In einem gemütlichen Haus am Waldrand stand zur Weihnachtszeit eine große, prächtige Tanne. Sie war über und über geschmückt mit glänzenden Kugeln, bunten Lichtern und glitzerndem Lametta. Ganz oben aber, fast versteckt zwischen den höchsten Zweigen, hing ein kleiner, schlichter Strohstern.
Der Strohstern war alt und ein bisschen ausgeblichen. Neben den funkelnden Kugeln kam er sich klein und unscheinbar vor. „Mich sieht ja doch niemand hier oben“, seufzte er. „Alle bewundern nur die glänzenden Kugeln. Ich bin bloß ein alter Strohstern.“
Die prächtigen Kugeln lachten manchmal über ihn. „Schau dich an“, kicherten sie, „du glänzt ja nicht einmal. Wozu bist du überhaupt gut?“ Der Strohstern schwieg traurig und wünschte sich, er könnte genauso strahlen wie sie.
Dann kam der Heilige Abend. Die Familie versammelte sich um den Baum, sang Lieder und packte Geschenke aus. Es war ein wunderschöner Abend. Doch spät in der Nacht, als alle schliefen, geschah etwas: Ein Windstoß durch das gekippte Fenster ließ eine Kerze flackern, und plötzlich wurde es im Zimmer ganz dunkel – der Strom war ausgefallen.
Alle elektrischen Lichter am Baum erloschen. Die glänzenden Kugeln, die ihr Funkeln nur vom Licht geborgt hatten, wurden auf einmal dunkel und unsichtbar. Im ganzen Zimmer war es finster. Da wachte das kleine Kind der Familie auf, bekam Angst im Dunkeln und begann zu weinen.
In diesem Moment fiel das sanfte Licht des Mondes durch das Fenster – genau auf den kleinen Strohstern ganz oben. Und Stroh hat eine besondere Gabe: Es leuchtet im Mondlicht in einem warmen, goldenen Schimmer. Sanft glühte der Strohstern auf und tauchte das Zimmer in ein zartes, beruhigendes Licht.
Das Kind sah den leuchtenden Stern und hörte auf zu weinen. „Schau, ein Stern“, flüsterte es staunend und lächelte. Beruhigt von dem warmen Schein schlief es wieder ein. Der kleine Strohstern hatte mit seinem stillen Licht das Kind getröstet, als alle anderen dunkel geblieben waren.
Am Morgen, als der Strom zurückkam, erzählte das Kind allen von dem Stern, der in der Nacht geleuchtet hatte. Von da an war der Strohstern nicht mehr vergessen. „Danke, kleiner Stern“, sagte die Familie und rückte ihn an einen Platz, wo ihn jeder sehen konnte.
Sogar die glänzenden Kugeln schämten sich ein wenig. „Du hast ein Licht, das von innen kommt“, sagten sie leise. „Das ist viel schöner als unser geborgtes Funkeln.“ Der Strohstern strahlte vor Glück. In der nächsten Nacht hing er zufrieden in der Tanne und wusste nun: Auch das schlichteste Licht kann das wichtigste sein. Fröhliche, ruhige Weihnacht.
