Tief im Wald wachte der Waldgeist Tann über einen ganz besonderen Strauch: Er trug die süßesten Zauberbeeren des ganzen Waldes, die jedem, der sie aß, neue Kraft und gute Laune schenkten. Tann war sehr stolz auf seinen Strauch. „Diese Beeren sind etwas Besonderes“, sagte er. „Die hüte ich für mich allein.“ Und er ließ kein Tier in die Nähe seines Strauches.
Eines Tages kam ein kleines, ausgehungertes Eichhörnchen vorbei. Der Winter war hart gewesen, und es hatte kaum noch etwas zu fressen gefunden. „Lieber Waldgeist“, bat das Eichhörnchen schwach, „dürfte ich vielleicht ein paar von deinen Zauberbeeren haben? Ich habe solchen Hunger und kaum noch Kraft.“ Tann zögerte und stellte sich schützend vor seinen Strauch.
„Such dir deine eigenen Beeren“, brummte Tann. „Diese gehören mir.“ Das Eichhörnchen senkte traurig den Kopf und wollte schon weiterziehen. Doch Tann bemerkte, wie schwach und hungrig es war, und ein kleines schlechtes Gefühl regte sich in seinem Herzen. „Eigentlich“, dachte er, „habe ich so viele Beeren, dass ich sie allein gar nicht alle brauchen kann.“
„Warte“, rief Tann schließlich. „Komm zurück, kleines Eichhörnchen. Ich … ich teile meine Zauberbeeren mit dir.“ Das Eichhörnchen drehte sich überrascht um. „Wirklich? Oh, danke, lieber Waldgeist!“ Tann pflückte eine Handvoll der süßen Beeren und gab sie dem hungrigen Tier. Und als er sah, wie das Eichhörnchen die Beeren dankbar verschlang und neue Kraft schöpfte, fühlte Tann ein warmes Glück in seinem Herzen.
„Wie geht es dir jetzt?“, fragte Tann. „Viel besser!“, strahlte das Eichhörnchen. „Die Zauberbeeren haben mir neue Kraft gegeben. Ich danke dir von Herzen, lieber Waldgeist.“ Tann merkte, dass das Teilen ihm selbst Freude gemacht hatte – mehr Freude, als er je beim einsamen Hüten seines Strauches empfunden hatte. „Teilen fühlt sich gut an“, staunte er.
Von diesem Tag an teilte Tann seine Zauberbeeren großzügig mit allen Tieren des Waldes, die hungrig oder erschöpft waren. Und etwas Wunderbares geschah: Je mehr Beeren Tann verschenkte, desto mehr wuchsen nach. Sein Strauch trug auf einmal mehr Früchte als je zuvor, als würde er sich über das Teilen freuen. „Ein geteilter Schatz“, staunte Tann, „wird gar nicht weniger, sondern mehr.“
Bald war Tanns Beerenstrauch ein fröhlicher Treffpunkt, an dem sich die Tiere des Waldes trafen, stärkten und Geschichten erzählten. Tann, der früher so einsam seinen Strauch bewacht hatte, war nun von dankbaren Freunden umgeben. „Ich war so dumm, alles für mich behalten zu wollen“, sagte er. „Jetzt, wo ich teile, bin ich viel glücklicher.“
„Geteilte Gaben sind die schönsten Gaben“, sagte der alte Waldgeist, als er sah, wie froh Tann geworden war. Tann nickte. Er hatte gelernt, dass man durch Großzügigkeit nicht ärmer wird, sondern reicher – an Freude und an Freunden. Und sein Beerenstrauch blühte schöner denn je.
Am Abend, zufrieden und nicht mehr allein, kuschelte sich Tann in sein weiches Moosbett neben seinem reich tragenden Strauch. „Heute habe ich gelernt zu teilen“, dachte er glücklich. Der Mond schien durch die Blätter, die Zauberbeeren schimmerten sanft, und mit einem warmen, großzügigen Herzen schlief der Waldgeist Tann zufrieden ein. Schlaf gut, Tann. Gute Nacht.
