Das Eichhörnchen Nussi war das fleißigste Tier im ganzen Wald. Den ganzen Herbst über sammelte sie Nüsse, Eicheln und Bucheckern und versteckte sie sorgsam an vielen geheimen Orten. „Für den Winter muss ich gut vorsorgen“, sagte sie und stopfte sich die Backen voll. Während die anderen Tiere noch in der Herbstsonne spielten, arbeitete Nussi unermüdlich.
Als der Winter kam und der erste Schnee fiel, hatte Nussi den allergrößten Vorrat von allen. Stolz saß sie in ihrem warmen Kobel und wusste genau, wo jede einzelne Nuss versteckt war. „Jetzt kann mir der lange Winter nichts anhaben“, dachte sie zufrieden und knabberte an einer dicken Haselnuss.
Eines kalten Morgens klopfte es leise an ihrem Kobel. Davor saß Theo, ein kleiner Eichhörnchenjunge aus dem Nachbarbaum. Er sah dünn und müde aus und zitterte vor Kälte. „Nussi“, sagte er leise, „ich habe im Herbst nicht genug gesammelt. Ich war zu sehr mit Spielen beschäftigt. Jetzt habe ich nichts mehr zu fressen, und ich habe solchen Hunger.“
Nussi schaute Theo an. Einen Augenblick lang dachte sie an ihren schönen Vorrat. „Wenn ich teile, habe ich selbst weniger“, ging es ihr durch den Kopf. Doch dann sah sie Theos hungrige, traurige Augen, und ihr Herz wurde ganz weich. „Komm rein, Theo“, sagte sie. „Bei mir ist es warm, und ich habe genug für uns beide.“
Sie holte eine Handvoll Nüsse aus ihrem Vorrat und legte sie vor Theo hin. Der Kleine fiel sofort darüber her und knabberte glücklich. „Danke, Nussi“, sagte er mit vollen Backen. „Du rettest mich.“ Und während Nussi ihm beim Fressen zusah und sein zufriedenes Gesicht betrachtete, fühlte sie ein warmes, schönes Gefühl in ihrem Bauch – schöner als bei jeder Nuss, die sie selbst gefressen hatte.
Von da an kam Theo jeden Tag, und Nussi teilte ihren Vorrat mit ihm. Und etwas Wunderbares geschah: Statt sich allein in ihrem Kobel zu langweilen, hatte Nussi jetzt einen Freund. Sie lachten zusammen, erzählten sich Geschichten und spielten Fangen durch die verschneiten Äste. Der lange Winter kam ihr auf einmal gar nicht mehr lang vor.
„Weißt du, Theo“, sagte Nussi eines Abends, „früher dachte ich, mein Vorrat macht mich reich. Aber erst seit ich ihn mit dir teile, fühle ich mich wirklich reich.“ Theo nickte. „Im Frühling helfe ich dir beim Sammeln“, versprach er. „Dann haben wir nächsten Winter gemeinsam genug. Und gemeinsam ist alles schöner.“
Und tatsächlich – als der Frühling kam, hatte Nussis Vorrat dank des Teilens trotzdem gereicht. Kein einziges Mal hatte sie gehungert, und sie hatte etwas viel Wertvolleres gewonnen als alle Nüsse der Welt: einen treuen Freund. „Teilen macht nicht ärmer“, sagte sie. „Teilen macht das Herz voll.“
Am Abend, als die ersten warmen Frühlingswinde durch die Äste strichen, kuschelten sich Nussi und Theo gemeinsam in den weichen Kobel. „Gute Nacht, beste Freundin“, gähnte Theo. „Gute Nacht, Theo“, flüsterte Nussi zufrieden. Die Sterne funkelten durch die Knospen, und mit einem warmen, vollen Herzen schlief das Eichhörnchen Nussi glücklich ein. Schlaf gut, Nussi. Gute Nacht.
