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Die Schildkröte und der Schmetterling

Freundschaftab 5 5 Min.
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An einem stillen Teich, umgeben von Schilf und bunten Blumen, lebte eine alte Schildkröte namens Tilda. Tilda war sehr bedächtig und ruhig. Sie trug ihr Haus auf dem Rücken, bewegte sich langsam und nahm sich für alles viel Zeit. Am liebsten saß sie auf ihrem warmen Stein am Ufer und beobachtete in aller Ruhe, wie sich die Wolken im Wasser spiegelten. Ihr Leben war friedlich, aber manchmal auch ein klein wenig einsam.

Eines sonnigen Tages flatterte ein junger Schmetterling vorbei, bunt und leicht wie ein Windhauch. Er hieß Filo und konnte keine Sekunde stillsitzen. Mal hier, mal dort, immer flatterte er von Blüte zu Blüte. „Hallo, du da unten!“, rief Filo und ließ sich kurz auf Tildas Panzer nieder. „Warum sitzt du denn so still herum? Es gibt doch so viel zu sehen!“ Tilda lächelte. „Ich sehe sehr viel“, sagte sie ruhig. „Ich schaue nur länger hin.“

Filo war neugierig. „Was siehst du denn von deinem Stein aus?“, fragte er und setzte sich neben sie. Tilda deutete mit dem Kopf aufs Wasser. „Schau“, sagte sie. „Siehst du den kleinen Fisch dort, der immer zur selben Zeit auftaucht? Und die Libelle, die seit drei Tagen am selben Halm sitzt? Wenn man ruhig bleibt, erzählt einem der Teich seine Geschichten.“ Filo staunte. So genau hatte er noch nie hingeschaut – er war immer zu schnell weitergeflattert.

„Und du?“, fragte Tilda. „Was siehst du, wenn du fliegst?“ Da strahlte Filo. „Oh, so vieles!“, rief er. „Von oben sieht der Teich aus wie ein blauer Spiegel, und dahinter liegt eine ganze Blumenwiese, die du von hier gar nicht sehen kannst. Und noch weiter weg ein Wald und ein Hügel mit dem schönsten Sonnenuntergang.“ Tilda seufzte ein wenig. „Das würde ich auch gern einmal sehen“, sagte sie. „Aber so weit komme ich mit meinen kurzen Beinen nie.“

Da hatte Filo eine Idee. „Weißt du was?“, sagte er. „Ich kann dir die Welt von oben beschreiben, jeden Tag ein Stück. Und du zeigst mir, wie man die kleinen Wunder ganz genau sieht. So lernen wir beide etwas voneinander.“ Tilda fand die Idee wunderbar. Und so wurden die alte Schildkröte und der junge Schmetterling Freunde – obwohl der eine flink durch die Lüfte tanzte und die andere bedächtig am Boden blieb.

Jeden Tag flatterte Filo los und erkundete die weite Welt, und am Abend kehrte er zu Tilda zurück und erzählte ihr alles ganz genau: von der Blumenwiese hinter dem Teich, vom Bach im Wald, von den Schwalben, die hoch oben ihre Kreise zogen. Tilda lauschte gebannt und konnte sich alles bildlich vorstellen, als wäre sie selbst dort gewesen. Und Filo lernte von Tilda, langsam zu werden und die Schönheit direkt vor seiner Nase zu entdecken.

Eines heißen Tages aber flatterte Filo zu weit hinaus und geriet in einen plötzlichen Regenguss. Seine zarten Flügel wurden ganz nass und schwer, und er konnte nicht mehr fliegen. Erschöpft landete er auf einem Blatt mitten im Schilf, weit von Tildas Stein entfernt, und zitterte vor Kälte. „Tilda“, flüsterte er schwach, „ich komme nicht mehr zurück.“ Er fürchtete schon, die ganze kalte Nacht allein draußen bleiben zu müssen.

Tilda aber hatte gemerkt, dass Filo nicht zurückgekehrt war, und machte sich Sorgen. Langsam, aber unbeirrt, setzte sie sich in Bewegung und suchte das ganze Ufer ab, Schritt für Schritt. Es dauerte lange – doch Tilda gab nicht auf. Schließlich fand sie den zitternden Filo auf seinem Blatt. „Da bist du ja“, sagte sie sanft. „Klettere auf meinen Panzer, dort bist du sicher. Ich trage dich nach Hause.“

Vorsichtig kroch der erschöpfte Schmetterling auf Tildas festen, trockenen Panzer, der ihn vor dem nassen Boden schützte wie ein sicheres Dach. Ganz langsam und bedächtig trug Tilda ihren Freund zurück zu ihrem warmen Stein, wo Filos Flügel in der Abendsonne wieder trocknen konnten. „Du hast mich gerettet“, sagte Filo dankbar. „So langsam du bist – du hast nicht aufgegeben, bis du mich gefunden hast.“

Tilda lächelte. „Und so schnell du bist – du bringst mir jeden Tag die weite Welt nach Hause“, sagte sie. „Siehst du? Jeder von uns kann etwas, das der andere nicht kann. Genau deshalb sind wir so gute Freunde.“ Filo nickte glücklich und breitete seine nun wieder trockenen Flügel in der warmen Sonne aus. Gemeinsam schauten sie zu, wie sich der Abendhimmel im stillen Teich spiegelte.

Als die Sonne unterging, machte es sich Tilda auf ihrem warmen Stein gemütlich, und Filo klappte seine Flügel zusammen und ließ sich dicht neben ihr nieder, geschützt vom Rand ihres Panzers. „Gute Nacht, liebe Tilda“, flüsterte Filo. „Gute Nacht, kleiner Filo“, sagte Tilda ruhig und zufrieden.

Und während die Frösche am Ufer ihr leises Abendlied quakten und die ersten Sterne sich im stillen Wasser spiegelten, schliefen die alte Schildkröte und der junge Schmetterling friedlich nebeneinander ein – zwei ungleiche Freunde, von denen jeder dem anderen ein Stück Welt geschenkt hatte. Schlaf gut, Tilda. Schlaf gut, Filo. Gute Nacht.