Mitten in der heißen Savanne stand ein großer, alter Schattenbaum. Er war weit und breit der einzige Baum, der kühlen Schatten spendete, und an heißen Tagen war sein Schatten das Begehrteste überhaupt. Der junge Löwe Mosi hatte beschlossen, dass dieser Baum ihm ganz allein gehörte. „Mein Schatten“, knurrte er jeden, der sich näherte. „Sucht euch euren eigenen.“
Wenn die Gazellen im Schatten Schutz vor der Mittagssonne suchten, verjagte Mosi sie. Wenn die Erdmännchen sich unter den Baum legen wollten, fauchte er. Selbst die kleinen Vögel scheuchte er aus den Ästen. „Hier ruhe nur ich“, brummte Mosi stolz und streckte sich allein unter dem großen Baum aus. Die anderen Tiere mussten in der prallen Sonne bleiben.
Anfangs gefiel es Mosi, den ganzen kühlen Schatten für sich zu haben. Doch mit der Zeit wurde es seltsam still um ihn herum. Niemand kam mehr in seine Nähe. Niemand spielte mit ihm, niemand erzählte ihm etwas, niemand lachte mit ihm. Mosi lag allein unter seinem schönen Baum – und langweilte sich furchtbar. „Warum ist mir nur so langweilig?“, fragte er sich.
Eines Tages beobachtete Mosi von seinem einsamen Schattenplatz aus die anderen Tiere. Sie hatten sich unter einem kleinen Busch zusammengedrängt, der kaum Schatten gab. Es war eng und heiß dort, aber sie lachten, spielten und erzählten sich Geschichten. Sie hatten sichtlich Spaß miteinander, auch ohne den großen, kühlen Baum. Mosi spürte einen Stich im Herzen. Er war einsam.
„Was nützt mir der schönste Schatten“, dachte Mosi traurig, „wenn ich ihn ganz allein genieße? Die anderen drängen sich in der Hitze zusammen und sind glücklich, und ich habe es kühl und bin doch unglücklich.“ Lange dachte er nach. Schließlich fasste er einen Entschluss. Er stand auf und ging hinüber zu den anderen Tieren.
„Hört mal alle her“, sagte Mosi, und seine Stimme klang ganz anders als sonst, viel sanfter. „Ich war so dumm und gemein. Ich habe den ganzen schönen Schatten für mich behalten. Bitte kommt doch alle mit unter den großen Baum. Es ist genug Schatten für uns alle da.“ Die Tiere schauten sich überrascht an. „Wirklich?“, fragte ein Erdmännchen. „Wirklich“, sagte Mosi. „Es tut mir leid.“
Und so zogen alle Tiere gemeinsam unter den großen Schattenbaum. Auf einmal war es dort voller Leben: Die Gazellen ruhten, die Erdmännchen spielten, die Vögel sangen in den Ästen, und mittendrin lag Mosi. Zum ersten Mal seit Langem war er nicht mehr allein. Die anderen erzählten ihm Geschichten und luden ihn zum Spielen ein, und Mosi lachte und war glücklich.
„Das ist viel schöner“, sagte Mosi staunend. „Der Schatten war die ganze Zeit gleich kühl. Aber jetzt, wo ich ihn mit euch teile, ist alles viel fröhlicher.“ Die alte Schildkröte, die auch dazugekommen war, nickte weise. „Geteilte Freude ist doppelte Freude“, sagte sie. „Und geteilter Schatten ist der kühlste von allen.“
Am Abend, als die Sonne unterging und die Hitze wich, lagen alle Tiere zufrieden unter dem großen Baum beieinander, und Mosi mittendrin. „Ich bin froh, dass ich gelernt habe zu teilen“, dachte er glücklich. Die Sterne erschienen zwischen den Ästen, ein kühler Abendwind strich durch die Blätter, und umgeben von seinen neuen Freunden schlief der Löwe Mosi zufrieden ein. Schlaf gut, Mosi. Gute Nacht.
