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Die Eule, die den Tag sehen wollte

Dankbarkeit · Selbstvertrauenab 5 4 Min.
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In einem hohen Baum am Waldrand wohnte die junge Eule Ella. Wie alle Eulen schlief Ella am Tag und war in der Nacht wach. Doch in letzter Zeit war Ella unzufrieden. „Die Tagvögel haben es viel schöner“, seufzte sie. „Sie sehen die bunte Welt im Sonnenlicht, und ich sitze immer nur im Dunkeln.“

Eines Morgens beschloss Ella, einmal wach zu bleiben, um endlich den Tag zu erleben. Müde, aber neugierig blieb sie auf ihrem Ast sitzen, als die Sonne aufging. Zuerst war sie begeistert: Alles leuchtete bunt, die Vögel sangen, und die Blumen öffneten ihre Blüten.

Doch schon bald merkte Ella, dass das helle Sonnenlicht in ihren großen Eulenaugen schmerzte. Sie musste blinzeln und konnte kaum etwas erkennen. Die anderen Vögel flitzten so schnell umher, dass ihr ganz schwindelig wurde, und der laute Trubel machte sie müde und durcheinander.

„Hier komme ich gar nicht zurecht“, dachte Ella enttäuscht. Eine freundliche Amsel bemerkte sie. „Liebe Eule, du gehörst doch in die Nacht“, sagte sie sanft. „Am Tag siehst du schlecht, und du bist müde. Aber weißt du, wie sehr wir Tagvögel dich um die Nacht beneiden?“ Ella schaute überrascht auf.

„Beneiden? Mich?“, fragte Ella. „Aber ja“, sagte die Amsel. „Du siehst Dinge, die wir niemals erblicken: den silbernen Mond, die funkelnden Sterne, die leuchtenden Glühwürmchen. Du hörst die Welt, wenn sie ganz still und friedlich ist. Du gleitest lautlos durch die Nacht. Das ist ein wahres Wunder.“

Ella dachte daran, wie schön ihre Nächte waren: das sanfte Mondlicht, die Stille, die ihr nichts entgehen ließ, das geheimnisvolle Funkeln der Sterne. Sie hatte das alles für selbstverständlich gehalten und nur auf das geschaut, was sie nicht hatte. „Du hast recht“, sagte sie nachdenklich. „Meine Nacht ist auch wunderschön.“

Müde von dem ungewohnten Tag flog Ella zurück zu ihrem Baum. Endlich durfte sie schlafen, und nie hatte ihr Nest so gemütlich gewirkt. „Ich bin eine Eule“, dachte sie zufrieden, „und die Nacht ist genau mein Zuhause.“ Dankbar schloss sie die Augen.

Als sie am Abend wieder erwachte und der Mond über dem Wald aufging, breitete Ella glücklich ihre Flügel aus. Lautlos glitt sie durch die sternenklare Nacht, vorbei an den blinkenden Glühwürmchen, und genoss jeden Augenblick. Sie war nicht mehr neidisch auf den Tag. Ihre Welt war die Nacht – und die war wundervoll. Schlaf gut, kleine Ella.