Im verborgenen Tal hinter den Wolkenbergen lebte ein kleines Einhorn namens Luna. Ihr Fell schimmerte weiß wie frischer Schnee, und ihre Mähne hatte alle Farben des Regenbogens. Am liebsten stand Luna am Ufer des Regenbogenbachs, dessen Wasser in Rot, Gelb, Grün und Blau leuchtete und leise vor sich hin sang.
Eines Morgens aber, als Luna zum Bach kam, erschrak sie. Die Farben waren blass geworden. Das Rot war nur noch ein müdes Rosa, das Blau fast grau. Der Bach, der sonst fröhlich plätscherte, floss still und traurig dahin. „Was ist nur mit dir geschehen?“, fragte Luna besorgt.
Eine alte Schildkröte, die am Ufer döste, hob langsam den Kopf. „Der Regenbogenbach lebt von der Dankbarkeit“, sagte sie mit ruhiger Stimme. „Früher kamen die Tiere des Tals hierher und bedankten sich für sein klares Wasser. Doch das haben sie vergessen. Und ohne Dankbarkeit verblassen seine Farben.“
Luna wurde ganz nachdenklich. Sie selbst hatte so oft aus dem Bach getrunken, sich an seinem Glitzern gefreut, in seinem Wasser gespiegelt – und sich nie bedankt. „Das möchte ich ändern“, sagte sie entschlossen. „Ich fange gleich damit an.“
Sie trat ans Ufer, senkte ihren Kopf und sprach leise: „Lieber Regenbogenbach, danke. Danke für dein kühles Wasser an heißen Tagen. Danke, dass du mir jeden Morgen entgegenleuchtest. Danke, dass du immer für uns da bist.“ Und siehe da – wo Lunas Worte das Wasser berührten, begann ein kleiner Fleck wieder zu leuchten, hell und klar.
Luna staunte. Schnell galoppierte sie durch das ganze Tal und weckte alle Tiere. Sie erzählte ihnen von dem verblassenden Bach und von dem Geheimnis der Dankbarkeit. „Kommt mit“, bat sie. „Lasst uns gemeinsam Danke sagen.“ Die Hasen, die Rehe, die Vögel und die Eichhörnchen – alle folgten ihr zum Ufer.
Einer nach dem anderen trat ans Wasser und bedankte sich. „Danke für meinen Schluck am Morgen“, sagte das Reh. „Danke, dass ich in dir baden darf“, zwitscherte ein Vogel. „Danke für dein schönes Lied“, piepste ein Eichhörnchen. Und mit jedem Dankeschön kehrte ein Stück Farbe zurück, bis der ganze Bach wieder in leuchtendem Regenbogenglanz strahlte.
Das Wasser plätscherte wieder fröhlich, heller und schöner als je zuvor. Die Tiere jubelten, und Luna lachte vor Freude. „Seht ihr“, sagte sie, „ein kleines Danke kann so viel bewirken.“ Von diesem Tag an kam jeden Morgen jemand zum Bach, um sich zu bedanken – und der Regenbogenbach verblasste nie wieder.
Als der Abend kam, legte sich Luna ins weiche Gras am Ufer. Das letzte Tageslicht spiegelte sich bunt im Wasser, und der Bach sang ihr ein leises Schlaflied. Luna schloss die Augen, dankbar für diesen schönen Tag. „Danke“, flüsterte sie noch einmal, bevor sie zufrieden einschlief. Träum süß, kleine Luna.
