Eichhörnchen Lina war sehr ordentlich. Im Herbst hatte sie ihre Nüsse an vielen Stellen vergraben und sich jedes Versteck genau eingeprägt. „Eine unter der Birke, drei beim großen Stein, zwei am Bachufer“, zählte sie auf. Lina war stolz auf ihr gutes Gedächtnis. Doch ein Versteck, ganz am Rand der Wiese, das hatte sie tatsächlich vergessen.
Den ganzen Winter über ärgerte sich Lina darüber. „Eine ganze, dicke Eichel habe ich verschwendet“, schimpfte sie mit sich selbst. „Wie konnte ich nur so vergesslich sein? Jetzt liegt sie nutzlos in der Erde und verdirbt.“ Immer wieder dachte sie an die verlorene Eichel und war traurig über ihren kleinen Fehler.
Ihre Großmutter, eine weise alte Eichhörnchendame, hörte ihr Klagen. „Mach dir nicht so viele Sorgen, mein Kind“, sagte sie. „Manchmal wird aus einem Fehler etwas Gutes, das man noch gar nicht sehen kann. Warte nur, bis der Frühling kommt.“ Lina verstand nicht, was ihre Großmutter meinte, aber sie hörte auf zu schimpfen.
Der Winter ging vorüber, der Schnee schmolz, und der Frühling zog mit warmen Winden in den Wald. Eines Tages hüpfte Lina über die Wiese, genau an die Stelle, wo sie damals die Eichel vergraben und vergessen hatte. Und da staunte sie: Aus der Erde war ein kleiner, zarter Trieb gewachsen, mit winzigen grünen Blättchen, die sich der Sonne entgegenstreckten.
„Was ist das?“, fragte Lina verwundert. Ihre Großmutter, die mitgekommen war, lächelte. „Das, mein Kind, ist deine vergessene Eichel“, sagte sie. „Sie ist nicht verdorben. Sie ist zu einem kleinen Eichenbäumchen geworden. Eines Tages wird daraus ein großer, mächtiger Baum, in dem viele Eichhörnchen wohnen und Nüsse finden können.“
Lina konnte es kaum glauben. „Aus meiner vergessenen Nuss wächst ein ganzer Baum?“, fragte sie. „So ist es“, sagte die Großmutter. „Jedes Eichhörnchen vergisst manchmal ein Versteck. Und genau aus diesen vergessenen Nüssen wachsen die neuen Bäume des Waldes. Ohne uns vergessliche Eichhörnchen gäbe es bald keine Eichen mehr.“
Lina staunte über diesen schönen Gedanken. „Dann war mein Fehler ja gar kein Fehler“, sagte sie nachdenklich. „Sondern etwas Gutes für den ganzen Wald.“ Die Großmutter nickte. „Deshalb sollst du nicht so streng mit dir sein, wenn dir mal etwas misslingt. Oft steckt darin ein Geschenk, das du erst später erkennst.“
Von diesem Tag an ärgerte sich Lina nicht mehr über vergessene Verstecke. Im Gegenteil – sie freute sich heimlich über jedes, denn sie wusste nun: Vielleicht wuchs gerade wieder ein neuer Baum daraus. Und im Sommer setzte sie sich oft an ihr kleines Eichenbäumchen und sah zu, wie es größer und kräftiger wurde.
Am Abend, als die Sonne golden über der Wiese unterging, kuschelte sich Lina zufrieden in ihren Kobel. „Mein Bäumchen wächst und wächst“, dachte sie glücklich, „und eines Tages ist es ganz groß.“ Ein milder Frühlingswind wiegte die Äste, die Sterne kamen hervor, und mit einem versöhnlichen Lächeln schlief das Eichhörnchen Lina sanft ein. Schlaf gut, Lina. Gute Nacht.
