Es war ein kalter, klarer Wintermorgen, als das kleine Hirschkalb Nele aufwachte und etwas ganz Neues sah. Über Nacht hatte sich der ganze Wald verwandelt. Alles war weiß. Die Äste, der Boden, die Felsen – alles war von einer weichen, glitzernden Decke überzogen. „Mama!“, rief Nele aufgeregt. „Was ist das? Der Wald ist ja ganz anders!“
Mama Hirsch schaute aus dem warmen Versteck und lächelte. „Das ist Schnee, mein Schatz“, sagte sie. „Heute Nacht hat es zum ersten Mal in deinem Leben geschneit. Komm, ich zeige dir die schöne Winterwelt.“ Vorsichtig trat Nele aus dem Versteck. Unter ihren Hufen knirschte der Schnee ganz leise. „Es knirscht!“, kicherte sie und hüpfte ein paar Schritte.
Neugierig stupste Nele mit der Nase in den Schnee. Er war kalt und kitzelte, und als sie schnaubte, stob er in einer kleinen weißen Wolke davon. „Er fliegt!“, staunte sie. Über ihr fielen einzelne dicke Schneeflocken vom Himmel, langsam und lautlos. Nele streckte die Zunge heraus, und eine Flocke landete darauf und schmolz sofort. „Sie schmeckt nach gar nichts und ist gleich weg!“, lachte sie.
Mama Hirsch führte Nele über eine verschneite Lichtung. Überall glitzerte der Schnee in der Wintersonne, als hätte jemand tausend winzige Diamanten ausgestreut. „Wie schön das ist“, flüsterte Nele ehrfürchtig. Sie sah die Spuren eines Hasen im Schnee und die feinen Abdrücke kleiner Vogelfüße. „Der Schnee zeigt, wer alles hier war“, erklärte Mama.
Bald aber wurde Nele kalt an den Beinchen. „Mama, mir frieren die Füße“, sagte sie und zitterte ein wenig. „Komm, mein Schatz“, sagte Mama. „Jetzt zeige ich dir das Allerschönste am Winter: das warme Kuscheln danach.“ Sie führte Nele zurück zu einem geschützten Platz unter einer dichten Tanne, wo der Schnee nicht hinkam und der Boden mit weichem, trockenem Moos und Tannennadeln bedeckt war.
Dort lag schon Papa Hirsch, groß und warm. Nele kuschelte sich zwischen ihre Eltern, und sofort wurde ihr mollig warm. Die dichten Tannenzweige hielten den kalten Wind ab, und das weiche Fell ihrer Eltern wärmte sie von beiden Seiten. „So ist es schön“, seufzte Nele wohlig. „Draußen kalt und weiß, und hier drinnen warm und kuschelig.“
„Das ist das Geheimnis des Winters“, sagte Papa sanft. „Draußen ruht die ganze Natur unter ihrer weißen Decke und schläft. Die Bäume schlafen, die Wiese schläft, sogar der Bach schläft unter seinem Eis. Alles wird ganz still und ruht sich aus, bis der Frühling kommt.“ Nele lauschte. Tatsächlich – es war so still wie nie. Kein Vogel zwitscherte, kein Wind rauschte. Nur das ruhige Atmen ihrer Eltern.
Die weiße Stille machte Nele ganz ruhig und müde. Sie schaute noch einmal hinaus, wo die Schneeflocken lautlos vom dunkler werdenden Himmel sanken, immer langsamer, immer sanfter. Ihre Augenlider wurden schwer. „Der Winter ist schön“, murmelte sie verschlafen. „Besonders das Kuscheln.“
Mama legte ihren Kopf sanft über Neles Rücken. „Schlaf gut, mein kleines Schneekalb“, flüsterte sie. „Wir sind ganz nah bei dir, und dir wird die ganze Nacht warm sein.“ Und während draußen der erste Schnee leise und friedlich weiterfiel und den ganzen Wald in ein weiches, weißes Schlaflied hüllte, schlief das kleine Hirschkalb Nele wohlig und geborgen ein. Schlaf gut, Nele. Gute Nacht.
