicht kann ich ihn mit einem Hebel anheben.“ Er suchte einen langen, festen Stock und einen Stein als Stütze.
Knirps legte den langen Stock über den Stein und schob das eine Ende unter den schweren Ast. Dann hängte er sich mit seinem ganzen kleinen Gewicht an das andere Ende des Stocks. Langsam, ganz langsam, hob sich der schwere Ast ein Stückchen an – gerade genug, dass die Mäuse darunter hindurchschlüpfen konnten. „Schnell, kommt raus!“, rief Knirps.
Eine nach der anderen huschten die Mäuse aus der Höhle ins Freie. „Wir sind frei!“, jubelten sie. „Danke, kleiner Kobold! Du hast uns gerettet!“ Knirps ließ den Ast wieder sinken und schnaufte. Er konnte es kaum glauben: Er, der kleinste und schüchternste Kobold, hatte die ganze Mäusefamilie gerettet – mit Köpfchen und Mut.
„Aber du bist doch so klein“, staunten die Mäuse. „Wie hast du das nur geschafft?“ Knirps lächelte. „Allein wegheben konnte ich den Ast nicht“, sagte er. „Aber mit einem Hebel ging es. Man muss nur ein bisschen nachdenken – und sich trauen.“ Die Mäuse jubelten ihm zu, und Knirps wurde ganz warm vor Stolz.
Von diesem Tag an war Knirps nicht mehr so schüchtern. Er hatte gelernt, dass auch ein kleiner, ängstlicher Kobold Großes vollbringen kann, wenn er sich nur traut und nachdenkt. „Es kommt nicht auf die Größe an“, sagte er, „sondern auf den Mut im Herzen.“ Und die anderen Kobolde schauten zu dem kleinen Knirps nun voller Bewunderung auf.
Am Abend, müde, aber überglücklich, kuschelte sich Knirps in sein weiches Moosbett. „Heute war ich richtig mutig“, dachte er stolz, „und habe die Mäusefamilie gerettet.“ Der Mond schien durch die Blätter, der Wald rauschte nach dem Sturm wieder ganz friedlich, und stolz auf seinen Mut schlief der kleine Kobold Knirps zufrieden ein. Schlaf gut, Knirps. Gute Nacht.
