Tief unter der Erde, in der weichen, dunklen Krume, lebte ein kleiner Regenwurm namens Willi. Willi kannte nur die Erde: das Graben, das Krabbeln, das Wühlen durch die dunklen Gänge. Doch er hatte von einer Welt über der Erde gehört, einer Welt voller Licht und Farben. „Das möchte ich sehen“, dachte Willi neugierig.
„Bleib lieber hier unten, wo es sicher ist“, sagten die anderen Würmer. „Oben ist alles fremd und hell. Und Vögel könnten dich fressen!“ Doch Willis Neugier war größer als seine Angst. „Ich möchte nur einmal ans Licht und schauen, wie die Welt da oben aussieht“, sagte er entschlossen und begann, sich nach oben zu graben.
Es war ein langer, mühsamer Weg. Willi grub und wühlte sich durch die feste Erde, immer nach oben. Manchmal wurde er müde, doch er gab nicht auf. „Nur ein Stück weiter“, sagte er sich. „Gleich bin ich am Licht.“ Endlich, nach langem Graben, durchstieß seine kleine Spitze die Erdoberfläche.
Willi blinzelte. Es war so hell! Vorsichtig schob er sich weiter heraus, und nach und nach gewöhnten sich seine Sinne an das Licht. Und dann – staunte Willi. Über ihm wölbte sich ein riesiger, blauer Himmel. Eine warme Sonne schien. Grünes Gras kitzelte ihn, und bunte Blumen dufteten herrlich. „Wie wunderschön!“, flüsterte Willi.
Es hatte gerade geregnet, und überall glitzerten Tautropfen wie kleine Diamanten. Willi sah einen Marienkäfer über einen Halm krabbeln, hörte einen Vogel singen und spürte den warmen Wind. So viel Schönheit hatte er sich in seinem dunklen Erdreich nie vorgestellt. „Die Welt da oben ist ja zauberhaft“, staunte er.
Willi blieb eine Weile und genoss all die Wunder. Er ringelte sich vergnügt durch das feuchte Gras und ließ sich die Sonne auf den Rücken scheinen. Ein freundlicher Käfer grüßte ihn. „Schön, dich zu sehen, kleiner Wurm!“ Willi war so glücklich, dass er sich getraut hatte, ans Licht zu kommen.
Als die Sonne tiefer sank, grub sich Willi zufrieden wieder hinunter in seine gemütliche, warme Erde. Er erzählte den anderen Würmern begeistert von all den Wundern, die er gesehen hatte. „Ich war mutig“, sagte er stolz, „und dafür durfte ich die schönste Welt entdecken.“
Am Abend, tief in der weichen Erde, kuschelte sich Willi zufrieden ein. „Die Welt ist groß und voller Wunder“, dachte er glücklich, „und ich war tapfer genug, sie zu sehen.“ Geborgen in seiner gemütlichen Krume schlief der kleine Regenwurm zufrieden ein. Schlaf gut, kleiner Willi.
