Am Rande eines feuchten Gartens lebte eine kleine Nacktschnecke namens Nelli. Anders als die anderen Schnecken hatte Nelli kein Häuschen auf dem Rücken. Wenn sie die hübschen, gewundenen Schneckenhäuser der anderen sah, wurde sie ganz traurig. „Ich wünschte, ich hätte auch so ein schönes Haus“, seufzte sie.
Nelli beschloss, sich ein Haus zu suchen. Sie kroch durch den ganzen Garten und probierte alles aus, was sie fand. Eine leere Walnussschale – zu schwer und unbequem. Ein kleines Schneckenhaus, das sie fand – leider schon bewohnt. Ein Fingerhut – viel zu eng. Müde und enttäuscht gab Nelli auf. „Nichts passt zu mir.“
Da traf sie die weise alte Weinbergschnecke. „Warum so betrübt, kleine Nelli?“, fragte sie. „Ich habe kein Haus“, klagte Nelli, „und ich finde einfach keins, das passt.“ Die alte Schnecke lächelte. „Sag mir, Nelli, was kannst du denn alles, was wir Häuschenschnecken nicht können?“ Nelli überlegte verwundert.
„Nun“, sagte Nelli langsam, „ich kann mich durch ganz enge Spalten zwängen, weil ich kein Haus im Weg habe. Ich bin viel schneller als ihr. Und ich kann mich unter den flachsten Blättern verstecken.“ Die alte Schnecke nickte. „Siehst du? Ohne Häuschen bist du beweglich und flink. Das ist eine wunderbare Gabe, um die dich manche von uns sogar beneiden.“
Nelli hatte das noch nie so gesehen. Immer hatte sie nur darauf geschaut, was ihr fehlte, und nie darauf, was sie alles konnte. „Stimmt“, sagte sie nachdenklich. „Ich komme überall hin, wo ihr nicht hinpasst. Und ich muss nie ein schweres Haus mit mir herumtragen.“ Ein kleines Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Und weißt du“, sagte die alte Schnecke, „dein Zuhause trägst du in Wahrheit immer bei dir – in deinem Herzen. Du bist überall zu Hause, wo du dich wohlfühlst.“ Da wurde Nelli ganz warm ums Herz. Sie war auf einmal richtig dankbar dafür, genau so zu sein, wie sie war.
Von da an war Nelli glücklich und zufrieden. Flink und frei kroch sie durch den Garten, zwängte sich in die engsten Verstecke und genoss ihre Beweglichkeit. Die anderen Schnecken staunten, wie geschickt sie war. „Ich bin genau richtig, so wie ich bin“, sagte Nelli stolz.
Als der Abend kam, kuschelte sich Nelli unter ein weiches, feuchtes Blatt, das sie warm und gemütlich zudeckte. „Ich brauche kein Häuschen“, dachte sie dankbar und glücklich. „Ich habe alles, was ich brauche.“ Zufrieden schloss sie die Augen und schlief sanft ein. Schlaf gut, kleine Nelli.
