Es war mitten in der Nacht, als Jakob aufwachte. Er musste dringend aufs Klo. Aber das Badezimmer war am Ende des Flurs, und der Flur war dunkel – ganz, ganz dunkel. Jakob blieb in seinem Bett liegen und traute sich nicht aufzustehen. „Im Dunkeln ist der Flur so gruselig“, dachte er. „Was, wenn dort etwas lauert?“ Am liebsten hätte er nach Mama gerufen. Doch dann dachte er: „Eigentlich bin ich doch schon groß.“
Jakob überlegte. Tagsüber war der Flur überhaupt nicht gruselig – da war er ganz normal, mit dem Bild an der Wand und der Garderobe und der Tür zum Bad. „Im Dunkeln sieht alles nur anders aus“, erinnerte er sich an das, was Mama ihm einmal gesagt hatte. „Aber es ist immer noch dasselbe wie am Tag.“ Dieser Gedanke machte ihm ein kleines bisschen Mut. Trotzdem klopfte sein Herz, als er an den dunklen Flur dachte.
Dann fiel Jakob etwas ein: das kleine Nachtlicht, das Mama ihm gegeben hatte! Er knipste es an, und sofort tauchte ein warmer, sanfter Schein sein Zimmer in gemütliches Licht. „Viel besser“, dachte Jakob. Und er hatte noch eine Idee: seine Taschenlampe in der Nachttischschublade. Er nahm sie heraus und knipste sie an. Ein heller Lichtstrahl schoss hervor. „Damit kann ich den ganzen Flur beleuchten“, dachte Jakob. „Dann sehe ich genau, dass dort nichts ist.“
Mit der Taschenlampe in der Hand fasste Jakob all seinen Mut zusammen und stieg aus dem Bett. Sein Herz pochte, aber er atmete tief durch. „Ich schaffe das“, sagte er sich leise. „Ein Schritt nach dem anderen.“ Vorsichtig öffnete er seine Zimmertür und leuchtete in den Flur. Der helle Strahl seiner Taschenlampe glitt über die Wände – und da war nur der ganz normale Flur, genau wie am Tag.
„Siehst du“, flüsterte Jakob zu sich selbst, „da ist nichts Gruseliges.“ Der dunkle Schatten an der Wand war nur die Garderobe mit den Jacken. Das seltsame Etwas am Boden war nur seine eigenen Hausschuhe. Mit der Taschenlampe leuchtete Jakob alles an und erkannte jede Sache wieder. Mit jedem Stück, das er beleuchtete, wurde seine Angst ein kleines bisschen kleiner und sein Mut ein bisschen größer.
Schritt für Schritt ging Jakob den Flur entlang, immer den Lichtstrahl vor sich her. „Eins, zwei, drei Schritte“, zählte er leise, um sich Mut zu machen. Der Weg, der ihm so lang und gruselig vorgekommen war, war eigentlich ganz kurz. Schon stand er vor der Badezimmertür. „Ich hab's fast geschafft“, dachte Jakob stolz und drückte die Klinke herunter.
Im Bad knipste er das Licht an, und alles war hell und vertraut. Jakob ging aufs Klo, wusch sich die Hände und fühlte sich schon viel mutiger als noch vor ein paar Minuten. „Das war ja gar nicht so schlimm“, dachte er. „Ich war ganz allein durch den dunklen Flur gegangen.“ Ein warmes Gefühl von Stolz breitete sich in ihm aus. Er hatte sich getraut – und nichts war passiert.
Auf dem Rückweg fühlte sich der Flur schon gar nicht mehr gruselig an. Jakob leuchtete noch einmal mutig in alle Ecken, und diesmal kannte er ja schon alles. „Garderobe, Bild, Hausschuhe“, zählte er auf. „Alles ganz normal.“ Mit ruhigem Herzen ging er zurück in sein Zimmer und kuschelte sich wieder in sein warmes Bett. Die Taschenlampe legte er griffbereit auf den Nachttisch.
„Ich habe es ganz allein geschafft“, dachte Jakob zufrieden, während er die Taschenlampe ausknipste und nur das sanfte Nachtlicht leuchten ließ. „Ich musste gar nicht Mama wecken. Ich bin durch den dunklen Flur gegangen, ganz allein und ganz mutig.“ Er war so stolz auf sich, dass er fast ein bisschen lächeln musste.
Am nächsten Morgen erzählte Jakob beim Frühstück ganz aufgeregt davon. „Mama, ich bin heute Nacht allein aufs Klo gegangen! Durch den dunklen Flur! Mit meiner Taschenlampe!“ Mama staunte und drückte ihn stolz. „Das ist ja wunderbar, Jakob! Das war richtig mutig von dir.“ Jakob strahlte. „Es war gar nicht gruselig“, sagte er. „Ich habe einfach alles beleuchtet, und da war nur der ganz normale Flur.“
„Siehst du?“, sagte Mama. „Die Dunkelheit versteckt nichts Gruseliges. Du musst nur ein bisschen Licht hineinbringen und Schritt für Schritt vorgehen. Und schau, wie mutig du warst.“ Jakob nickte stolz. Von nun an hatte er keine Angst mehr vor dem dunklen Flur. Wenn er nachts mal raus musste, nahm er einfach seine Taschenlampe und ging tapfer los.
Am Abend legte sich Jakob in sein Bett, die Taschenlampe griffbereit, das Nachtlicht sanft leuchtend. „Ich bin mutig“, dachte er zufrieden. „Sogar nachts im Dunkeln.“ Mama gab ihm einen Gutenachtkuss. Die Sterne funkelten vor dem Fenster, und stolz auf seinen Mut schlief der tapfere Jakob ruhig ein. Schlaf gut, Jakob. Gute Nacht.
