In einem kleinen Königreich lebte ein junger Ritter namens Kuno. Er war noch nicht sehr groß, und seine Rüstung war ihm fast zu schwer. Doch Kuno hatte ein gutes, tapferes Herz und wünschte sich nichts mehr, als ein echter Ritter zu sein, von dem man Heldenlieder singt.
Eines Tages kam ein Bote zum König. „Majestät“, rief er, „auf der alten Burg am Berg haust ein Drache! Niemand traut sich mehr in die Nähe. Die Bauern fürchten um ihre Felder.“ Der König schaute in die Runde. „Wer ist mutig genug, nachzusehen?“ Alle großen Ritter schwiegen. Da trat der kleine Kuno vor. „Ich gehe“, sagte er.
Die anderen lachten. „Du? So ein Knirps gegen einen Drachen?“ Doch Kuno ließ sich nicht beirren. Er sattelte sein treues Pony, schnallte sein Schwert um und ritt zur alten Burg hinauf. Mit jedem Schritt wurde sein Herz schwerer, denn er hörte schon von Weitem ein lautes, grollendes Geräusch aus der Burg.
Vor dem Tor hielt Kuno an. Seine Hände zitterten. Das Grollen war wirklich furchteinflößend. Am liebsten wäre er umgekehrt. Doch dann dachte er an die ängstlichen Bauern und ihre Felder. „Ich muss wenigstens nachsehen“, sagte er sich, holte tief Luft und schob das schwere Tor auf.
Im großen Burghof traute Kuno seinen Augen nicht. Da lag tatsächlich ein Drache – aber er kämpfte nicht, er weinte. Große, glitzernde Tränen kullerten über seine Schuppen, und sein lautes Grollen war in Wahrheit ein tiefes, trauriges Schluchzen, das durch die alten Mauern hallte.
Vorsichtig trat Kuno näher. „Warum weinst du denn?“, fragte er sanft und steckte sein Schwert weg. Der Drache hob überrascht den Kopf. „Du läufst nicht weg?“, schniefte er. „Alle haben Angst vor mir. Dabei bin ich nur so allein. Ich wollte nie jemandem etwas tun. Ich wünschte mir bloß einen Freund.“
Kuno spürte, wie sein eigenes Zittern verschwand. Hier war kein Ungeheuer, das man bekämpfen musste, sondern ein einsames Wesen, das Trost brauchte. „Dann sei mein Freund“, sagte Kuno und legte seine kleine Hand auf die große Drachenschnauze. Der Drache hörte auf zu weinen und lächelte zum ersten Mal seit langer Zeit.
Gemeinsam ritten – oder vielmehr flogen – sie zurück ins Dorf, denn der Drache trug Kuno auf seinem Rücken. Die Menschen erschraken zunächst, doch als sie sahen, wie sanft der Drache war, fassten sie Mut. Bald half der Drache sogar bei der Ernte und wärmte im Winter mit seinem Atem die frierenden Tiere.
Der König war stolz. „Kuno“, sagte er, „du hast den Drachen besiegt – nicht mit dem Schwert, sondern mit deinem guten Herzen. Das ist die größte Heldentat von allen.“ Kuno wurde rot vor Stolz. Er hatte gelernt, dass wahre Tapferkeit bedeutet, hinzusehen und freundlich zu sein, wo andere nur kämpfen wollen.
An diesem Abend, nach einem großen Fest, kuschelte sich Kuno müde in sein Bett. Vor dem Fenster lag der Drache zusammengerollt und schnarchte leise und zufrieden. Kuno lächelte. Er war ein echter Ritter geworden – und hatte den besten Freund gefunden, den man sich wünschen kann. Schlaf gut, tapferer Kuno.
