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Die Schnecke und der Gepard

Freundschaftab 5 5 Min.
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In der weiten Savanne lebte ein junger Gepard namens Saki, das schnellste Tier weit und breit. Saki liebte das Rennen über alles. Wie ein Pfeil schoss er über die Ebene, der Wind pfiff in seinen Ohren, und die Welt flog nur so an ihm vorbei. „Schnell sein ist das Allerbeste“, fand Saki. Doch weil er immer so sauste, sah er von der Welt eigentlich nie viel – sie war für ihn nur ein verschwommener Streifen.

Eines Tages, als Saki gerade von einem seiner rasenden Läufe verschnaufte, bemerkte er auf einem Blatt direkt vor seiner Nase ein winziges, glänzendes Wesen. Es war eine Schnecke namens Nelli, die ganz, ganz langsam über das Blatt kroch und dabei zufrieden vor sich hin summte. „Warum bist du nur so unglaublich langsam?“, fragte Saki verwundert. „Du brauchst ja eine Ewigkeit, um auch nur ein Blatt zu überqueren.“

Nelli ließ sich gar nicht aus der Ruhe bringen. „Ich bin eben eine Schnecke“, sagte sie freundlich und gemütlich. „Und weißt du was? Weil ich so langsam bin, sehe ich jede Kleinigkeit ganz genau. Schau nur, dieser winzige Tautropfen hier glitzert wie ein Diamant. Hast du den schon einmal bemerkt, wenn du vorbeigesaust bist?“ Saki musste zugeben: Nein, das hatte er nicht. Er war noch nie langsam genug gewesen, um einen Tautropfen zu sehen.

Saki war neugierig geworden. „Darf ich ein Stück mit dir kriechen?“, fragte er. Nelli lachte. „Kriechen wirst du wohl nicht schaffen, aber du kannst neben mir hergehen, ganz langsam.“ Und so ging der schnellste Gepard der Savanne zum ersten Mal in seinem Leben im Schneckentempo. Anfangs fiel es ihm furchtbar schwer – seine Beine zappelten, er wollte lossausen. Doch Nelli sagte nur: „Atme ruhig und schau dich um.“

Und Saki schaute. Auf einmal sah er Dinge, die er nie zuvor bemerkt hatte: eine Reihe fleißiger Ameisen, die Körnchen trugen; eine Blume, die sich langsam der Sonne zuwandte; einen Marienkäfer mit genau sieben Punkten. „Das ist ja wunderschön“, flüsterte Saki staunend. „Die ganze Zeit war das alles hier, und ich habe es nie gesehen.“ Nelli lächelte zufrieden. „Manchmal“, sagte sie, „findet man die schönsten Dinge erst, wenn man langsam wird.“

Von da an besuchte Saki die kleine Schnecke jeden Tag, und die beiden wurden Freunde. Saki lernte von Nelli, langsam zu machen und die kleinen Wunder der Welt zu genießen. Und Nelli lernte von Saki, wie es sich anfühlte, schnell zu sein, denn manchmal durfte sie auf Sakis Rücken klettern, und dann sauste er ganz sanft mit ihr über die Ebene. „Juhu!“, rief Nelli dann, und ihre Fühlerchen flatterten im Wind. „So weit bin ich noch nie gekommen!“

Eines Tages aber zog ein heftiges Gewitter auf. Dunkle Wolken türmten sich am Himmel, und ein starker Regen begann zu fallen. Nelli war weit von ihrem geschützten Plätzchen entfernt und viel zu langsam, um rechtzeitig in Sicherheit zu kriechen. „Oh nein“, dachte sie ängstlich, „bis ich daheim bin, bin ich längst fortgeschwemmt.“ Der Regen wurde immer stärker, und kleine Bäche bildeten sich schon zwischen den Grashalmen.

Doch da kam Saki herangerast, schneller als der Wind. „Spring auf, Nelli!“, rief er. Vorsichtig nahm er die kleine Schnecke auf seinen Rücken, und dann sauste er los, dem sicheren Unterschlupf unter einem großen Felsen entgegen. In Windeseile waren sie dort, geschützt und trocken, während draußen das Gewitter tobte. „Du hast mich gerettet!“, rief Nelli erleichtert. „So schnell hätte ich es niemals geschafft.“

Saki lächelte. „Siehst du?“, sagte er. „Du hast mir beigebracht, die Welt langsam zu genießen. Und ich konnte dich schnell in Sicherheit bringen. Beide Tempi haben ihren Wert – das langsame und das schnelle.“ Nelli nickte glücklich. „Genau deshalb sind wir so gute Freunde“, sagte sie. „Weil jeder von uns etwas kann, das der andere nicht kann.“ Gemeinsam schauten sie dem Regen zu, der allmählich nachließ.

Als das Gewitter vorüber war, kam die Sonne wieder hervor und ließ die ganze Savanne in frischen, klaren Farben leuchten. Überall glitzerten Regentropfen wie tausend kleine Diamanten. „Schau nur, wie schön“, flüsterte Saki – und diesmal blieb er ganz von allein stehen, um es in Ruhe zu betrachten. Nelli, auf seinem Rücken, lächelte zufrieden. Ihr Freund hatte wirklich gelernt, langsam zu schauen.

Am Abend, als die Sonne golden über der Savanne unterging, machten es sich die beiden Freunde gemeinsam unter dem großen Felsen gemütlich. Nelli zog sich behaglich in ihr Häuschen zurück, und Saki rollte sich daneben zusammen. „Gute Nacht, schnelle Saki“, sagte Nelli verschlafen. „Gute Nacht, gemütliche Nelli“, gähnte Saki.

Und während die Sterne über der weiten Ebene erschienen und ein sanfter, frischer Wind über das nasse Gras strich, schliefen der schnellste Gepard und die langsamste Schnecke der Savanne friedlich nebeneinander ein – zwei ungleiche Freunde, die voneinander gelernt hatten, dass jeder auf seine Art etwas Besonderes ist. Schlaf gut, Saki. Schlaf gut, Nelli. Gute Nacht.