Es war schon spät, und Emma lag in ihrem Bett, als draußen ein Gewitter aufzog. Zuerst grollte es nur leise in der Ferne. Doch dann kam ein heller Blitz, und kurz darauf ein lautes Donnern, das die Fensterscheiben zittern ließ. Emma zog die Decke bis über den Kopf. „Mama!“, rief sie ängstlich. „Mama, das Gewitter ist so laut! Ich habe Angst!“
Schon kam Mama ins Zimmer und setzte sich zu Emma aufs Bett. „Hab keine Angst, mein Schatz“, sagte sie sanft und nahm Emma in den Arm. „Ich bin ja bei dir.“ Ein neuer Blitz zuckte, und Emma zuckte zusammen, als der Donner krachte. „Warum ist das so laut und gruselig?“, fragte sie und hielt sich die Ohren zu. „Komm“, sagte Mama, „ich erkläre dir, was bei einem Gewitter passiert. Dann ist es gar nicht mehr so unheimlich.“
„Der Blitz“, erklärte Mama, „ist eigentlich nur ein riesiger, heller Lichtfunke am Himmel. Stell ihn dir vor wie eine gewaltige Laterne, die für einen kurzen Moment aufleuchtet. Er sieht beeindruckend aus, ist aber weit oben in den Wolken. Und wir hier drinnen, in unserem Haus, sind ganz sicher.“ Emma lugte vorsichtig unter der Decke hervor. „Und der laute Donner?“, fragte sie.
„Der Donner“, sagte Mama, „ist das Geräusch, das zum Blitz gehört. Stell dir vor, der Himmel räuspert sich ganz laut, oder er gähnt herzhaft und brummt dabei. Der Donner klingt laut und mächtig, aber er kann dir überhaupt nichts tun. Er ist nur ein Geräusch.“ Emma musste bei dem Gedanken an einen gähnenden Himmel fast ein bisschen kichern. „Der Himmel gähnt?“, fragte sie. „So ungefähr“, lächelte Mama.
„Und weißt du was?“, sagte Mama. „Wir können sogar herausfinden, wie weit das Gewitter entfernt ist. Wenn du einen Blitz siehst, zählen wir zusammen, bis der Donner kommt. Je länger es dauert, desto weiter weg ist das Gewitter.“ Beim nächsten Blitz begannen sie zu zählen: „Eins … zwei … drei … vier …“ – dann kam der Donner. „Siehst du?“, sagte Mama. „Es zieht schon weiter weg. Vorhin kam der Donner schneller.“
Das Zählen machte Emma ganz ruhig. Statt sich zu fürchten, wartete sie nun gespannt auf den nächsten Blitz, um zu zählen. „Eins … zwei … drei … vier … fünf …“ – diesmal dauerte es noch länger. „Es geht weg!“, freute sich Emma. „Genau“, sagte Mama. „Gewitter ziehen immer vorbei. Und der Regen, der dabei fällt, ist etwas Wunderbares: Er gibt allen Blumen und Bäumen zu trinken. Morgen früh wird alles frisch und grün sein und herrlich duften.“
Emma lauschte dem Regen, der nun gleichmäßig gegen das Fenster prasselte. „Hör nur“, sagte Mama. „Tipp, tapp, tipp, tapp. Wenn man keine Angst mehr hat, klingt der Regen sogar richtig schön und beruhigend, fast wie ein Schlaflied.“ Emma horchte. Tatsächlich – das gleichmäßige Prasseln klang gar nicht mehr bedrohlich, sondern eher sanft und gemütlich, jetzt, wo sie warm und sicher in Mamas Arm lag.
„Und weißt du, was das Allerschönste an einem Gewitter ist?“, fragte Mama. Emma schüttelte den Kopf. „Dass wir ganz nah zusammenkuscheln können, hier in unserem warmen, trockenen Zuhause, während es draußen blitzt und donnert. Es gibt nichts Gemütlicheres, als bei einem Gewitter sicher im Bett zu liegen.“ Sie zog Emma noch ein Stückchen näher und deckte sie warm zu. Emma fühlte sich geborgen und sicher.
Der Donner kam jetzt nur noch ganz leise und fern, und Emma musste nicht mehr zusammenzucken. „Eins … zwei … drei … vier … fünf … sechs …“, zählte sie verschlafen beim nächsten Blitz. „Ganz weit weg jetzt“, murmelte sie. Das Gewitter zog davon, und nur noch der sanfte Regen blieb, der leise sein gleichmäßiges Lied gegen das Fenster trommelte.
„Siehst du, mein Schatz?“, flüsterte Mama. „Das Gewitter war gar nicht so schlimm. Du musstest nur verstehen, was da passiert. Jetzt weißt du: Der Blitz ist ein Licht, der Donner ist nur ein Geräusch, und wir sind hier drinnen ganz sicher.“ Emma nickte schläfrig. „Ich habe gar keine Angst mehr“, sagte sie. „Beim nächsten Gewitter zähle ich einfach wieder.“
Mama lächelte stolz. „Das ist mein mutiges Mädchen“, sagte sie und gab Emma einen Kuss auf die Stirn. Emma kuschelte sich tief in ihre warme Decke. Der Regen trommelte sanft sein Schlaflied, der Donner war nur noch ein fernes, müdes Brummen, und Emma fühlte sich warm und geborgen.
Und während das Gewitter friedlich davonzog und der sanfte Regen den Garten wusch, schlief das mutige Mädchen Emma ruhig und ohne Angst ein. Am nächsten Morgen würde alles frisch und grün glänzen und herrlich nach Regen duften. Schlaf gut, Emma. Gute Nacht.
