Im Kindergarten wurde fleißig geprobt: Bald war das große Sommerfest, und alle Kinder führten ein Theaterstück auf. Jonas hatte eine wichtige Aufgabe bekommen – er sollte ganz allein ein Gedicht über die Sonne aufsagen, vorne auf der Bühne, vor allen Eltern und Großeltern. Beim Üben im Kreis ging das gut. Doch je näher das Fest rückte, desto mulmiger wurde Jonas zumute.
„Ich glaube, ich kann das nicht“, sagte Jonas am Abend zu Papa. „Wenn da so viele Leute zuschauen, vergesse ich bestimmt alles. Und dann lachen sie mich aus.“ Sein Bauch kribbelte schon beim bloßen Gedanken daran. Papa setzte sich zu ihm. „Das nennt man Lampenfieber“, sagte er. „Fast jeder hat das, wenn er vor anderen etwas vorführt – sogar große Schauspieler und Sänger. Das ist ganz normal.“
„Wirklich? Sogar echte Schauspieler?“, fragte Jonas erstaunt. „Sogar die“, sagte Papa und lächelte. „Das Kribbeln im Bauch zeigt nur, dass dir etwas wichtig ist. Und weißt du was? Meistens ist die Angst vorher viel größer als das, was dann wirklich passiert. Du kennst dein Gedicht in- und auswendig. Du schaffst das.“ Jonas war nicht ganz überzeugt, aber ein bisschen besser fühlte er sich schon.
„Komm“, sagte Papa, „ich verrate dir ein paar Tricks. Erstens: Wenn du auf der Bühne stehst, such dir ein freundliches Gesicht im Publikum – zum Beispiel meins oder das von Mama – und sag dein Gedicht einfach uns. Zweitens: Atme vorher einmal tief durch. Und drittens: Wenn du dich doch mal verhaspelst, ist das gar nicht schlimm. Du atmest, lächelst und machst weiter. Niemand lacht dich aus.“
Sie übten das Gedicht noch ein paarmal zusammen, und Papa spielte das Publikum, das begeistert klatschte. Jonas musste lachen. Sie übten auch das tiefe Durchatmen und das Suchen eines freundlichen Gesichts. „Stell dir vor“, sagte Papa, „wir sind alle ganz gespannt auf dich und freuen uns auf dein Gedicht. Niemand wünscht dir etwas Schlechtes.“ Das half Jonas wirklich.
Endlich war der Tag des Sommerfestes da. Der Kindergarten war festlich geschmückt, und vor der kleinen Bühne saßen viele Eltern und Großeltern. Jonas spähte hinter dem Vorhang hervor und entdeckte Mama und Papa in der ersten Reihe. Sein Herz klopfte bis zum Hals. „So viele Menschen“, dachte er, und am liebsten wäre er weggelaufen.
Die ersten Kinder führten ihre Teile auf, und dann war Jonas an der Reihe. Die Erzieherin lächelte ihm aufmunternd zu. „Du schaffst das, Jonas“, flüsterte sie. Mit weichen Knien ging Jonas auf die Bühne und stellte sich in die Mitte. Vor ihm das große Publikum, alle Augen auf ihn gerichtet. Für einen Moment war sein Kopf wie leergefegt, und die Angst stieg in ihm hoch.
Doch dann erinnerte sich Jonas an Papas Tricks. Er holte tief Luft – einmal ganz tief ein und aus. Dann suchte er im Publikum nach einem freundlichen Gesicht und fand Mama und Papa, die ihn strahlend anschauten und ihm aufmunternd zunickten. Jonas sah nur sie an, als würde er das Gedicht nur ihnen aufsagen. Und auf einmal kamen ihm die Worte ganz von selbst.
„Die Sonne lacht am Himmel hell …“, begann Jonas, erst noch leise, dann immer mutiger und klarer. Wort für Wort kam das ganze Gedicht heraus, ohne dass er ein einziges vergaß. Seine Stimme wurde fester, und mittendrin merkte er sogar: Es machte Spaß! Alle hörten ihm gespannt zu, und Mama und Papa strahlten vor Stolz.
Als Jonas das letzte Wort gesagt hatte, brandete großer Applaus auf. Alle klatschten und lächelten ihm zu. Jonas spürte, wie ein riesiges, warmes Gefühl von Stolz in ihm aufstieg. Er hatte es geschafft! Ganz allein, vor all diesen Menschen, hatte er sein Gedicht aufgesagt. Er machte eine kleine Verbeugung, so wie sie es geübt hatten, und strahlte über das ganze Gesicht.
Nach der Aufführung lief Jonas zu Mama und Papa, die ihn fest in die Arme schlossen. „Das hast du wunderbar gemacht!“, rief Mama. „Wir sind so stolz auf dich!“ Jonas glühte vor Glück. „Ich hatte solche Angst“, sagte er, „und dann war es auf einmal richtig schön. Beim nächsten Mal trau ich mich gleich.“ Papa lachte. „Siehst du? Die Tricks haben geholfen. Aber das Mutigste hast du ganz allein gemacht.“
Am Abend, im Bett, sagte Jonas sein Gedicht noch einmal leise für sich auf und musste lächeln. Er war so stolz auf sich. „Ich habe mich getraut“, dachte er glücklich. Mama gab ihm einen Gutenachtkuss. „Mein mutiger kleiner Sonnenschein“, sagte sie. Die Sterne funkelten vor dem Fenster, und mit einem warmen Gefühl von Stolz schlief Jonas zufrieden ein. Schlaf gut, Jonas. Gute Nacht.
