Die Eule Paul war eine besonders freundliche Eule mit einem großen Herzen. In einer milden Nacht, als Paul lautlos über den Wald flog, hörte er ein verzweifeltes Quieken vom Boden. Neugierig ließ er sich auf einem niedrigen Ast nieder und schaute genau hin. Dort, am Fuß eines Baumes, hatte sich eine kleine Maus mit dem Schwänzchen in einer Astgabel verfangen.
Die kleine Maus zappelte und quiekte, doch sie kam nicht frei. Als sie die große Eule erblickte, erschrak sie furchtbar. „Oh nein, eine Eule!“, piepste sie zitternd. „Bitte tu mir nichts!“ Denn die kleine Maus wusste: Eulen und Mäuse sind sich normalerweise nicht gerade Freunde. Doch Paul schüttelte sanft den Kopf.
„Keine Angst, kleine Maus“, sagte Paul mit ruhiger Stimme. „Ich tu dir nichts. Ich sehe, dass du in der Klemme steckst. Ich möchte dir helfen.“ Die Maus traute ihren Ohren kaum. „Du … du willst mir helfen? Aber du bist doch eine Eule.“ „Nicht jede Eule ist gefährlich“, sagte Paul freundlich. „Halt ganz still, dann befreie ich dich.“
Vorsichtig, ganz behutsam, löste Paul mit seinem Schnabel die Astgabel, in der sich das Mäuseschwänzchen verfangen hatte. Es dauerte ein bisschen, denn Paul gab acht, der kleinen Maus ja nicht wehzutun. „Gleich hast du es geschafft“, sagte er beruhigend. Und dann – plopp! – war der kleine Schwanz frei, und die Maus konnte sich befreien.
„Ich bin frei!“, quiekte die Maus erleichtert und konnte es kaum glauben. „Du hast mich wirklich gerettet, obwohl du eine Eule bist! Vielen, vielen Dank!“ Paul lächelte. „Es war doch selbstverständlich“, sagte er. „Ich konnte dich doch nicht so zappeln lassen.“ Die kleine Maus war zutiefst gerührt von so viel Freundlichkeit.
„Weißt du was?“, sagte die Maus. „Ich werde dir das nie vergessen. Wenn du jemals Hilfe brauchst, dann rufe nach mir, und ich komme sofort.“ Paul lachte freundlich. „Eine so kleine Maus will einer großen Eule helfen?“ Doch er meinte es nicht spöttisch, sondern war gerührt von dem Angebot. „Das ist sehr lieb von dir“, sagte er.
Und tatsächlich sollte sich die Freundschaft bald als wertvoll erweisen. Einige Nächte später verfing sich Paul beim Fliegen in einem alten Netz, das zwischen den Ästen hing, und kam nicht mehr frei. „Maus!“, rief er. „Maus, ich brauche deine Hilfe!“ Und sofort kam die kleine Maus herbeigeflitzt und nagte mit ihren scharfen Zähnen das Netz durch, bis Paul wieder frei war.
„Du hast mich gerettet!“, rief Paul dankbar. „So klein du bist – du hast mir aus der Not geholfen.“ Die kleine Maus strahlte. „Du hast einst mir geholfen“, sagte sie. „Jetzt durfte ich dir helfen. So machen das Freunde.“ Von da an waren die große Eule und die kleine Maus die besten Freunde, so ungleich sie auch waren.
Am Morgen, als die Sonne aufging, verabschiedeten sich die beiden für die Ruhezeit. „Gute Nacht, kleine Maus“, sagte Paul, und „schlaf gut, lieber Paul“, piepste die Maus. Paul kuschelte sich in seine warme Baumhöhle. „Heute habe ich einen treuen Freund gewonnen“, dachte er zufrieden. Draußen wurde es hell, der Wald erwachte, und mit einem warmen, dankbaren Herzen schlief die freundliche Eule Paul ein. Schlaf gut, Paul. Gute Nacht.
