Hoch oben in einer alten Eiche, wo die Äste weit auseinanderstanden, lebte ein kleines Eichhörnchen namens Pauli. Pauli hatte ein flauschiges, rotbraunes Fell und einen buschigen Schwanz, auf den er sehr stolz war. Doch eines konnte Pauli noch nicht so gut wie die anderen Eichhörnchen: weit von Ast zu Ast springen. Wenn die Lücke zwischen zwei Ästen groß war, bekam er ein Kribbeln im Bauch und blieb lieber sitzen.
Die anderen jungen Eichhörnchen sausten mühelos durch die Baumkronen, sprangen von Zweig zu Zweig und lachten dabei. „Komm doch mit, Pauli!“, riefen sie und sprangen über eine besonders breite Lücke. Pauli schaute hinunter. Der Boden war so weit weg. Sein Herz klopfte. „Geht nur vor“, murmelte er und nahm lieber den langen Umweg den Stamm hinunter und über den Boden.
Am Abend saß Pauli traurig in seinem Kobel, dem gemütlichen Nest aus Moos und Blättern. „Mama“, sagte er, „ich bin ein Angsthase. Ich trau mich nicht zu springen.“ Mama Eichhörnchen strich ihm sanft über den Kopf. „Du bist kein Angsthase“, sagte sie. „Du bist nur vorsichtig, und das ist gut. Aber weißt du was? Manchmal ist der Sprung gar nicht so weit, wie er aussieht. Du musst nur an dich glauben.“
Am nächsten Morgen geschah etwas. Paulis kleine Schwester Mia war auf einen dünnen Ast geklettert, der plötzlich bedenklich knackte. „Pauli!“, rief sie ängstlich. „Der Ast bricht gleich! Ich komme nicht zurück!“ Zwischen Pauli und Mia klaffte genau so eine breite Lücke, vor der er sonst immer zurückschreckte.
Pauli zögerte nur einen Augenblick. Seine kleine Schwester war in Gefahr – das war jetzt wichtiger als seine Angst. „Ich komme, Mia!“, rief er. Er nahm Anlauf, machte sich ganz leicht, und sprang. Die Luft pfiff in seinen Ohren, sein buschiger Schwanz half ihm beim Steuern – und dann landete er sicher auf Mias Ast, direkt neben ihr.
„Schnell, halt dich an mir fest“, sagte Pauli. Mia klammerte sich an ihn, und gemeinsam huschten sie hinüber auf den sicheren, dicken Ast, gerade als der dünne Zweig mit einem Knacken abbrach und zu Boden fiel. „Du hast mich gerettet!“, rief Mia und drückte ihren Bruder fest. Pauli atmete tief aus. Er hatte es geschafft – und der Sprung war wirklich gar nicht so weit gewesen.
Mama Eichhörnchen war herbeigeeilt und hatte alles gesehen. „Pauli“, sagte sie stolz, „das war der mutigste Sprung, den ich je gesehen habe.“ Pauli wurde ganz warm vor Stolz. „Ich hatte trotzdem Angst“, gestand er. „Genau das ist Mut“, sagte Mama lächelnd. „Mutig ist nicht, wer keine Angst hat. Mutig ist, wer trotz der Angst springt.“
Den ganzen Nachmittag übte Pauli nun das Springen, und mit jedem Sprung wurde sein Bauchkribbeln kleiner und seine Freude größer. Bald sauste er genauso fröhlich durch die Baumkronen wie die anderen. „Schaut her!“, rief er und machte einen besonders weiten Satz. „Ich kann fliegen!“ Die anderen Eichhörnchen klatschten mit den Pfötchen.
Am Abend kuschelte sich Pauli müde und zufrieden in seinen weichen Kobel, mit Mia an seiner Seite. „Heute war ich richtig mutig“, sagte er verschlafen. „Das warst du“, flüsterte Mia und gähnte. Draußen wiegten sich die Äste sanft im Abendwind, die Sterne blinzelten durch die Blätter, und stolz auf sich selbst schlief das kleine Eichhörnchen Pauli glücklich ein. Schlaf gut, Pauli. Gute Nacht.
