Der lange Winter ging zu Ende, und im Wald regte sich neues Leben. Für die Waldgeister bedeutete das die wichtigste Zeit des Jahres: Sie durften den Frühling wecken. Jeder Waldgeist hatte dabei eine Aufgabe. Die einen weckten die Bäume, die anderen ließen die Blumen sprießen, wieder andere riefen die Vögel zurück. Auch der kleine Waldgeist Lind bekam eine Aufgabe.
„Lind“, sagte der alte Waldgeist, „deine Aufgabe ist es, das Moos am Waldboden zu wecken, damit es wieder weich und grün wird.“ Lind war ein bisschen enttäuscht. „Nur das Moos?“, fragte er. „Die anderen wecken große Bäume und bunte Blumen. Das Moos ist doch so klein und unscheinbar. Meine Aufgabe ist bestimmt nicht wichtig.“
Trotzdem machte sich Lind an die Arbeit. Vorsichtig strich er über den braunen, winterlichen Waldboden und flüsterte: „Wach auf, liebes Moos. Der Frühling ist da.“ Und langsam, ganz langsam, wurde das Moos unter seinen Händen wieder grün, weich und frisch. Es breitete sich aus wie ein flauschiger grüner Teppich über den ganzen Waldboden.
Lind arbeitete fleißig, auch wenn er dachte, seine Aufgabe sei nicht so wichtig. Den ganzen Tag weckte er das Moos, Fleckchen für Fleckchen, bis der ganze Waldboden in sattem, weichem Grün erstrahlte. Müde, aber gewissenhaft, brachte er seine Aufgabe zu Ende.
Am Abend versammelten sich alle Waldgeister, um zu sehen, wie schön der Frühling geworden war. Die Bäume trugen frische Blätter, die Blumen blühten bunt, und die Vögel sangen. Doch dann sagte der alte Waldgeist etwas, das Lind überraschte: „Schaut nur, wie wunderbar der weiche grüne Moosteppich alles verbindet. Ohne das Moos wäre der Waldboden kahl und hart. Das Moos macht den Wald erst richtig gemütlich und heimelig.“
Lind staunte. „Mein Moos?“, fragte er. „Dein Moos“, sagte der alte Waldgeist lächelnd. „Schau, wie die kleinen Tiere sich darauf betten, wie weich es die Wurzeln umhüllt, wie schön es alles grün verbindet. Deine Aufgabe war keineswegs unwichtig. Ohne das Moos wäre der ganze Frühling nicht vollkommen.“ Lind wurde ganz warm vor Stolz.
Tatsächlich – als Lind genauer hinschaute, sah er, wie ein kleines Reh sich genüsslich auf seinem weichen Moos ausruhte, wie die Käfer sich darin verkrochen und wie die Blumen aus dem weichen grünen Bett sprossen. „Mein Moos wird ja überall gebraucht“, sagte Lind glücklich. „Es ist gar nicht unwichtig.“
„Jede Aufgabe ist wichtig“, sagte der alte Waldgeist. „Ob groß oder klein. Erst wenn alle zusammenwirken, wird der Frühling vollkommen. Du, kleiner Lind, hast dazu genauso viel beigetragen wie alle anderen.“ Lind nickte stolz. Er hatte gelernt, dass auch eine kleine, unscheinbare Aufgabe von großer Bedeutung sein kann.
Am Abend, müde von der Frühlingsarbeit, aber glücklich, kuschelte sich Lind in seinen eigenen weichen Moosteppich. „Heute habe ich geholfen, den Frühling zu wecken“, dachte er stolz, „und meine Aufgabe war wichtig.“ Der Mond schien durch die frischen Blätter, der Wald duftete nach Frühling, und zufrieden mit sich selbst schlief der kleine Waldgeist Lind ein. Schlaf gut, Lind. Gute Nacht.
