Katze Paula streifte gern durch den Garten und beobachtete die Vögel in den Bäumen. Eines Morgens hörte sie ein leises, klägliches Piepsen aus dem Gebüsch. Neugierig schlich sie näher. Dort, im Gras unter einem Strauch, saß ein winziger junger Spatz. Er war aus dem Nest gefallen und konnte noch nicht richtig fliegen. Hilflos flatterte er mit den kleinen Flügeln.
Paulas erster Gedanke war, wie es bei Katzen nun mal ist: ein Vogel. Doch als sie das winzige, zitternde Spatzenkind so hilflos im Gras sitzen sah, da konnte sie ihm nichts tun. Im Gegenteil – ihr Herz wurde ganz weich. „Du Armer“, sagte sie sanft. „Du bist ja ganz allein und hast dich bestimmt verletzt. Hab keine Angst, ich tu dir nichts.“
Der kleine Spatz piepste ängstlich. „Eine Katze!“, zitterte er. „Bitte friss mich nicht!“ Paula setzte sich ruhig hin und hielt einen sicheren Abstand. „Ich fresse dich nicht“, sagte sie freundlich. „Ich möchte dir helfen. Du bist aus dem Nest gefallen, nicht wahr? Wo ist denn dein Zuhause?“ Der Spatz deutete mit dem Schnabel nach oben, zu einem Nest hoch im Baum. „Da oben. Aber ich komme nicht hinauf.“
Paula überlegte. Das Nest war hoch oben, viel zu hoch, um den kleinen Spatz selbst hinaufzutragen. Doch dann hatte sie eine Idee. „Warte hier“, sagte sie. „Ich hole Hilfe.“ Sie lief zur alten Amsel, die im Nachbarbaum wohnte und sehr klug war. „Bitte hilf mir“, sagte Paula. „Ein junger Spatz ist aus dem Nest gefallen, und ich kann ihn nicht hinaufbringen.“
Die Amsel war zuerst misstrauisch – eine Katze, die einem Vogel helfen wollte? Doch als sie Paulas ehrliche Augen sah und das hilflose Spatzenkind, glaubte sie ihr. „Ich werde die Spatzeneltern rufen“, sagte die Amsel. „Pass du solange auf den Kleinen auf, dass ihm nichts geschieht.“ Und so bewachte Paula den kleinen Spatz treu, verscheuchte sogar eine andere Katze, die sich näherte.
Bald kamen die Spatzeneltern aufgeregt herbeigeflogen. Sie hüpften um ihr Kind herum und um Paula, die ruhig danebensaß. „Du hast unser Kind beschützt?“, fragten sie ungläubig. „Aber du bist doch eine Katze!“ Paula lächelte. „Nicht jede Katze frisst Vögel“, sagte sie. „Ich konnte ihn doch nicht allein und hilflos im Gras sitzen lassen.“
Gemeinsam überlegten sie, wie das Spatzenkind zurück ins Nest kam. Paula bot ihren breiten Rücken an, und der kleine Spatz hüpfte hinauf. Dann ging Paula ganz vorsichtig zum Baumstamm, und die Spatzeneltern lockten und stupsten ihr Kind, das von Paulas Rücken auf den untersten Ast flatterte und sich von dort, Ast für Ast, mit Mut nach oben kämpfte, bis es endlich wieder im sicheren Nest saß.
„Du hast unserem Kind das Leben gerettet“, zwitscherten die dankbaren Spatzeneltern. „Das werden wir dir nie vergessen.“ Von diesem Tag an war Paula die Freundin der Vögel im ganzen Garten. Sie saßen sogar manchmal ganz nah bei ihr und sangen ihr etwas vor. Paula hatte gelernt, dass es schöner war, ein Freund zu sein als ein Jäger.
Am Abend, als die Vögel ihre Abendlieder sangen, rollte sich Paula zufrieden auf der warmen Fensterbank zusammen. Über ihr im Baum piepste leise der kleine Spatz, sicher und geborgen in seinem Nest. „Heute habe ich etwas Gutes getan“, dachte Paula glücklich. Die Sterne kamen hervor, das leise Vogelgezwitscher wurde zum sanften Schlaflied, und mit einem warmen Herzen schlief die Katze Paula ein. Schlaf gut, Paula. Gute Nacht.
