In einem gemütlichen Kinderzimmer stand auf dem Regal eine alte, hölzerne Spieluhr namens Mimi. Jahrelang hatte Mimi jeden Abend eine zauberhafte Melodie gespielt, die die Kinder sanft in den Schlaf wiegte. Doch Mimi war schon sehr alt geworden, und eines Tages, als man sie aufzog, kam kein einziger Ton mehr heraus.
„Oh nein“, dachte Mimi traurig. „Ich habe meine Melodie vergessen. Wozu bin ich noch gut, wenn ich nicht mehr spielen kann?“ Sie stand still und stumm auf dem Regal, während die Tage vergingen. Niemand zog sie mehr auf, und Mimi fühlte sich nutzlos und einsam.
Eines Abends entdeckte die kleine Lena die alte Spieluhr ganz hinten im Regal. „Was bist du denn für eine hübsche Spieluhr?“, sagte sie und nahm Mimi vorsichtig in die Hand. Sie zog sie auf – doch es kam kein Ton. „Du bist ja ganz still“, sagte Lena nachdenklich. „Hast du deine Melodie verloren?“
Lena gab nicht auf. Sie öffnete vorsichtig den Deckel und schaute hinein. Im Inneren sah sie das kleine Räderwerk und eine winzige Walze mit feinen Zacken. „Da hat sich Staub angesammelt“, bemerkte sie. „Und ein kleines Rädchen klemmt.“ Ganz behutsam pustete sie den Staub fort und löste das klemmende Rädchen.
Dann zog Lena die Spieluhr noch einmal auf. Erst knackte es leise – und dann erklang ganz zaghaft ein erster Ton. Und noch einer. Und auf einmal spielte Mimi wieder ihre wunderschöne, sanfte Melodie, klar und rein wie früher! „Du kannst es ja doch!“, jubelte Lena. „Deine Melodie war nur ein bisschen verstaubt.“
Mimi war überglücklich. Ihre Melodie war nie wirklich verloren gewesen – sie hatte nur ein wenig Hilfe und Pflege gebraucht, um wieder hervorzukommen. „Danke, liebe Lena“, klimperte sie in Tönen. „Du hast mir mein Lied zurückgegeben.“ Lena lächelte und stellte Mimi an einen Ehrenplatz neben ihrem Bett.
Von da an spielte Mimi jeden Abend ihre zauberhafte Melodie, und Lena schlief jedes Mal selig dazu ein. Die alte Spieluhr fühlte sich wieder wertvoll und gebraucht, und das machte ihre Musik noch schöner und wärmer als zuvor.
An diesem Abend zog Lena Mimi ein letztes Mal auf. Die sanfte Melodie erfüllte das dunkle Zimmer und legte sich wie eine weiche Decke über alles. Lena kuschelte sich ein, lauschte den feinen Tönen und schlief glücklich ein. Und Mimi spielte leiser und leiser, bis auch sie zufrieden zur Ruhe kam. Gute Nacht.
