Tief im weiten, blauen Ozean lebte ein kleiner Wal namens Wim. Wale, so wusste Wim, singen wunderschöne Lieder, die durch das ganze Meer hallen. Jeder Wal hat sein eigenes, ganz besonderes Lied. Nur Wim hatte seines noch nicht gefunden. „Wie soll mein Lied nur klingen?“, fragte er sich traurig.
Wim beschloss, sein Lied zu suchen. Er schwamm zu den alten Walen und lauschte ihren tiefen, brummenden Gesängen. „So schön!“, dachte Wim und versuchte, ihren Gesang nachzumachen. Doch es klang gar nicht wie er selbst. „Das ist nicht mein Lied“, seufzte er. „Das ist ihres.“
Er schwamm weiter und hörte den Delfinen zu, die hell und fröhlich pfiffen. Wim versuchte zu pfeifen – doch auch das war nicht seines. Er lauschte dem Rauschen der Wellen, dem Klacken der Krebse, dem Singen der Robben. Alles war wunderschön, aber nichts davon fühlte sich nach Wims eigenem Lied an.
Müde und entmutigt schwamm Wim zu einer stillen, tiefen Bucht. „Vielleicht habe ich gar kein eigenes Lied“, dachte er traurig. Eine alte, weise Schildkröte glitt vorbei. „Warum so betrübt, kleiner Wal?“, fragte sie. „Ich suche überall mein Lied“, sagte Wim, „aber ich finde es einfach nicht.“
Die Schildkröte lächelte. „Ach, kleiner Wim. Du suchst dein Lied bei allen anderen. Aber dein Lied wohnt nicht im Gesang der anderen Wale oder der Delfine. Es wohnt in dir. Werde ganz still, hör in dein eigenes Herz hinein – und du wirst es finden.“ Wim wurde nachdenklich.
Er schwamm in die Tiefe, wo es ganz still war, schloss die Augen und lauschte in sich hinein. Zuerst hörte er nur sein Herz, das ruhig schlug. Doch dann, ganz langsam, stieg etwas in ihm auf – ein Ton, warm und sanft und tief, ganz und gar sein eigener. Wim öffnete das Maul, und das schönste Lied erklang, das er je gehört hatte.
Es war ein Lied wie kein anderes – nicht wie das der großen Wale, nicht wie das der Delfine, sondern ganz allein Wims Lied. Es hallte durch das ganze Meer, warm und klar, und alle Tiere hielten inne, um zu lauschen. „Das ist mein Lied!“, jubelte Wim. „Es war die ganze Zeit in mir!“
Von da an sang Wim jeden Tag sein eigenes, wunderschönes Lied, stolz und glücklich. Er hatte gelernt, dass man das Besondere nicht bei den anderen sucht, sondern in sich selbst. Am Abend, sanft gewiegt von den Wellen, summte Wim sein Lied ganz leise vor sich hin und schlief zufrieden ein. Schlaf gut, kleiner Wim.
