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Die Eule und das Eichhörnchen

Freundschaftab 5 5 Min.
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Im großen Wald lebten zwei Tiere, die zu ganz verschiedenen Zeiten wach waren. Da war die Eule Ola, die in der Nacht durch den dunklen Wald flog, lautlos und mit großen, klugen Augen, die alles sahen. Und da war das Eichhörnchen Niko, das am hellen Tag von Ast zu Ast sprang, Nüsse sammelte und in der Sonne herumtollte. Beide lebten im selben Wald – und doch begegneten sie sich nie. Denn wenn die eine wach war, schlief der andere tief und fest.

Oft hatte Niko am Morgen das Gefühl, jemand sei in der Nacht da gewesen. Manchmal lag eine besonders schöne Nuss vor seinem Kobel, die er am Abend zuvor nicht gesehen hatte. Und Ola fand morgens, bevor sie schlafen ging, manchmal eine glänzende Feder an ihrem Ast, die dort vorher nicht gewesen war. „Wer mag das nur sein?“, fragten sich beide. Sie spürten, dass da jemand war, den sie gern kennengelernt hätten – aber sie verpassten sich immer.

Eines Tages beschloss Niko, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Statt bei Sonnenuntergang sofort einzuschlafen, blieb er ausnahmsweise ein bisschen länger wach. Und Ola, die kluge Eule, hatte denselben Gedanken: Sie erwachte an diesem Abend etwas früher als sonst, schon in der Dämmerung. Und so geschah es, dass sich die beiden zum allerersten Mal trafen – genau in jenem zauberhaften Moment, wenn der Tag in die Nacht übergeht.

„Oh!“, rief Niko, als er die große Eule auf dem Ast erblickte. „Du bist es also, die mir die schönen Nüsse hinlegt!“ „Und du“, sagte Ola staunend, „bist es, der mir die glänzenden Federn bringt!“ Die beiden schauten sich an und mussten lachen. „Wir leben im selben Wald“, sagte Niko, „und haben uns trotzdem nie gesehen, weil ich am Tag wach bin und du in der Nacht.“ „Aber jetzt“, sagte Ola, „haben wir uns gefunden.“

Es gab nur ein Problem: Sie konnten immer nur ganz kurz zusammen sein, in der kurzen Zeit der Dämmerung – morgens und abends, wenn sich Tag und Nacht berührten. „Das ist so wenig Zeit“, seufzte Niko traurig. Doch Ola, klug wie sie war, hatte eine Idee. „Dann machen wir diese Zeit eben zu unserer besonderen Zeit“, sagte sie. „Jeden Morgen und jeden Abend treffen wir uns hier, genau in der Dämmerung. Das wird unsere Freundschaftsstunde.“

Und so wurde es. Jeden Abend, wenn die Sonne unterging, erwachte Ola, und Niko blieb noch ein wenig wach – und sie erzählten sich, was sie erlebt hatten. Niko berichtete von den hellen, fröhlichen Dingen des Tages: von der warmen Sonne, den summenden Bienen, den anderen Tieren beim Spielen. Und Ola erzählte von den geheimnisvollen Dingen der Nacht: vom silbernen Mond, von den leuchtenden Sternen, von den Glühwürmchen, die über die Lichtung tanzten.

„Du zeigst mir die Nacht, die ich sonst verschlafe“, sagte Niko begeistert, „und ich zeige dir den Tag, den du sonst verschläfst.“ So lernte jeder vom anderen eine ganze Welt kennen, die er selbst nie erlebte. Ihre kurze Freundschaftsstunde in der Dämmerung wurde zur schönsten Zeit des Tages – für beide. Und die Nüsse und Federn, die sie sich weiterhin hinlegten, waren nun kleine Liebesbeweise zwischen besten Freunden.

Eines Abends aber kam Niko nicht zur Dämmerungsstunde. Ola wartete und wartete, doch ihr Freund erschien nicht. Besorgt flog sie los und suchte mit ihren scharfen Nachtaugen den ganzen Wald ab. Schließlich fand sie Niko: Er war beim Nüssesammeln in eine tiefe Astgabel gerutscht und kam im Dunkeln nicht mehr heraus. „Ola!“, rief er erleichtert. „Ich sehe im Dunkeln nichts und finde nicht zurück!“

„Zum Glück sehe ich in der Nacht alles ganz genau“, sagte Ola ruhig. Mit ihren scharfen Augen erkannte sie den sichersten Weg und leitete Niko Schritt für Schritt aus der Astgabel heraus und sicher zurück zu seinem Kobel. „Du hast mich gerettet!“, sagte Niko dankbar. „Im Dunkeln wäre ich verloren gewesen.“ Ola lächelte. „Siehst du?“, sagte sie. „Du kennst den Tag, ich kenne die Nacht. Gerade weil wir so verschieden sind, können wir einander helfen.“

Von da an wussten beide: Es machte überhaupt nichts, dass sie zu verschiedenen Zeiten wach waren. Im Gegenteil – es machte ihre Freundschaft erst so besonders. Jeder schenkte dem anderen eine Welt, die dieser sonst nie gesehen hätte. Und die kurze, kostbare Dämmerungsstunde, in der sich Tag und Nacht trafen, gehörte ganz allein ihnen beiden.

An diesem Abend saßen sie noch ein wenig länger zusammen als sonst, während die letzten Sonnenstrahlen verglühten und die ersten Sterne erschienen. „Schlaf gut, liebe Ola, und hab eine schöne Nacht“, sagte Niko gähnend und kuschelte sich in seinen Kobel. „Und du, lieber Niko, träum süß durch die Nacht, bis wir uns im Morgengrauen wiedersehen“, sagte Ola sanft und breitete ihre Flügel aus.

Und so schlief das Eichhörnchen ein, gerade als die Eule erwachte – aber beide mit demselben warmen Gefühl im Herzen, weil sie wussten, dass sie sich in der nächsten Dämmerung wiedersehen würden. Zwei ungleiche Freunde, getrennt durch Tag und Nacht und doch verbunden für immer. Schlaf gut, Niko. Und gute Nacht, Ola. Gute Nacht.