Im Garten lebte eine kleine Spinne namens Selma. Selma konnte die feinsten, festesten Spinnenfäden weben, und darauf war sie sehr stolz. Eines Tages aber gab es im Garten ein Problem: Nach einem starken Regen war ein kleiner Bach so angeschwollen, dass die kleinen Tiere nicht mehr ans andere Ufer kamen, wo all das gute Futter wuchs.
Die Ameisen, die Käfer und die Würmer standen ratlos am Ufer. „Wie sollen wir nur hinüberkommen?“, klagten sie. „Das Wasser ist viel zu breit und zu tief. Und auf der anderen Seite ist all unser Futter!“ Ihre Bäuche knurrten, und sie wurden ganz traurig. Selma beobachtete das von ihrem Netz aus und überlegte.
„Vielleicht“, dachte Selma, „kann ich mit meinen festen Fäden eine Brücke über den Bach spannen.“ Doch dann zögerte sie. Der Bach war breit, und um einen Faden zum anderen Ufer zu bringen, müsste sie sich vom Wind über das Wasser tragen lassen – das war gefährlich. „Was, wenn ich ins Wasser falle?“, dachte sie ängstlich.
Doch Selma sah die hungrigen, traurigen Tiere und fasste einen Entschluss. „Ich muss es versuchen“, sagte sie tapfer. „Sonst hungern alle.“ Sie spann einen langen, festen Faden, ließ ein Ende an einem Halm befestigt und wartete auf einen günstigen Windstoß. Als der Wind kam, ließ sie sich mutig hinaustragen, über das Wasser, mit klopfendem Herzen.
Der Wind trug Selma am Faden über den Bach – und mit einem geschickten Sprung erreichte sie das andere Ufer und befestigte ihren Faden an einem Stein. Geschafft! Nun spannte sich ein erster fester Faden über das Wasser. Doch eine einzelne Faden-Linie war noch keine Brücke. Selma spann weiter, Faden um Faden, hin und her.
Geduldig und mutig webte Selma eine ganze Brücke aus festen, dicht gewebten Spinnenfäden, breit genug, dass die kleinen Tiere sicher darüberlaufen konnten. „Fertig!“, rief sie schließlich erschöpft, aber stolz. „Kommt, die Brücke hält!“ Vorsichtig wagte sich die erste Ameise darauf – und tatsächlich, die Spinnenseiden-Brücke trug sie sicher hinüber.
Eines nach dem anderen liefen die Tiere über Selmas Brücke ans andere Ufer, wo sie sich endlich satt essen konnten. „Danke, Selma!“, riefen sie alle. „Du warst so mutig und hast uns eine Brücke gebaut! Ohne dich hätten wir gehungert.“ Selma strahlte. „Ich hatte solche Angst über dem Wasser“, sagte sie, „aber ich bin froh, dass ich es gewagt habe.“
Am Abend ruhte sich Selma zufrieden in ihrem Netz aus, während die satten Tiere fröhlich zurück über ihre Brücke liefen. „Mit Mut und meinen Fäden konnte ich allen helfen“, dachte sie stolz. Glücklich und ein wenig erschöpft von dem großen Werk, schlief die kleine Spinne zufrieden ein. Schlaf gut, mutige Selma.
