Hoch oben in einem großen Eukalyptusbaum lebte der kleine Koala Kuno. Kuno hatte einen Lieblingsast, an dem er sich den ganzen Tag festklammerte. Dort fühlte er sich sicher und geborgen. Loslassen wollte er nie – nicht einmal, um zu einem anderen Ast mit den saftigsten Blättern zu klettern.
„Komm, Kuno“, riefen die anderen Koalas, „auf dem Baum nebenan wachsen die leckersten, frischesten Blätter!“ Doch Kuno schüttelte den Kopf und hielt sich nur noch fester. „Nein, nein“, sagte er. „Hier ist es sicher. Wenn ich loslasse, könnte etwas Schlimmes passieren.“ Und so blieb er an seinem Ast und aß nur die alten, trockenen Blätter in seiner Nähe.
Mit der Zeit wurden die Blätter an Kunos Ast immer weniger und immer trockener. Sein Bäuchlein knurrte. Doch die Angst vorm Loslassen war größer als sein Hunger. „Was, wenn ich falle? Was, wenn der andere Ast nicht hält?“, sorgte er sich und klammerte sich noch fester.
Seine Mama kletterte zu ihm. „Mein kleiner Kuno“, sagte sie sanft, „ich weiß, dass dir dein Ast Sicherheit gibt. Aber schau – um zu den frischen Blättern zu kommen, musst du diesen Ast für einen kleinen Moment loslassen und nach dem nächsten greifen. Das Loslassen dauert nur einen Augenblick, und dann hältst du dich schon wieder fest.“
Kuno schaute zum Nachbarast mit den saftigen grünen Blättern. Sein Bauch knurrte laut. „Ich bin direkt bei dir“, sagte Mama. „Streck dich aus, greif nach dem neuen Ast, und erst wenn du ihn fest hast, lässt du den alten los.“ Kuno holte tief Luft. Sein Herz klopfte. Vorsichtig streckte er eine Pfote aus, dann die andere, und griff nach dem neuen Ast.
Erst als er den neuen Ast fest in den Pfoten hatte, ließ Kuno den alten los. Und – es passierte nichts Schlimmes! Der neue Ast trug ihn sicher, und um ihn herum hingen die saftigsten, frischesten Eukalyptusblätter. Kuno knabberte genüsslich. „Mmh!“, machte er. „So lecker! Und das Loslassen war ja gar nicht schlimm.“
Von da an traute sich Kuno, von Ast zu Ast zu klettern und überall die frischen Blätter zu genießen. Er merkte: Manchmal muss man etwas Vertrautes für einen kleinen Moment loslassen, um etwas Schöneres zu erreichen. Und festhalten konnte er sich ja immer wieder.
Am Abend kuschelte sich Kuno satt und zufrieden in eine gemütliche Astgabel, eng an seine Mama. „Loslassen ist gar nicht so schlimm“, dachte er schläfrig, „wenn man weiß, dass man sich gleich wieder festhalten kann.“ Sanft vom Wind gewiegt, schlief der kleine Koala zufrieden ein. Schlaf gut, kleiner Kuno.
