In einem alten Schloss am Waldrand wohnte ein kleiner Vampir namens Vito. Aber keine Angst – Vito war ein ganz und gar freundlicher Vampir. Er trank am liebsten roten Kirschsaft, und statt Menschen zu erschrecken, liebte er die Nacht: den funkelnden Sternenhimmel, das sanfte Mondlicht und die ruhige Stille.
„Die Nacht ist die schönste Zeit“, sagte Vito immer. Während alle anderen schliefen, flog er fröhlich durch die dunklen Wälder, lauschte den Nachteulen und bestaunte die Glühwürmchen. Doch Vito hatte einen heimlichen Wunsch: Er hätte so gern einen Freund, mit dem er die Schönheit der Nacht teilen konnte.
Eines Nachts hörte Vito ein leises Weinen aus einem Haus am Waldrand. Am Fenster saß ein kleines Mädchen namens Hanna, das bitterlich schluchzte. „Ich habe solche Angst im Dunkeln“, weinte sie. „Die Nacht ist so unheimlich.“ Vito flog vorsichtig näher. „Hab keine Angst“, sagte er sanft. „Ich bin Vito. Und ich möchte dir etwas zeigen.“
Hanna erschrak zuerst, doch Vito lächelte so freundlich, dass ihre Angst nachließ. „Komm“, sagte Vito, „ich zeige dir, dass die Nacht gar nicht unheimlich ist, sondern wunderschön.“ Vorsichtig nahm er Hannas Hand, und gemeinsam schauten sie aus dem Fenster in den dunklen Garten hinaus.
„Schau dort“, flüsterte Vito und deutete zum Himmel. „Siehst du die Sterne? Jeder einzelne leuchtet nur für dich. Und der Mond – wie sanft er alles in silbernes Licht taucht.“ Hanna schaute hinauf und staunte. So genau hatte sie den Nachthimmel noch nie betrachtet. „Und dort“, sagte Vito, „die kleinen Lichter im Gras – das sind Glühwürmchen, die in der Nacht tanzen.“
Vito zeigte Hanna all die Wunder der Nacht: die leuchtenden Glühwürmchen, die er herbeirief, die freundlichen Nachteulen, den Duft der Nachtblumen, die nur im Dunkeln blühen. „Die Nacht ist voller schöner Dinge“, sagte er. „Man muss sie nur sehen lernen.“ Hanna lächelte zum ersten Mal seit langer Zeit in der Dunkelheit.
„Du hast recht“, sagte Hanna staunend. „Die Nacht ist gar nicht unheimlich. Sie ist zauberhaft.“ Von da an fürchtete sie sich nicht mehr im Dunkeln. Und Vito hatte endlich einen Freund gefunden, mit dem er die Schönheit der Nacht teilen konnte. Jede Nacht, bevor Hanna einschlief, winkte sie ihrem fliegenden Freund am Fenster zu.
An diesem Abend kuschelte sich Hanna ganz ruhig in ihr Bett, ohne jede Angst. Durch das Fenster sah sie Vito, der ihr fröhlich zuwinkte, bevor er in die sternenklare Nacht hinausflog. „Die Nacht ist wunderschön“, dachte Hanna glücklich und schlief friedlich ein. Gute Nacht, Hanna. Und gute Nacht, kleiner Vito.
