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Der Wal und der kleine Junge

Freundschaft · Gefühle (Wut/Angst)ab 5 4 Min.
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In einem kleinen Fischerdorf am Meer lebte ein Junge namens Til. Til war oft allein, denn die anderen Kinder wohnten weit entfernt. Jeden Abend setzte er sich auf den alten Steg und schaute hinaus auf das weite, glitzernde Meer. „Ich wünschte, ich hätte einen Freund“, seufzte er leise.

Eines Abends, als die Sonne golden über dem Wasser stand, tauchte etwas Riesiges nahe dem Steg auf: ein großer, sanfter Wal mit freundlichen Augen. Til erschrak zuerst, doch der Wal schaute ihn so warm an, dass seine Angst verflog. „Hallo“, sagte Til staunend. Der Wal stieß einen leisen, singenden Laut aus, als würde er grüßen.

Von da an kam der Wal jeden Abend zum Steg. Til erzählte ihm von seinem Tag, von seinen Gedanken und Träumen, und der Wal lauschte geduldig und sang ihm sanfte Wallieder vor. „Du bist auch allein, nicht wahr?“, fragte Til eines Abends. Der Wal schaute ihn an, und Til verstand: Auch der große Wal hatte sich nach einem Freund gesehnt.

Die beiden wurden unzertrennliche Freunde. Der Wal zeigte Til die schönsten Plätze im Meer, ließ ihn auf seinem breiten Rücken über die sanften Wellen gleiten und tauchte mit ihm zu glitzernden Fischschwärmen. Til lachte und jubelte, und der Wal sang vor Freude. Zum ersten Mal fühlten sich beide nicht mehr allein.

Doch eines Tages wurde der Wal traurig. Er sang ein klagendes Lied und schaute hinaus aufs offene Meer. Til verstand: Der Wal sehnte sich nach seiner Walfamilie, die weit draußen im Ozean lebte. „Du vermisst die anderen Wale, oder?“, fragte Til leise. Der Wal nickte sanft mit dem großen Kopf.

Til wurde das Herz schwer. Er wollte seinen Freund nicht verlieren – aber er sah, wie sehr sich der Wal nach seiner Familie sehnte. „Ein guter Freund wünscht dem anderen das Glück“, dachte Til tapfer. „Geh nur“, sagte er und streichelte die glatte Haut des Wals. „Such deine Familie. Ich bin nicht böse. Ich freue mich für dich.“

Der Wal sah ihn dankbar an und sang ein warmes, tröstliches Lied. Dann tauchte er ab und schwamm hinaus aufs Meer. Doch bevor er ganz verschwand, drehte er sich noch einmal um und sprang in einem gewaltigen, fröhlichen Sprung aus dem Wasser – ein Abschiedsgruß nur für Til. „Leb wohl, mein Freund“, flüsterte Til und winkte.

Til war ein bisschen traurig, aber auch glücklich, denn er hatte einen wahren Freund gehabt und ihm das schönste Geschenk gemacht: die Freiheit. Und manchmal, an stillen Abenden, hörte er von ferne ein sanftes Walgesang über das Wasser ziehen. Dann lächelte Til und wusste: Der Wal dachte an ihn. Zufrieden kuschelte er sich ins Bett und schlief ein. Gute Nacht, kleiner Til.