Der kleine Leo liebte Superhelden über alles. Er hatte einen blauen Umhang, den ihm seine Oma genäht hatte, und am liebsten flitzte er damit durch den Garten und stellte sich vor, er könne fliegen. „Wenn ich nur echte Superkräfte hätte“, seufzte Leo. „Dann könnte ich fliegen, ganz stark sein und allen helfen.“ Er übte jeden Tag, doch fliegen konnte er natürlich nicht.
„Oma“, fragte Leo eines Tages, „wie bekommt man Superkräfte?“ Oma lächelte geheimnisvoll. „Weißt du, mein Schatz“, sagte sie, „die größte Superkraft hat man nicht in den Armen oder Beinen. Die größte Superkraft hat man im Herzen. Halt einfach die Augen offen, dann findest du deine eigene Kraft ganz von allein.“ Leo verstand nicht ganz, was Oma meinte, aber er beschloss, gut aufzupassen.
Am nächsten Morgen, auf dem Weg zum Spielplatz, sah Leo ein kleines Mädchen, das ganz allein auf einer Bank saß und weinte. „Was ist denn los?“, fragte Leo und setzte sich neben sie. „Ich bin neu hier“, schluchzte das Mädchen. „Ich kenne niemanden, und keiner will mit mir spielen.“ Leo überlegte nicht lange. „Dann spiel doch mit mir“, sagte er und lächelte. „Ich heiße Leo.“
Das Gesicht des Mädchens hellte sich sofort auf. „Wirklich? Du möchtest mit mir spielen?“ „Klar!“, sagte Leo und nahm sie mit zu den anderen Kindern. „Das ist meine neue Freundin“, stellte er sie vor. „Sie spielt jetzt mit uns.“ Und schon war das Mädchen mittendrin und lachte. Leo merkte, wie warm und schön es sich anfühlte, jemanden glücklich gemacht zu haben.
Am Nachmittag sah Leo, wie ein alter Mann seine Einkaufstasche fallen ließ und die Äpfel über den ganzen Weg kullerten. Schnell flitzte Leo herbei – diesmal ohne sich vorzustellen, er könne fliegen, sondern um wirklich zu helfen. Er sammelte alle Äpfel ein und legte sie zurück in die Tasche. „Vielen Dank, junger Mann“, sagte der alte Mann gerührt. „Du bist ein richtiger kleiner Held.“
Bei dem Wort „Held“ horchte Leo auf. Am Abend erzählte er Oma alles. „Heute habe ich einem traurigen Mädchen geholfen und einem alten Mann die Äpfel aufgesammelt“, berichtete er. „Und beide haben sich so gefreut.“ Oma nickte und lächelte warm. „Na, merkst du etwas, mein kleiner Held?“, fragte sie. Leo dachte nach. Und auf einmal verstand er, was Oma gemeint hatte.
„Meine Superkraft“, sagte Leo langsam, „ist Freundlichkeit. Helfen. Nett sein.“ „Genau“, sagte Oma. „Und weißt du was? Diese Kraft ist echt. Du musst nicht fliegen können, um ein Held zu sein. Jedes Mal, wenn du jemandem hilfst oder jemanden zum Lächeln bringst, bist du ein echter Superheld.“ Leo strahlte über das ganze Gesicht. Seine Superkraft war die ganze Zeit da gewesen.
Von diesem Tag an trug Leo seinen blauen Umhang mit noch mehr Stolz. Doch jetzt flitzte er nicht mehr nur herum und träumte vom Fliegen. Jetzt hielt er die Augen offen und half, wo er konnte: einem Käfer, der auf dem Rücken lag, einem Freund, der hingefallen war, seiner Mama beim Tischdecken. Und jedes Mal fühlte er seine echte Superkraft.
Am Abend, als Leo müde in seinem Bett lag, den blauen Umhang ordentlich über dem Stuhl, lächelte er zufrieden. „Heute war ich ein echter Held“, dachte er stolz. Durch das Fenster funkelten die Sterne, sein Zimmer war warm und gemütlich, und mit einem freundlichen, warmen Herzen schlief der kleine Superheld Leo glücklich ein. Schlaf gut, Leo. Gute Nacht.
