Im Wald lebte ein kleines Eulchen namens Mona. Mona war anders als die meisten Vögel im Wald. Während die Amseln, Meisen und Finken tagsüber munter umherflogen und sangen, wurde Mona erst munter, wenn die Sonne unterging und die Nacht hereinbrach. „Warum bin ich nur so anders?“, fragte sich Mona traurig. „Wenn alle wach sind, bin ich müde, und wenn alle schlafen, bin ich wach.“
Mona versuchte, wie die anderen Vögel zu sein. Tagsüber zwang sie sich wach zu bleiben, doch dann war sie nur müde und unkonzentriert und konnte mit den schnellen Singvögeln nicht mithalten. „Du gehörst irgendwie nicht richtig zu uns“, sagten die Singvögel, ohne es böse zu meinen. Das machte Mona sehr traurig. Sie fühlte sich allein und falsch.
Eines Tages klagte Mona der weisen alten Eule ihr Leid. „Ich bin so anders“, sagte sie. „Ich passe nicht zu den anderen Vögeln. Ich wünschte, ich wäre tagsüber wach wie sie.“ Die alte Eule lächelte sanft. „Mein Kind“, sagte sie, „du bist nicht falsch. Du bist eine Eule. Und Eulen sind etwas ganz Besonderes. Wir können etwas, das kein Tagvogel kann.“
„Was denn?“, fragte Mona neugierig. „Wir wachen in der Nacht“, sagte die alte Eule. „Wenn alle anderen schlafen und sich nicht wehren können, passen wir auf den Wald auf. Wir sehen im Dunkeln, wir hören das leiseste Geräusch, und wir helfen allen, die sich nachts verirren oder fürchten. Die Nacht gehört uns Eulen. Das ist unsere ganz besondere Gabe.“
Mona dachte über diese Worte nach. In dieser Nacht, als sie wie immer wach war, hörte sie ein leises Wimmern. Ein kleines Vogelküken war aus dem Nest gefallen und saß ängstlich im Dunkeln, während seine Familie tief schlief und nichts bemerkte. Mit ihren scharfen Augen sah Mona es sofort. Behutsam half sie dem Küken zurück ins warme Nest.
Am nächsten Morgen erzählte das Küken allen, wie das Eulchen Mona es in der Nacht gerettet hatte. Die Singvögel staunten. „Du hast in der Dunkelheit gesehen und geholfen?“, fragten sie bewundernd. „Das könnten wir nie! Wir schlafen ja nachts fest und merken gar nichts.“ Zum ersten Mal schauten sie Mona voller Bewunderung an.
Mona wurde ganz warm ums Herz. „Ich bin gar nicht falsch“, verstand sie. „Ich bin nur anders – und gerade das ist etwas Wertvolles.“ Von da an war Mona stolz darauf, eine Eule zu sein. In der Nacht wachte sie über den schlafenden Wald, und am Tag schlief sie zufrieden in ihrer Baumhöhle. Sie versuchte nicht mehr, wie die anderen zu sein.
„Jeder hat seine eigene Zeit und seine eigene Gabe“, sagte die weise alte Eule zufrieden, als sie sah, wie glücklich Mona geworden war. „Die Singvögel singen am Tag, und wir Eulen wachen in der Nacht. So ist für alle gesorgt.“ Mona nickte stolz. Sie hatte gelernt, dass es wunderbar war, anders zu sein.
Am Morgen, nachdem sie die ganze Nacht treu über den Wald gewacht hatte, kuschelte sich Mona zufrieden in ihre warme Baumhöhle. „Ich bin genau richtig, so wie ich bin“, dachte sie glücklich. Draußen wurde es hell, die Singvögel begannen ihr Morgenlied, und ruhig und stolz auf ihre besondere Gabe schlief das kleine Eulchen Mona zufrieden ein. Schlaf gut, Mona. Gute Nacht – auch wenn für dich gerade der Morgen anbricht.
