Die kleine Giraffe Lou hatte ein Problem, über das sie sich sehr schämte: Sie traute sich nicht, zu trinken. Denn um ans Wasser zu kommen, musste eine Giraffe ihre langen Vorderbeine weit spreizen und ihren langen Hals ganz tief hinunterbeugen – und genau davor hatte Lou große Angst. „So tief unten fühle ich mich so hilflos“, sagte sie ängstlich.
Während die anderen Giraffen am Wasserloch tranken, stand Lou nur daneben und schaute zu. Sie hatte schrecklichen Durst, aber die Angst war größer. „Was, wenn ich umfalle, wenn ich so tief gebeugt bin?“, dachte sie. „Was, wenn ich nicht schnell genug wieder hochkomme?“ So blieb Lou durstig und traurig zurück.
Ihre Freundin, die kleine Giraffe Mira, bemerkte Lous Kummer. „Warum trinkst du nicht, Lou?“, fragte sie. „Du musst doch großen Durst haben.“ Lou senkte beschämt den Kopf. „Ich habe Angst, mich so tief hinunterzubeugen“, gestand sie leise. Mira schaute sie freundlich an. „Das verstehe ich“, sagte sie. „Weißt du was? Wir machen es zusammen. Ich passe auf dich auf.“
„Wir fangen ganz langsam an“, sagte Mira. „Du musst dich nicht gleich ganz hinunterbeugen. Beug deinen Hals erst nur ein kleines Stück, nur so weit, wie du dich traust.“ Lou holte tief Luft und senkte ihren Hals ein kleines Stückchen. „Siehst du? Das geht doch“, sagte Mira ermutigend. „Und ich stehe direkt neben dir, falls du Halt brauchst.“
Stück für Stück beugte Lou ihren Hals tiefer. Mal hielt sie inne, wenn die Angst zu groß wurde, dann atmete sie ruhig und beugte sich ein kleines bisschen weiter. Mira stand die ganze Zeit dicht neben ihr, sodass Lou sich sicher fühlte. „Du machst das großartig“, sagte Mira. „Nur noch ein kleines Stück, dann erreichst du das Wasser.“
Und dann, ganz langsam, spreizte Lou ihre Vorderbeine und senkte ihren Hals tief hinunter, bis ihre Lippen endlich das kühle, klare Wasser berührten. Sie trank in großen, durstigen Schlucken. „Oh, wie gut das tut!“, dachte sie. Das frische Wasser war herrlich, und Lou merkte: Es war gar nicht so schlimm, wie sie befürchtet hatte.
Als sie genug getrunken hatte, hob Lou ihren Hals wieder hoch – ganz sicher, ohne umzufallen. „Ich hab es geschafft!“, jubelte sie. „Ich habe getrunken!“ Mira freute sich mit ihr. „Ich wusste, dass du es schaffst“, sagte sie. „Du musstest nur Schritt für Schritt vorgehen und durftest die Angst nicht gewinnen lassen.“
Von diesem Tag an trank Lou ganz selbstverständlich am Wasserloch, genau wie die anderen Giraffen. Ihre Angst war verschwunden, und an ihre Stelle war ein stolzes, mutiges Gefühl getreten. „Es war gar nicht so schwer“, sagte Lou. „Ich brauchte nur ein bisschen Mut und eine gute Freundin an meiner Seite.“ Dankbar stupste sie Mira mit der Nase.
Am Abend, satt getrunken und zufrieden, legte sich Lou neben Mira ins warme Gras. „Danke, dass du mir geholfen hast“, sagte sie verschlafen. „Dafür sind Freunde da“, antwortete Mira sanft. Die Sterne funkelten über der Savanne, das Wasserloch glänzte still im Mondlicht, und stolz auf ihren Mut schlief die kleine Giraffe Lou zufrieden ein. Schlaf gut, Lou. Gute Nacht.
