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Der Löwe und die Grille

Freundschaftab 5 5 Min.
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In der weiten Savanne lebte ein großer Löwe namens Brüll. Brüll hatte das lauteste Brüllen weit und breit. Wenn er den Kopf hob und losbrüllte, hallte es über die ganze Ebene, die Vögel flatterten auf, und alle Tiere wussten: Der König ist wach. Brüll war stolz auf seine laute Stimme. Doch weil er so laut war, erschrak er oft alle, die ihm nahekamen, und so war es um ihn herum meist ziemlich einsam.

Eines stillen Abends, als Brüll allein unter einem Baum lag, hörte er einen ganz feinen, zarten Klang – ein leises, schönes Zirpen. Er lauschte. Es war so sanft und melodisch, dass es ihn ganz ruhig machte. „Was ist das für ein wunderschöner Klang?“, fragte Brüll in die Dunkelheit. „Das bin ich“, antwortete ein winziges Stimmchen. Auf einem Grashalm direkt vor seiner Nase saß eine kleine Grille und zirpte ihr Abendlied.

„Du machst diese schöne Musik?“, staunte Brüll. „So winzig du bist!“ Die Grille, sie hieß Zirpa, nickte. „Ja“, sagte sie. „Mein Zirpen ist leise, aber viele Tiere schlafen abends gern dabei ein.“ Brüll seufzte. „Ich kann nur laut brüllen“, sagte er. „So laut, dass alle vor mir erschrecken. Deine leise Musik dagegen ist so schön und beruhigend.“ „Und dein lautes Brüllen“, sagte Zirpa, „ist mächtig und beeindruckend. Wir sind eben verschieden.“

„Vielleicht zu verschieden, um Freunde zu sein?“, fragte Brüll bange. „Der Lauteste und die Leiseste der Savanne?“ Doch Zirpa zirpte fröhlich. „Im Gegenteil!“, sagte sie. „Gerade deshalb passen wir gut zusammen. Komm, lass uns Freunde sein.“ Und so begann eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen dem lautesten Löwen und der leisesten Grille der ganzen Savanne. Jeden Abend trafen sie sich unter dem Baum, und Zirpa zirpte ihre sanften Lieder, während Brüll zufrieden lauschte.

Brüll lernte von Zirpa etwas Neues: dass man nicht immer laut sein muss. Wenn er abends ihrem leisen Zirpen lauschte, wurde er ganz ruhig und friedlich, und er merkte, wie schön die Stille sein konnte. Und Zirpa bewunderte Brülls kraftvolles Brüllen. „Damit könntest du in der Ferne gehört werden“, sagte sie, „weiter als jede andere Stimme der Savanne.“ Brüll hatte nie daran gedacht, dass seine laute Stimme auch nützlich sein könnte.

Eines Tages spielten die jungen Tiere weit draußen in der Savanne, als ein kleines Gnu in einem Schlammloch stecken blieb und nicht mehr herauskam. Es rief um Hilfe, doch seine Stimme war zu schwach, um bis zu den anderen Tieren zu dringen, die schon weit entfernt waren. „Niemand hört mich“, weinte das kleine Gnu verzweifelt. Da war zum Glück die kleine Zirpa in der Nähe – aber ihr leises Zirpen konnte natürlich auch niemand in der Ferne hören.

„Schnell, Zirpa“, dachte das Gnu, „hol Hilfe!“ Doch Zirpa wusste: Ihre Stimme war viel zu leise, um die anderen zu erreichen. „Aber ich kenne jemanden, dessen Stimme bis ans Ende der Savanne reicht“, zirpte sie und eilte, so schnell sie konnte, zu Brüll. „Brüll!“, rief sie. „Ein kleines Gnu steckt fest und niemand hört seine Hilferufe! Nur deine laute Stimme kann die anderen herbeirufen!“

Brüll zögerte keine Sekunde. Er lief zu dem Schlammloch, hob den Kopf und brüllte, so laut er nur konnte – ein gewaltiges Brüllen, das über die ganze Savanne hallte, bis zu den fernsten Tieren. Und tatsächlich: Aus allen Richtungen kamen die Tiere herbeigeeilt, alarmiert von Brülls mächtigem Ruf. Gemeinsam zogen sie das kleine Gnu aus dem Schlamm und brachten es in Sicherheit.

„Brüll, dein lautes Brüllen hat das Gnu gerettet!“, jubelten alle. „Niemand sonst hätte so weit gehört werden können.“ Brüll war ganz stolz. „Aber es war Zirpa, die mich geholt hat“, sagte er bescheiden. „Sie hat gehört, dass jemand in Not war, weil sie so leise und aufmerksam ist. Und ich konnte die anderen rufen, weil ich so laut bin. Zusammen haben wir es geschafft.“

Da verstanden alle Tiere: Sowohl das leise Zirpen als auch das laute Brüllen hatten ihren Wert. Zirpa hörte die feinsten Geräusche und beruhigte alle mit ihrer sanften Musik. Und Brüll konnte mit seiner kraftvollen Stimme in der größten Not Hilfe herbeirufen. „Laut und leise“, sagte Zirpa, „beides wird gebraucht. Genau deshalb sind wir so ein gutes Team.“

Am Abend, als die Savanne still wurde und die Sterne erschienen, legte sich Brüll unter seinen Lieblingsbaum, und Zirpa setzte sich auf einen Grashalm direkt neben sein Ohr. Sie zirpte ihm ihr sanftestes Abendlied, leise und schön, und der große Löwe wurde ganz ruhig und müde. „Gute Nacht, kleine Zirpa“, brummte er leise – diesmal ganz, ganz leise. „Gute Nacht, großer Brüll“, zirpte Zirpa zärtlich.

Und während die leise Melodie der Grille sanft über die nächtliche Savanne klang und der mächtige Löwe ihr friedlich lauschte, schliefen die beiden ungleichen Freunde glücklich ein – der Lauteste und die Leiseste, die gelernt hatten, dass beide Töne ihren Platz in der Welt haben. Schlaf gut, Brüll. Schlaf gut, Zirpa. Gute Nacht.