Auf einem großen, grünen Blatt im Garten lebte die kleine Schnecke Smilla. Sie trug ihr hübsches, geringeltes Häuschen immer mit sich und kroch gemütlich von Blatt zu Blatt. Doch Smilla war nicht ganz glücklich. „Ich bin so langsam“, seufzte sie. „Alle anderen sind viel schneller als ich.“
Der Hase hoppelte blitzschnell vorbei. Der Käfer flitzte über den Weg. Sogar die Ameisen waren flinker als sie. „Bis ich am Ziel bin, sind alle längst woanders“, sagte Smilla traurig und kroch im Schneckentempo weiter, ein winziges Stückchen nach dem anderen.
Eines Tages beschloss Smilla, es allen zu zeigen. „Ich werde so schnell kriechen, wie ich nur kann!“, nahm sie sich vor. Sie streckte sich, strengte sich an und schob sich vorwärts, so schnell es eben ging. Doch schnell wurde sie davon nur müde, und schneller wurde sie kein bisschen.
Erschöpft machte Smilla Pause auf einer Blüte. Und während sie so dasaß und verschnaufte, bemerkte sie etwas, das sie noch nie gesehen hatte: Mitten in der Blüte glitzerte ein Tautropfen wie ein winziger Diamant. Darin spiegelte sich die ganze Welt, klein und bunt und wunderschön.
„Wie hübsch“, staunte Smilla. Sie schaute genauer hin und entdeckte noch mehr: einen Marienkäfer, der auf einem Halm putzte, eine Spinnwebe voller Tautropfen, die in der Sonne funkelte, und eine Hummel, die summend von Blüte zu Blüte tanzte. All das hatte sie auf ihren langsamen Wegen nie richtig wahrgenommen, wenn sie sich nur geärgert hatte.
Da kam der Hase vorbeigehoppelt. „Hast du den glitzernden Tautropfen gesehen?“, fragte Smilla. „Den Marienkäfer? Die funkelnde Spinnwebe?“ Der Hase hielt kurz inne. „Nein“, sagte er. „Dafür bin ich wohl zu schnell vorbeigerannt.“ Und schon war er wieder weg.
Smilla lächelte. Auf einmal verstand sie: Weil sie so langsam war, sah sie all die kleinen Wunder, an denen die anderen einfach vorbeisausten. Ihre Langsamkeit war gar kein Nachteil. Sie war ein Geschenk. „Ich bin genau richtig, so wie ich bin“, sagte sie zufrieden.
Von da an genoss Smilla ihr gemütliches Tempo. Sie entdeckte jeden Tag etwas Neues und Schönes und erzählte den anderen Tieren davon. Am Abend kroch sie zufrieden unter ihr Lieblingsblatt, zog sich in ihr Häuschen zurück und gähnte. „Langsam zu sein“, dachte sie glücklich, „ist eigentlich ganz wunderbar.“ Dann schlief die kleine Schnecke selig ein. Schlaf gut, kleine Smilla.
